Avicii - True

 

True

 

Avicii

Veröffentlichungsdatum: 13.09.2013

 

Rating: 6 / 10

von Kristoffer Leitgeb, 23.04.2015


Wäre Avicii nicht Avicii, sein Debüt könnte ja noch so viel besser klingen.

 

Wer die MusicManiacs kennt, wird bereits gemerkt haben, die Elektronikabteilung ist nicht der 'Strong Suit' dieses kleinen Audio-Mekka. So als mutiger Erkunder der Musiklandschaft - gleich einem modernen Christoph Kolumbus, auf der Suche nach dem geheiligten Land, nur um dann doch in Amerika zu landen -, da graust einem manchmal ein bissl davor. Naja, so nur synthetisch und oft textlos, dann irgendwie meist auf der emotionalen Ebene seicht, wie es sonst nur der Neusiedler See ist. Das schreckt ab. Aber den Mutigen gehört die Welt, sagt man zu meinem Leidwesen, und deswegen gehört auch dort einmal hineingerochen, sage ich zu eurem Leidwesen. Warum dann nicht mit dem neuen Megaseller der Elektronikszene, Avicii? Der will ein neues Zeitalter anbrechen sehen, die computergesteuerte Revolution ausrufen und mit dem Debüt "True" alles ändern, was zu ändern ist.

 

Was laut Eigenaussage bedeutet, dass unter den EDM-Leuten wieder ein bisschen umgerührt werden muss und neue Einflüsse hergehören. Wer würde da nicht postwendend an Country als neue Zufluchtsstätte denken, mal ehrlich? Ok, niemand, aber das war nun mal der Gedanke des Schweden und der bedeutet eine Hitsingle, die unter dem Titel Wake Me Up irgendwann quasi jedem so auf den Geist gegangen ist, dass sie für die nächsten fünf Jahrzehnte in einer Verbotszone zusammen mit Macarena, Dragostea Din Tei oder Ein Stern ihr Dasein wird fristen müssen. Was ihr nicht gerecht wird, denn Tatsache ist, dass diese eigentlich ja doch recht zahme Eröffnung etwas beruhigend Unaufgeregtes mit sich bringt. Aloe Blacc singt sich seinen Soul von der Seele, mit ordentlich Schmalz oben drüber und ein bisschen Akustik-Gezupfe dahinter. Ist vor allem deswegen nicht fad, weil eben Aloe Blacc singt und Avicii es zwar nicht schafft, seinen Elektronik-Kram wirklich frisch klingen zu lassen, dafür aber den Amerikaner bestens in den Song einbettet und so für gesanglich starke Minuten sorgt.

Symptomatisch. Sehr sogar. Denn nicht nur ist der zweite große Hit ebenso ein, erraten, textlich sinnentleerter Country/Dance-Hybrid, nein, auch die Bedeutung der stimmlichen Hilfskräfte nimmt nicht ab. Hey Brother nutzt das nur bedingt, weil erstens Dan Tyminski nicht wirklich an Blacc herankommt, aber auch weil die stupiden Synthie- und Keyboard-Zwischenspiele noch weniger leisten.

 

Man lebt damit, eigentlich ganz ordentlich sogar. Die Schwächen werden erst dann gnadenlos offengelegt, wenn der Fokus vermehrt auf die Arbeit des schwedischen DJs fällt. Seine Keyboards hat er unter Kontrolle, das beweist das hoffnungsvolle Intro von You Make Me, das mit seinem abgehackten, robotischen Klang zwanzig fabelhafte Sekunden ergibt. Ansonsten hat der Song aber wenig außer hochgeschraubten Gesang und eindrucksvoll fade Synthie-Fetzen zu bieten. Avicii hat seinen Sound offenbar gefunden, nur leider ist der äußerst ungelenk und amateurhaft. Die Basteleien am Computer lassen selten Spielerisches erkennen, dafür regiert eine kühle Aura, eine bis zum Exzess geglättete Produktion und fehlendes Gefühl für die richtigen Effekte zum richtigen Zeitpunkt. Der beste Beweis ist sein achtminütiges Herumtoben in Dear Boy, in dem schrille Synthesizer auf seine banal-hämmernden Beats treffen und in ihrer simplen On-and-Off-Melodie nie wirklich aufhören wollen.

 

Jetzt kommt aber doch zwischendurch zum Vorschein, dass der Mann nicht komplett degeneriert ist. Denn es wimmelt von weiteren Gaststars, die in manchen Fällen für wirklich großartige Vorstellungen sorgen. Allen voran darf sich dieses Lob Audra Mae umhängen lassen, die die dezenten Klaviersounds und den zurückhaltenden Beat von Addicted To You mit ihrer voluminösen Performance zum Leben erweckt. Die Dame packt ihr ganzes Register aus, verleiht der Nummer einen Charme, der direkt aus den 30ern stammen könnte, und verhilft Avicii so zu einem der wenigen wirklichen Treffer. Die Konkurrenz singt in Form von Linnea Henriksson zurück. Deren rauchig-helles Organ bettet sich stark in das atmosphärische Hope There’s Someone ein, das zwar etwas zu überproduziert und lang daherkommt, mit der guten Symbiose aus Gesang und den einprägsamen Keyboard-Parts aber zu den klaren Gewinnern zählt. Diese beiden werfen ganz eindeutig die Frage auf, warum nicht einfach immer Frauen in Elektroniksongs singen. Es würde wohl einiges aufwerten.

 

Doch diese schräge Zweigleisigkeit zwischen immer gleichem Elektronikstil und den hineingepressten Vorbildern Country, R&B und Soul, sie endet nicht einfach. Eigentlich schon, hab gelogen. Sie wird aber erweitert, denn ein nicht unlebendiger 70er-Funk-Disco-Track darf mit Lay Me Down auch noch drauf. Der hat für den Funk Gitarrist Nile Rodgers und für die Ablenkung von den Synthies Adam Lambert als passable Stimmgewalt. Ach ja, Avicii gibt’s ja auch noch. Auf den hätten wir fast alle vergessen. Der zeigt nur einmal so wirklich, dass er in seiner früheren musikalischen Heimat noch nicht völlig orientierungslos ist. Liar Liar wird mit seinen schrägen Keyboard-Lines im Orgel-Stil - irgendwo zwischen Phantom der Oper und Bauerndisco - zur lohnendsten seiner Expeditionen. Noch einmal gibt’s mit der weiblichen Hälfte von Blondfire gesangliche Unterstützung, viel wichtiger ist aber die wirklich gelungene Balance der dahinter liegenden Einzelteile.

 

Diese paar Minuten rehabilitieren den Schweden als Musiker trotzdem nicht wirklich. Weil noch ein unnötiges Instrumental am Album dran hängt, vor allem aber, weil er fast die ganze Zeit über im Schatten des zu Hilfe geholten Personals steht. Ebendort liegt die Stärke von "True", denn die Auswahl an Sängern ist fast durchgehend eine äußerst gute und verdeckt wohl so manche Schwachstelle. Insofern war Aviciis Entscheidung gegen ein wirkliches EDM-Album und für Dance-Pop nicht die schlechteste, begibt sich doch er damit öfter mal aus der Schusslinie, heimst aber quasi die Lorbeeren für die Arbeit anderer ein. Deswegen das kryptische Urteil: Aviciis Debüt ist nicht schlecht, es wäre nur ziemlich sicher besser ohne Avicii.