Asfast - Peace In Drifts

 

Peace In Drifts

 

Asfast

Veröffentlichungsdatum: 01.05.2017

 

Rating: 7.5 / 10

 

von:

Kristoffer
Leitgeb

 

am:

06.10.2017


Minimalistisches Klangpuzzle im Zwiespalt zwischen elektronischer Kälte und kryptischer Emotionalität.

 

Es ist schon ein klein wenig, also eigentlich sehr unfair, sich der althergebrachten kritischen Bewertung durch Normalsterbliche zu entziehen, indem man einfach so aus den bekannten Mustern der Musik ausbricht und stattdessen etwas fabriziert, das am besten als Irgendwas zu klassifizieren wäre. Das sei hiermit allen Stockhausen-Imitatoren hinter die Ohren geschrieben! Man könnte es auch Leon Leder hinter die Ohren schreiben, nach allem, was er als Asfast bereits in die Welt entlassen hat. Wer sich elektronischer Instrumentalkunst hingibt und dabei statt in simplem Dance oder melancholischem Trip-Hop eher in der Zusammenstellung digitalisierter Haikus die Formvollendung sucht, provoziert so etwas. Andererseits wäre die Musikwelt um einiges ärmer, gäbe es nicht diese eigenwilligen Köpfe, die sich an ihren Rändern austoben und dort in Kauf nehmen, dass Stirnrunzeln und ein Haufen "Hä?" als Reaktionen auf sie zukommen. Und manchmal gerät gerade so etwas nebenbei zu einer kleinen Sternstunde der experimentellen Musik. "Peace In Drifts" kratzt zumindest daran.

 

Was leicht in Worten erklärbare, allerdings umso schwerer greifbar zu machende Gründe hat. Die LP lässt sich schon beschreiben, nur wird eine Beschreibung wenig dazu beitragen, dass das Vorstellungsvermögen eifrig Lesender angeregt wird und dabei auch noch etwas Konkretes herauskommt. Denn Asfasts Zugang zu elektronischer Musik ist einer, der anscheinend den Anspruch an sich selbst stellt, den Begriffen Reduktion und Kryptik neue Dimensionen zu geben. Folglich übt sich der Wiener darin, jene Muster, die man gemeinhin im Dance, im Trip-Hop, im Jungle, Industrial, selbst im Ambient-Genre sucht und findet, in ihre Einzelteile zu zerlegen, zu zerstückeln und in Formen zu bringen, die im ersten Moment eine groteske, weil in ihrer relativen strukturellen Einfachheit absurde Assoziationen hervorrufende Qualität haben. Während die Introsequenz von Poser die gespenstischste Tennis-Partie der Geschichte darstellt, im Dunkeln an Urzeit-Game Pong erinnert, lässt einen Well mit Gedanken an digitalisierte Harfenklänge zurück und holt Airs das klangliche Minimum aus dem eigentlich von Ramona Lisa angestrebten Ziel der Pastoral Electronic Music heraus.

 

All das wird bei der Einordnung der Tracks noch nicht wahnsinnig viel helfen. Zur Vereinfachung könnte man Asfast in der Tradition von Aphex Twin als hemmunglosen elektronischen Experimentator stellen, würde damit aber den Fehler begehen, den ebenso hemmungslosen Eklektizismus von Aphex Twin mit der ungleich einheitlicheren Linie und dem noch immer dezent durchscheinenden Rave-Background des Österreichers gleichzusetzen. Zwar ist die Spannweite von der viereinhalbminütigen Noise-Collage Peacepie, einer quasi-Zusammenstellung elektronischer Störgeräusche zu einem ebenso fragwürdigen wie faszinierenden Ganzen, bis zum unerwartet rhythmischen und doch gespenstischen Dance-Minimalismus von Drift groß genug, um nicht von Einförmigkeit reden zu können. Doch die zugrundeliegende Atmosphäre der LP ist eine in sich geschlossene, gekennzeichnet von schwer definierbarer, nagender Kälte einerseits, einem zu erahnenden Hauch verträumter Melancholie andererseits. So und nicht anders ließe sich die emotionale Qualität jedes Tracks hier beschreiben, wie abstrakt oder strukturiert er auch sein mag.

 

Das gute Stichwort Struktur führt uns dann dorthin, wo Asfast eine willkommene und wichtige Mauer zwischen sich und der Stockhausen'schen Unberechenbarkeit aufzieht. Trotz fast in jeder Eröffnung fehlender Rhythmik oder erkennbarer melodischer Muster, stecken in den Songs Strukturen, die gerade deswegen beeindrucken, weil der spartanisch wirkende Mix aus unterschiedlichsten elektronischen Sounds sie nicht direkt preisgibt. Draft und Bump Cut sind ideale Beispiele dafür, ergehen sich zu Beginn in langgezogenen, in der Stille verhallenden Klängen, die erst langsam in klar definierbare Soundabfolgen übergehen. Dass der Begriff Melodie da weniger vorkommt, ist ganz bewusst, denn für den sind die bruchstückhaften, digitalen Puzzles, die Asfast zusammensetzt und zu metallisch-kargen Gesamtbildern werden lässt, nicht geeignet. Doch in der Wiederholung anfangs willkürlich kombinierter Töne liegt dann auch die Stärke manches Tracks.

Das wiederum kann damit zusammenhängen, dass sich "Peace In Drifts" gleichermaßen als Soundtrack dystopischer Horrorvisionen verstehen lässt wie wohl auch als bewusstes Unkenntlichmachen gängiger Muster in der elektronischen Musik. In der Theorie ist die LP nämlich nicht frei von eingängigen Melodien oder tanzbaren Beats, doch die bewusste Streckung, Beugung und Überführung in alles andere als wärmende Soundwelten dieser Dinge lässt daraus ein faszinierendes Schauspiel werden.

 

Vielleicht etwas zu faszinierend, um mich dann auch noch vollends zu überzeugen. Es wäre eine eklatante Themenverfehlung, würde man bemängeln, dass es der LP an eingängigem Material oder Replay-Wert mangelt. Letzteres hat sie nämlich und ersteres ist nirgendwo so fehl am Platz wie hier. Trotzdem sind musikalische Rätsel nicht der Qualität letzter Schluss, wenn sie einen nicht entweder komplett ummanteln und in eine eigene, abgeschottete Welt führen oder aber mit entsprechender emotionaler Eindringlichkeit aufwarten können. "Peace In Drifts" kann in dem Sinne beides und doch nichts in vollendeter Form. Die starre, karge Ausstattung des Albums und die reiche Palette kaum definierbarer, beinahe gruselig maschinell wirkender elektronischer Klänge sorgen dafür, dass ein in sich geschlossenes und auf unübliche Art imposantes Schauspiel entsteht, das einen nicht unberührt lässt. Eindruckslos verhallt hier ganz sicher kein Track, nichtsdestoweniger mangelt es hier effektiv jeder dieser Soundcollagen am nötigen Klimax oder dem klanglichen Haupttreffer, um sich langfristig einzubrennen. "Peace In Drifts" schwelt vor sich hin und beeindruckt dabei, es fehlt lediglich der letzte Schritt für ein Meisterwerk der Undefinierbarkeit. 

 

Anspiel-Tipps:

- Bump Cut

- Drift

- Airs


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