Alanis Morissette - Supposed Former Infatuation Junkie

 

Supposed Former Infatuation Junkie

 

Alanis Morissette

Veröffentlichungsdatum: 03.11.1998

 

Rating: 7.5 / 10

von Kristoffer Leitgeb, 18.06.2016


Dem Weltstar-Dasein folgt die Flucht nach vorne und damit das Ziehen aller musikalischen Register.

 

Wir alle haben unsere Probleme mit dem Genre-Dogma, soviel lässt sich wohl gefahrlos festhalten. Die ständig ausgefochtenen und genau deswegen immer neu gezogenen und erweiterten Gräben zwischen den vielen Musikstilen, sie sind nicht mehr als ein Mahnmal für den gesellschaftlichen und wahrscheinlich auch individuellen Schubladisierungs-Zwang. Feige zurückrudernd sei angemerkt, dass wir uns reichlich schwer täten, wenn wir nicht zumindest so tun könnten, als würde dieses Album genau dort hinein passen, während ein anderes ganz woanders hin gehört. Wir Menschen brauchen eben Ordnung. Trotzdem ist es in der Welt akustischer Genüsse manchmal unangenehm, gerade dem Pop-Label strebt kaum einer zu - außer Taylor Swift. Freudestrahlend dürfte auch Alanis Morissette nicht reagiert haben, als man sie Mitte der 90er zum großen neuen Pop-Star gemacht hat. Möglich, dass es nur durch ihre ersten beiden, allzu kitschigen Teen-Pop-Alben bedingt war. Möglich auch, dass sie selbstbewusst genug war, um dem mit entsprechendem Desinteresse zu begegnen. Doch der Nachfolger für den Megaseller "Jagged Little Pill" lässt anderes erahnen. Ob schlichte künstlerische Entwicklung oder die Flucht vor dem Pop-Schicksal wird nur die Kanadierin selbst wissen, doch auf "Supposed Former Infatuation Junkie" weht ein anderer Wind.

 

Ihr Durchbruch war ja noch von sehr gleichmäßigen Windverhältnissen geprägt. Eine konstante steife Brise quasi, manchmal - wie im Falle von Hit Ironic - sehr gelungen, manchmal naja. Drei Jahre später erlaubt sich Morissette aber weder musikalische Gleichmäßigkeit, noch ergibt sie sich dem Pop. Die vierte LP ist ein langgezogenes und vielschichtiges Spektakel, dessen Fundament immer noch ihr für viele schwieriges stimmliches Lamentieren und die seelisch freizügigen Texte sind. Doch gebaut wird darauf anders. Die Hit-Formel, sie darf immer noch die starke Leadsingle Thank U formen. Die ist mit ihrem trockenen Hip-Hop-Beat eine Erinnerung an den Vorgänger, gibt sich in vielerlei Hinsicht zahm und überaus harmonisch, nur der Verzicht auf geglättete Riff-Wände illustriert den neuen Stil, der sich musikalisches Neuland zutraut und vorsichtige Schritte weg vom etwas kitschigen Pop-Rock macht. Eine Mid-Tempo-Hymne diesen Schlags steht wenig überraschend an der Spitze der Charts, was sie allerdings nicht davor bewahrt, genauso von der lyrischen Kryptik der Songwriterin gekennzeichnet zu sein. Egal, ob wie hier im rein elektronischen Gewand, mit Streichern als Unterstützung oder im klassischen Rock-Stil, Morissette balanciert gekonnt zwischen ungeschminkter Wahrheit und die Interpretationswut fördernden Textbrocken offenen Tiefgangs.

 

Das allein reicht nicht, um einem über eine Stunde lang den Blick auf die Uhr abzugewöhnen. Dazu braucht es genau das, was auf musikalischer Ebene oft genug geboten wird, nämlich Abwechslung. Immer wieder begibt sich die Songwriterin ganz gerne zurück auf die Pfade poppiger Ohrwürmer wie im Falle des frappant an Madonna erinnernden So Pure, das plötzlich lockere Dance-Sounds zulässt. Doch es regieren andere Strömungen, aufbauend einerseits auf intimer Theatralik im Balladen-Format, andererseits auf die aus Hip-Hop, Akustik-Rock, Post-Grunge und asiatischen Einflüssen zusammengebauten Mid-Tempo-Songs, die oft genug eine hypnotisch-meditative Kraft entwickeln, ohne dabei die Hooks aus den Augen zu verlieren. Die dröhnenden Riffs von Baba, befeuert von Morissettes unheilschwangerem, gepresstem Gesang, beginnen so schon früh das aufzubauen, was vom kindlich-warmen Gezupfe in UR oder der mediterranen Percussion des schwelenden The Couch aufrecht erhalten wird. Eine LP voller Ideen, voller gewichtiger - wenn auch manchmal schwer interpretierbarer - Zeilen, voller gleichsam eindringlicher wie pathetischer Performances der Sängerin.

 

Auf diesem Parkett rutscht es sich leicht aus. Allein, sie rutscht nicht. Die Balladen machen ihr trotzdem Probleme. Es sind dies die Minuten, die am ehesten ihrem oft schwer zu verdauenden Gesang ausgeliefert sind. Leidenschaftlich geht sie eindeutig zu Werke und auch sicher kontrollierter als noch drei Jahre zuvor. Doch bei aller Ausdrucksstärke, die ihre Stimme mitbringt, mangelt es ihr bei Zeiten an der Fähigkeit, Sympathien hervorzurufen. Die Piano-Ballade Are You Still Mad ertrinkt so ein bisschen in ihrem Flehen, findet keine Balance zwischen den hellen Klavier-Tönen, dem harten Beat und Morissettes übertriebener Darbietung, die sich immer dann auszeichnet, wenn sie auf ein dezentes Dahinschweben reduziert wird und nicht zum dramatischen Quieken verkommt. Ähnliche Probleme plagen die Ode an die eigene Mutter Heart Of The House und That I Would Be Good, beides Momente, deren Emotionalität einem zu penetrant wirkt, um noch wirklich zu greifen. Entbehrliche Minuten, ohne die das Album etwas luftiger geworden wäre, die aber trotzdem vor allem davon zeugen, wie fähig die Kanadierin und ihre musikalische Unterstützung sind, wenn es darum geht, die so unterschiedlichen Klänge der LP möglichst reibungslos und stimmig zu inszenieren.

 

Und doch, es darf gern anders klingen. Unheilvolle Aggressivität kristallisiert sich bald als guter Nährboden für starke Songs heraus. Can't Not veranschaulicht das, paart die helle Stimme mit knöchernen Elektronik-Klängen, drückenden Streichern und melodiebefreiten Riffs, die die Refrains im genau richtigen Maße antreiben. Dass es gleichzeitig gelingt, diesem Track mit einer dezenten Streicher-Bridge noch eine sanfte Note mitzugeben, spricht nur für die Beteiligten. Auch im Falle des pulsierenden Beats und der perfekt eingeflochtenen Synth-Streicher-Paarung von I Was Hoping oder dem kantigen Grunge von Sympathetic Character führt genau diese unruhige, leicht düstere Aura zum Erfolg. Am stimmigsten gelingt diese in Joining You, dessen konträre Paarung aus schwelenden, kratzigen Riffs in den Strophen und gesangsdominiertem, hellem Sound im Refrain für ein großartiges Kombi-Package sorgt, die beiden dominierenden Strömungen des Albums ideal einfängt.

Denn es gibt sie natürlich schon auch, die positiven Momente. Ob in der akustischen Ruhe von UR oder dem partytauglichen und doch kantigen Elektronik-Gemisch von So Pure, Morissette gelingen die notwendigen Ablenkungen vom Ernst des Lebens ähnlich gut wie die Ergründung ebendessen. Was aber auch bedeutet, dass es diesen Minuten genauso an Genialität mangelt wie fast allem hier. "Supposed Former Infatuation Junkie" ist die Zurschaustellung einer beneidenswerten qualitativen Konstanz, doch es fehlt einem der wirkliche Außreißer nach oben. Nirgends gelingt es, einen voll und ganz zu vereinnahmen, nirgends packt einen ein Track über die volle Länge.

 

An den Texten kann das eigentlich nicht liegen. Morissette gibt sich alle Mühe, den Begriffen Authentizität und Emotionalität gerecht zu werden. Dafür scheut sie vor persönlichen Offenbarungen genauso wenig zurück wie vor den klarsten Formulierungen. Allerdings leiden die Zeilen darunter, dass sie geschrieben oft besser daherkommen als gesungen. Vielleicht nicht ganz, aber die offensichtliche Vorliebe der Kanadierin für das Ignorieren des Reims oder üblicher Versgestaltung ist mitunter störrisch. Manches wirkt unflüssig, verliert durch die freimütige gesangliche Interpretation an Nachdruck. Die Ergründung psychologischer Unwelten gelingt ihr trotzdem. Überhaupt ist genau das ein berechtigtes Markenzeichen. Das Video zu Thank U zeigt es vor: Alanis zieht blank. Also seelisch vor allem. Der Ehrlichkeit und Wortfülle ihrer problembeladenen Geschichten erliegt nicht jeder, doch an aufwühlendem Gesprächsstoff dürfte es der Kanadierin nicht mangeln.

 

Wie es ihr überhaupt offensichtlich an recht wenig mangelt auf ihrer vierten LP. Eher noch ist ein bisschen zu viel von allem da, weswegen man in Gedanken daran denkt, wie denn die Playlist etwas effektiver gestaltet hätte werden können. Ein kleiner Cut hier, einmal einen Song streichen dort und schon wäre mehr möglich. Andererseits wäre es schade darum, denn "Supposed Former Infatuation Junkie" macht den Eindruck eines zusammenhängenden Ganzen, das gut und gerne auch so veröffentlicht gehört. Als Manifest der Verletzlichkeit und Selbstreflexion, als Zeichen musikalischer Vielseitigkeit, in der unweigerlich auch Selbstüberschätzung steckt, als Kampf gegen die drohende Schubladisierung des eigenen Schaffens. Dieses Kunststück ist gelungen, den ein oder anderen Hit hätte sich Morissette aber trotzdem noch erlauben dürfen.

 

Anspiel-Tipps:

- Can't Not

- I Was Hoping

- Joining You