ABBA - Waterloo

 

Waterloo

 

ABBA

Veröffentlichungsdatum: 04.03.1974

 

Rating:  6.5 / 10

von Kristoffer Leitgeb, 19.09.2020


Mit ungewohnter Genrevielfalt und verfeinertem Popgefühl auf dem Weg zum eigenen Gipfel.

 

Seien wir ehrlich, jeder kennt Waterloo, jeder weiß, woran er da zu denken hat und was es bedeutet. Es war ein lauer Junitag, als sich auf der einen Seite ein Franzose überschaubaren Körpermaßes anschickte, Europa ein zweites Mal mit seiner Armee niederzurennen, auf der anderen Seite ein paar andere Leute, deren Namen genau niemanden interessieren, die das zu verhindern gedachten. Man traf sich im heutigen Belgien, plauderte ein bisschen, spielte groß angelegtes Schach, machte mit der Artillerie ein bisschen Lärm und am Ende einigte man sich darauf, dass der Mann mit der Hand im Röckchen doch nicht ganz so viel zu sagen haben sollte. Ein in Europa lange Zeit übliches, zutiefst diplomatisches Ereignis, das damit endete, dass ebendieser Mann, Napoleon Bonaparte, seinen Lebensabend nur unweit vom europäischen Festland auf einer gemütlichen Ferieninsel ausklingen ließ, anstatt zu herrschen. Warum auch nicht, so ein wenig Frieden hat was.

Über 150 Jahre später machten sich ein paar Schweden diese historischen Geschehnisse schamlos zunutze und eroberten auf ihre Art, beginnend mit Waterloo, nicht nur Europa, sondern beinahe die ganze Welt. Napoleon hatte wenig davon, durfte nicht mal das Urheberrecht beanspruchen, ABBA klingen aber immerhin oft genug gut genug, dass man ihnen das fast verzeihen will.

 

Wobei man hier durchaus der Mülltrennung mächtig sein muss. Zumindest in dem Sinne, dass man den Müll vom starken Pop-Handwerk trennt. Waterloo selbst, dieser eine Song-Contest-Song, der es tatsächlich geschafft hat, eine dauerhaft erfolgreiche Weltkarriere zu begründen, zählt hier eindeutig zur guten Seite. Nicht nur, dass mit dem Song die Blaupause für spätere, mit glorreichen Melodien gesegnete Ohrwürmer der Marke ABBA inklusive der unverzichtbaren stimmlichen Qualitäten der beiden Damen im Vordergrund, gefunden war, es handelt sich auch noch um den lockersten dieser Sorte. In diesem Sinne ist der Track sinnbildlich für das gleichnamige Album, das in vielerlei Hinsicht bereits die späteren Qualitäten der Band vorwegnimmt, dabei aber weit weniger angespannt, nicht so sehr dem kitschigen, glitzernden Sound verfallen wirkt. Waterloo selbst besticht dahingehend auch durch den weniger der geschliffenen, glatten Präzision  geopferten Klang, macht das Zusammenspiel vom wuchtig dahintrabenden Klavier und den locker groovigen Gitarren fast schon zum Duell, streut fast schon chaotisch noch hier und da das Saxophon und Claps ein. Daraus wird dann etwas, das nicht nur dem Vergessen widersteht, sondern das auch noch auf eine so energiegeladene, dynamische Art macht, wie man das vom schwedischen Quartett sonst so gut wie nie wieder zu hören bekommen hat.

 

Energie ist ein gutes Stichwort, um auch gleich eine andere positive Eigenheit des Albums innerhalb des ABBA-Universums zu beleuchten. Mit King Kong Song und Watch Out wagt die Band nämlich danach zwei umgehend als merkwürdig wahrgenommene Ausritte in eine Richtung, die irgendwo zwischen Glam Rock und fast schon Hard Rock liegt, zumindest daran anstreift, sich aber damit unerwartet positiv hervortut. Zum einen kommen die gitarrenlastigen Minuten prinzipiell alles andere schlecht, zum zweiten verträgt sich die melodieselige, auf einen eingängigen Refrain schielende Art der Band durchaus gut mit der härteren Gangart und zum dritten ist Watch Out einfach mit einem wirklich starken Tandem aus Gitarre und Bass gesegnet, das auch ein paar schrillere gesangliche Sekunden aushält. Da gibt es wenig zu beanstanden, auch weil sich hier auch die stärkere Präsenz der beiden männlichen Bandmitglieder bezahlt macht und Björn gesanglich die hellen weiblichen Stimmen ausgleicht und in den Strophen ersetzt.  Der King Kong Song ist dem gegenüber zugegebenermaßen seinem Titel entsprechend grenzwertiger, wirkt aber auch fast so wie eine Parodie und macht allein durchaus Spaß, wenn sich zwischen kratzigen Riffs, Klavier und pulsierendem Bass das ganze Quartett stimmlich austobt, fast ins Gröhlen verfällt, jedenfalls aber auf sonderliche Harmonie pfeift.

Mit Blick auf das ganze Album, möchte man fast sagen, dass es schlechter wird, je ruhiger sich die Songs präsentieren. What About Livingstone und der zweite, kleinere Hit der LP, Honey Honey, nehmen als beschwingte Up-Tempo-Pop-Songs noch angenehme Plätze in der Tracklist ein, Sitting In The Palmtree auf der anderen Seite zeigt schon früh die Schwierigkeiten, die man hier auch haben kann. Aus dem Nichts kommt da auf einmal ein bisschen Reggae ums Eck, gar nicht grausam intoniert, aber doch zum Nachteil der oft genug dynamischen Rhythm Section, vermengt sich noch dazu suboptimal mit der charakteristischen Mehrstimmigkeit und den schmalzig anmutenden Synthesizern.

 

Der Schmalz ist dann auch gleich das zweite, sehr gute Stichwort, will man sich den deutlichen Schwachstellen des Albums widmen. Fast allen ist gemein, dass sie die negativen Seiten späterer Alben, diesen überproduzierten, melodramatischen und kitschigen Hochglanz-Pop, heraufbeschwören und damit untergehen. Der Tiefpunkt dessen ist die jede Atmosphäre entbehrende Ballade Gonna Sing You My Lovesong, deren stark gesungene Strophen vom komplett fehlgeleiteten mehrstimmigen Refrain, später von den zunehmend dominanteren Synthesizern zerstört werden. Dance (While The Music Still Goes On) wirkt ähnlich lethargisch und schafft es noch weniger für ein bisschen spürbare Emotion auf klangliches Understatement zu setzen. Hasta Ma ñana macht diesbezüglich ein bisschen mehr richtig, landet damit aber wiederum leider im Terrain eines schmalzigen Schunkel-Schlagers, dem auch das erfrischend luftige Arrangement nicht helfen kann. Einziger Lichtblick auf dem Gebiet ist der starke Closer Suzy-Hang-Around, das zum einen aus dem dominanten Bass, den wuchtigen Drums, dem Moog Synthesizer und dem Clavinet ein eigenwilliges, aber harmonisches Ganzes formt, vor allem aber als von Benny Andersson gesungener, wehmütiger Blick auf die 70er-Version einer Mobbing-Geschichte aus der Kindheit zur Abwechslung mal wirklich gefühlvoll und atmosphärisch klingt.

 

Das ist aber dann doch ein bisschen zu wenig für irgendetwas Meisterliches. Dementsprechend geht "Waterloo" nicht als erstes großartiges Album von ABBA durch, was allein schon daran liegt, dass sich die ernsthafte Frage stellt, ob sowas wie ein großartiges ABBA-Album überhaupt existiert. Mit dieser Einschränkung im Hinterkopf lässt es sich dann aber doch rechtfertigen, die zweite LP der Schweden als eine ihrer besten, vielleicht überhaupt als ihre beste zu bezeichnen. Grund dafür ist die günstige Position zwischen der noch stattfindenden Selbstfindung, die sich im einen oder anderen Genreausritt und lockerem Liedgut manifestiert, und den Anfängen späterer Produktions- und Glitzerexzesse. Mit letzteren geht nämlich auch die alsbald gefundene Pop-Perfektion, das Feingefühl für außergewöhnliche starke Melodien und Refrains und der prägnant-starke Gesang einher, der die imponierendsten Hits der Band erst zu solchen gemacht hat. Diese Mischung lässt einen auf "Waterloo" zwar zwischendurch genauso mit Kitsch und Fadesse hängen, wie es die Schweden sonst auch immer zusammenbringen, kann aber auch mit ein paar ganz eigenen Stärken aufwarten.

 

Anspiel-Tipps:

- Waterloo

- Watch Out

- Suzy-Hang-Around