MusicManiac Top 10

MusicManiac Top 10 - The Velvet Underground Songs

Der Kollege hat bei der letzten Top 10 etwas von popmusikalischer Geschichte geschrieben und so fühle ich mich dazu verpflichtet, angemessen nachzuziehen. Und weil nur wenige Interpreten von sich behaupten dürfen, die Welt nachhaltig verändert zu haben und einige davon nicht ganz meinem Horizont entsprechen - eine Mozart-Top-10 sehe ich daher in naher Zukunft nicht -, widmen wir uns enthusiastisch einem Trio aus Washington, dem die musikalische Finesse nie so wirklich nahe war. Deswegen gebührt Nirvana und der Longplayer-Legende "Nevermind" auch sicher nicht der Titel des besten Albums aller Zeiten, aber ohne jeden Zweifel ist es eines der wichtigsten. So oder so haben gerade einmal sieben aktive Jahre genug unvergessliche Performances und geniale Ideen hervorgebracht, dass sich Kurt, Dave und Krist das ein oder andere Denkmal durchaus verdient haben. Am allermeisten für die folgenden zehn Songs.

 

erstellt am: 28.01.2017


 

10.

 

Radio Friendly Unit Shifter

 

In Utero

1993

Die dritte Studio-LP der US-Amerikaner sollte ja nicht nur ihre beste werden, sondern zuallererst einmal ein lautstarker Abschied vom beinahe zum Pop-Rock weichproduzierten Grunge des Vorgängers sein. Zwar hat sich Cobain dann doch nicht ganz getraut und zumindest teilweise nachschärfen lassen, geblieben ist aber trotz allem ein Haufen Songs, deren Hauptmerkmale eine Dauerkanonade mit schmerzhaft verzerrten Riffs und zurückhaltende Produktion waren. Während die Singles das weniger widerspiegeln, passt Radio Friendly Unit Shifter perfekt ins Bild. Für so etwas wie eine wirkliche Melodie gibt sich Cobain da ohnehin nicht her, unangefochtener Hauptantrieb ist das wuchtige Getrommel von Grohl, der Rhythmik und Härte wie wenig andere Drummer zu verbinden weiß. Man bekommt also häuptsächlich eine brachiale Rhythm Section und übereinandergestapelte Distortion-Exzesse, charmant wie der Klang einer Bohrmaschine und verdammt effektiv.


 

9.

 

Negative Creep

 

Bleach

1989

Unnachahmliche Melodik war natürlich auch das Trumpf Ass der ersten, wenig zaghaften Schritte der Band im Studio. Dementsprechend zeichnet sich das Debüt häufig durch Songs aus, deren metallastige, montone Härte leicht als Rohform späterer Kompositionen gesehen werden könnte. Abgesehen von Cobains wenig sympathischem Desinteresse an seinen Texten, ist aber bestenfalls Chad Channing als Drummer ein kleines Manko. Ansonsten zeichnet die LP bereits hin und wieder späteres Pop-Feingefühl, an anderer Stelle dafür die unerbittliche Emotionalität der besten Nirvana-Augenblicke aus. Genau das ist es auch, was Negative Creep zu mehr als nur einem starken, punkigen Grunge-Song macht. Vielleicht Cobains erster Anflug autobiografischer Verarbeitung, braucht es tatsächlich nicht mehr als vier vollständige Zeilen und schrankenloses Gebrüll, um einem seine immerwährende Depression überdeutlich zu machen.


 

8.

 

Dive

 

Sliver

1990

Ursprünglich als B-Side zur Single Sliver zu bestaunen, wurde dem deutlich stärkeren Dive dann erst zwei Jahre später auf "Incesticide" ein prominenteres Plätzchen gegeben. Die Compilation beginnt also gleich mit dem besten Track und dem letzten Drum-Part des 1990 entsorgten Chad Channing. Auch mit diesem gelingt es aber, die Marschrichtung zum großen Durchbruch vorzugeben. Melodischer ist man plötzlich unterwegs, Jack Endinos Produktion überlässt dem Bass vom ersten Moment an eine gesunde Hauptrolle und Cobain hat gesanglich endgültig seinen Sound gefunden. Etwas gemächlich ist man beinahe unterwegs - Channings lethargischen Drums sei Dank -, das hat aber den nicht zu leugnenden Vorteil, dass man die einfache und gerade deswegen geniale Hook umso mehr genießen kann.


 

7.

 

Even In His Youth

 

With The Lights Out

2004

Irgendwann 1992 brachten Kurt, Dave und Krist "Hormoaning" heraus und da war Even In His Youth mittendrin statt nur dabei. Was aber damals keiner wusste, auch nicht beim Release als B-Side von Smells Like Teen Spirit, wurde erst 2004 plötzlich klar: Den Song gibt's auch in viel besser. Tatsächlich klingt nämlich die drei Jahre ältere Demoversion nicht nur härter und erwartbar roher, sondern erspart sich auch irgendwelche musikalischen Mätzchen, die vom wenig positiven Kern des Songs ablenken könnten. Grund für den frühen Volltreffer könnte auch ganz einfach sein, dass Nirvana immer noch am besten sind, wenn Cobains ziemlich formloser Gesang und vor allem seine düstere Todessehnsucht im Mittelpunkt stehen. Da hilft es, dass ihm sein erster genialer Auftritt gelungen ist, der Riff noch eine Spur eher kraftvoll nachhallt und die Zeilen zu den direktesten seiner ganzen Karriere gehören: "If I die before I wake / Hope I don't come back again"


 

6.

 

Pennyroyal Tea

 

MTV Unplugged In New York

1994

Das finale Produkt des Nirvana-Dreigespanns wird wohl auf ewig einen ganz eigenen Platz in der Musikgeschichte haben. Dabei war ein Unplugged-Album jetzt gar nichts, worüber sich ein Kurt Cobain so wahnsinnig gefreut hätte. Da fehlt es an E-Gitarren. Auch deswegen hat er während des Auftritts immer wieder leicht durchblicken lassen, dass er sich wohler fühlen hätte können. Vielleicht hat es aber gerade dieses Umfeld gebraucht, damit Cobain ohne große Ablenkungsmanöver, ohne sein ausgeprägtes Popverständnis einfach einmal alles in seine Stimme reinwerfen und ähnlich viel von sich preisgeben musste bzw. konnte. Diesem Umstand wird man nirgendwo näher kommen als auf der Soloaufnahme von Pennyroyal Tea, dessen Strophen ohne elektrische Unterstützung irgendeiner Art ungleich ausdrucksstärker wirken und das einem die krächzend-brüchige Stimme des Frontmanns so exponiert zeigt wie nie davor. Bei all dem ist umso bemerkenswerter, dass die starke Melodie immer noch allgegenwärtig ist.


 

5.

 

The Man Who Sold The World

 

MTV Unplugged In New York

1994

Eine durchaus überraschende Erkenntnis, die man durch die Unplugged-LP gewinnen konnte, war die, dass Nirvana möglicherweise als mehr oder weniger akustische Cover-Band besser gewesen wären als in ihrer wirklichen Form. Dass sich das Trio nämlich einfach so eines Tracks von Großmeister David Bowie annehmen konnte und in der Folge das Original ziemlich schäbig daneben klingt, sagt bereits so manches aus. Wahrscheinlich rührt das daher, dass Bowie bei all seiner Emotion immer auch ein ziemlicher Exzentriker war und deswegen seine Songs selten auf deren Reinform reduzieren wollte. Cobain und Co. haben mit ihrer geschummelten Unplugged-Version allerdings genau das gemacht und nicht mehr als das Allernötigste, im Endeffekt einen verstärkten, teils leicht verzerrten Riff und eine unverwechselbare Stimme, die Cobain aber so weit vom Krächzen ferngehalten hat, wie es ihm nur möglich war.


 

4.

 

Come As You Are

 

Nevermind

1991

Es war letztendlich ein etwas unwillkommener Kommentar Cobains, dass er selbst mit "Nevermind" nicht so ganz zufrieden war. Die Welt war schon verrückt danach und hatte entschieden, dass an der LP nichts mehr zu verbessern ist. Irgendwie dann aber doch, was dazu führt, dass hier ein einsamer Song den wichtigsten Longplayer der letzten 30 Jahre zu vertreten hat. Und Come As You Are musste es werden, weil kein anderer Track die geschliffene Produktion Butch Vigs so gut in Atmosphäre umzuwandeln wusste. Der effektvolle, gedämpft anklingende Riff gehört ohne Zweifel zu den besten Nirvana-Momenten und wirksamsten Intros aller Zeiten, drückt dem Song ohnehin seinen Stempel auf. Zusammen mit dem perfekt getimeten Refrain, stimmiger als jeder andere der Marke lauter Ausbruch auf dem Album, entsteht letztlich die ultimative Form dessen, was "Nevermind" hergeben hätte können, wäre es eben doch noch verbessert worden.


 

3.

 

Heart-Shaped Box

 

In Utero

1993

Trotz des anfänglich abweisenden Sounds und der aggressiven Aura, die die letzte Studio-LP der Amerikaner kennzeichnen, hilft die Arbeit von Steve Albini gerade den Songs, die dem wütenden Credo nicht vorbehaltlos folgen, am ehesten. Andererseits vielleicht auch nicht und es liegt nur daran, dass sich Band und Steve Litt die Zeit genommen haben, Heart-Shaped Box mit verfeinerter Produktion, akustischer Begleitung und prominenterem Bass in seine würdige, finale Form zu bringen. Am Ende stand dann eine glorreiche Single, die erfolgreich die Brücke zwischen melodischem Pop-Appeal, emotionaler Tiefe und verrohtem Anstrich zu schlagen wusste. Knappe fünf Minuten, die alle Fronten, die bei Nirvana aufeinandertrafen, so gekonnt und ausbalanciert verbinden, dass man mit der Kritik wirklich kaum irgendwo anzusetzen weiß. Und dann ist da noch dieses Video...


 

2.

 

Dumb

 

In Utero

1993

Auf der einen Seite gibt es keine groteskere Wahl, will man einen "In Utero"-Song zum besten küren. Genauso wie der obige durch die Hand von Steve Litt gegangen, um noch eine klangliche Verbesserung zu erfahren, ist das ruhige, von Streichern begleitete und der Energie abschwörende Dumb die komplette Antithese zu dem, was der 93er-Auftritt eigentlich bedeuten sollte. Andererseits war es Cobain selbst, der gesagt hat, er würde genauso gern und oft harte, punkige Tracks zimmern, wie er sich zu kitschigem Pop, wahlweise in balladesker Form, hinreißen lässt. Das wirkt nicht ganz unglaubhaft und so ganz wird man auch das Gefühl nicht los, immer dann, wenn die Lautstärke nachlässt, würden die Trümpfe der Band eher zum Vorschein kommen. Allen voran der auf ewig gequälte Cobain selbst, aber auch das schnörkellos harmonierende Zusammenspiel des Trios, das vielleicht in Riff-Exzessen eher geglänzt, in den ruhigen Minuten aber umso notwendiger gewirkt hat.


 

1.

 

Where Did You Sleep Last Night?

 

MTV Unplugged In New York

1994

Gut, wir fassen zusammen: Ein Akustik-Song, mit prominentem Cello, nicht von Nirvana selbst geschrieben. Welche Wahl könnte besser sein, um als krönendes Exempel dieser kurzen Karriere dazustehen? Keine! Was auch dadurch bedingt ist, dass bei aller Qualität von Dave Grohl und Krist Novoselic immer noch Kurt Cobain das Gravitationszentrum der Band war. Nicht immer nur zum Guten, der Mensch war jetzt nicht unbedingt jemand zum Anhimmeln, das belegen einige Aussagen recht eindrucksvoll. Aber für knapp fünf Minuten im November 1993 war er das Um und Auf eines der denkwürdigsten Auftritte des Rock.


Schlusswort:

Man glaubt ja gar nicht, wieviel diese Band in ihren gerade einmal sechs musikalisch produktiven Jahren aufgenommen hat. Manches davon wurde nicht grundlos zu Kurt Cobains Lebzeiten in Kellerverliesen versteckt, die Top 10 war aber trotz allem eine relativ harte Nuss. Sollte übrigens jemand Smells Like Teen Spirit vermisst haben, dann kann er sich immerhin auf die nächste "Rolling Stone"-Liste freuen. Außerdem war der Song ja doch knapp dran, genauso wie - in der chronologischsten aller Reihenfolgen - Mrs. Butterworth, Blandest, Love Buzz, Lithium, Aneurysm, Rape Me, Plateau oder All Apologies. Also es kommt schon etwas zusammen, wenn man nur will und sich auch die Outtakes eines gescheiterten Basket Case mit Ikonenstatus und beneidenswert unnachahmlicher Stimme gibt. Ich erwarte mir übrigens wütende Proteste gegen meine Auswahl und würdige Gegenvorschläge in den Kommentaren, alles andere wäre eine herbe Enttäuschung und könnte dazu führen, dass ich eine selbstgesungene Version von Dumb veröffentliche. Wenn das kein Ansporn ist, weiß ich auch nicht.

 

Kristoffer Leitgeb, immer auf dem Weg ins Nirvana