Wilco - Schmilco

 

Schmilco

 

Wilco

Veröffentlichungsdatum: 09.09.2016

 

Rating: 6 / 10

von Mathias Haden, 20.12.2016


Der Rückbesinnung auf alte Souveränität fehlt es letztlich doch am nötigen Biss.

 

Man darf es amerikanischen Alt-Rockern aus Chicago, Illinois durchaus anrechnen, dass sie nach über zwanzig Jahren und zumindest halb so vielen LPs immer noch die Lieblinge des Rolling Stone sind. Des Deutschen wohlgemerkt. Aber das tut nicht viel zur Sache, immerhin die Lieblinge von irgendwem. Denn immerhin handelt es sich bei Wilco um jene von Jeff Tweedy angeführte Truppe, die zwar selten wirklich schlechte Alben raushaut, andererseits aber seit Ewigkeiten über Wert gehandelt wird. Das war auch schon in Zeiten ihrer meistgefeierten LP, Yankee Hotel Foxtrot, die seit Erscheinen 2001 in diversen Listen rumschwirrt, so.
Wirklich viel hat sich seitdem nicht getan, wobei sich natürlich doch einiges getan hat. Jeff Tweedy klingt allerdings nach wie vor wie ein gelangweilter Intellektueller, ist mittlerweile aber eben kein eloquenter Mittdreißiger mehr, sondern ein altersweiser Halbcenturianer (falls es das Wort tatsächlich nicht gibt: Tweedy wird bald ein halbes Jahrhundert alt). Nachdem 2015 noch das lauwarme Elektronikgemucke von Star Wars - die neunte LP der Amerikaner und nicht der siebte Teil der Blockbusterfilmreihe - zumindest beim deutschen Rolling Stone wie immer gefeiert wurde, war es ein knappes Jahr später schon wieder so weit. Album #10 und mit ihm eine schöne Referenz an das legendäre Pop-Album Nilsson Schmilsson - Wilco Schmilco, oder einfach nur Schmilco war geboren.

 

Und mit ihm eine Rückkehr zu besonnen Worten, spärlich instrumentierten Arrangements und Melodien, die sich oftmals erst nach mehrmaligem Hören erschließen - aber hey, Melodien. Ein Blick auf die Tracklist verspricht zudem von vorneherein ein persönliches Werk. Direkt ins Ohr sticht jedenfalls If I Ever Was A Child, auf dem die Gitarren viel zur Veredelung der Aufnahme beitragen, während eine entspannte Rhythmussektion eine Leichtfüßigkeit generiert, die bei einer Band wie Wilco fast künstlich wirkt. Generell geht in diesem frühen Stadium der LP einiges, ob es Tweedys kühle Abrechnung mit den Normal American Kids ("High behind the garden shed / Painting myself as a normal American kid / I always hated it") ist, oder das treibende Cry All Day, das Anleihen aus Country-Rock verinnerlicht, ohne selbst countryesk zu tönen.

 

Die Freude über diese unerwartete Entwicklung weg vom verkrampften Gezeter vom Vorgänger wird allerdings schon bald getrübt. Zuerst vom sperrig beklemmenden Common Sense, das als einziger Track aus dem zurückgelehnten Ambiente herausbrechen will und mit seinem schrillen Gitarrengeplärre nicht nur deshalb äußerst deplatziert scheint, und schließlich vom simplen Umstand, dass man vom dritten Track weg nicht allzu viel Memorables serviert bekommt. Man könnte auch sagen, die Band spielt ihr Album souverän runter, denn mit den reduzierten Arrangements und Tweedys introspektiven Texten brennt tatsächlich nicht viel an. Ein wohliges Gefühl will sich dennoch eine längere Zeit nicht mehr einstellen und so rauschen Titel wie Nope oder Locator, immerhin ja wohl nicht grundlos als Lead-Single herausgepickt, wie zarte, nackte Songskizzen vorbei. Mit dem feinen Quarters, einem späten Highlight der LP, schließt sich dann der Kreis zu Yankee Hotel Foxtrot. Während sich im Vordergrund ein schöner Melodiebogen langsam aufbaut und bald wie im Nebel verschwindet, braut sich hinter den Kulissen eine kleine, unaufdringliche Soundmelange aus undefinierbarem Gepiepse.

 

In der zweiten Hälfte der LP relativiert sich das Melodieargument freilich, halten sich jene Melodien, die haften bleiben, mit jenen, die im nächsten Moment schon wieder einer längst vergessenen Vergangenheit angehören, bestenfalls die Waage. We Aren't The World (Safety Girl) ist meinethalben ebenfalls erwähnenswert, weil es hier ausnahmsweise gelingt, den ruhigen Albumsound um weitere Schichten zu erweitern, ohne Einbüßen auf anderen Ebenen hinnehmen zu müssen - ganz im Gegenteil! Denn die Melodie kann man getrost zu den besten der Truppe in den letzten Jahren zählen und auch der nerdig biedere Humor, auf We Are The World anzuspielen, sei problemlos verziehen.

 

Ob man das alles im Jahr 2016 noch braucht, ist natürlich eine andere Frage. Immerhin eine, die man bei Wilco die meiste Zeit ihrer Karriere fragen hätte stellen können, mit anderen Jahreszahlen wohlgemerkt. So unzeitgemäß die Amerikaner in vielen Phasen ihrer Karriere agierten, so aus der Zeit gefallen klingt auch Schmilco. Tadellos produziert und lediglich auf das Wesentliche bedacht, ist der zehnte Longplayer fast eine Rückkehr zu alter Stärke, über die die Schreiber vom deutschen Rolling Stone selbstredend besser Bescheid wissen als ich. Für einen wirklichen Hörgenuss fehlen aber doch konstant gute Melodien, weniger Beliebigkeit da und dort und vielleicht dann sogar jener Biss, über den man sich bei Star Wars noch mokieren durfte. Man hat es jedenfalls nicht leicht - als Wilco Schmilco.

 


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