Voltaire - Almost Human

 

Almost Human

 

Voltaire

Veröffentlichungsdatum: 01.08.2000

 

Rating: 5 / 10

von Kristoffer Leitgeb, 13.11.2019


Reichlich hölzern wird zwischen trockenem Humor und barockem Akustik-Rock getänzelt.

 

Grundsätzlich kann es einem als Künstler ja reichlich powidl sein, ob die eigene Musik nun als gut oder schlecht oder von epochaler Tragweite angesehen wird. Also es hat schon unweigerlich monetäre und diverse andere Folgen, wenn man nirgendwo sonderlich gut wegkommt oder aber als Genie von Mozart'schen Ausmaßen angesehen wird, Musik lässt sich aber in beiden Fällen weiterhin machen. Womöglich ist es etwas kritischer, wenn keiner so genau weiß, was man jetzt eigentlich aussagen oder erreichen oder an klanglichem Süppchen zusammenbrauen wollte, also das jeweilige Endprodukt mehr Fragen nach dem Warum aufwirft, als es Antworten über die ursprüngliche Intention oder die angedachte Wirkung hinterlässt. Das ist nämlich ein bisschen unbequem, wenn man den Hörer in einem Zustand der Ratlosigkeit zurücklässt, insbesondere wenn diese eben nicht in Form faszinierten Staunens, sondern eher durch ein etwas genervtes "Hä?" zum Ausdruck gebracht wird. Voltaire könnte mit seiner speziellen stilistischen Mischung generell in diesem Terrain daheim sein, mit "Almost Human" ist er es allerdings zumindest für ein Album ganz sicher.

 

Das bedeutet erst einmal, dass man sich hier eigentlich klanglich alles andere als belästigt fühlt. Eher konträr dazu haftet der musikalischen Melange, die Voltaire zu bieten hat, nicht nur in der Theorie, sondern mitunter auch in der Praxis etwas sehr Verführerisches an. Die unorthodoxe Besetzung - Akustikgitarre, Cello, Violine, Drums, Bass und aus - verleiht dem Schauspiel eine bewusste Nähe zum klassischen Cabaret, genauso aber auch ein atmosphärisches Gesamtbild, das von barockem Charme bis zu Goth reicht. Letzteres ist ja auch die ursprüngliche musikalische Heimat des Aurelio Voltaire, nur hat nicht recht viel bis ins neue Jahrtausend überlebt. Sonderlich düster ist trotz immer wieder zu Tage gefördertem schwarzem Humor wenig bis gar nichts, leider lässt aber auch der komödiantische Aspekt zu wünschen übrig. Das wiederum führt zum ursprünglichen Problem des Albums: Es wirkt auf fast keiner Ebene wirklich. Am ehesten kann man sich mit all dem Gebotenen noch anfreunden, beschränkt man sich darauf, einfach nur die Musik in den Fokus zu nehmen. Out Of Reach und Dunce starten mit ordentlichen Melodien, vor allem aber mit dem prägnanten Einsatz der Streicher, die im Opener als drückendes Stakkato, in Dunce wiederum als langgezogenes Winseln eingebaut werden. Das wertet die musikalische Szenerie schon ordentlich auf, wenn man es ohne Streicher eigentlich nur mit Folk-Rock zu tun hat, der hölzern hart dahintrabt und wenig von Nuancierungen hält.

 

Überzeugen kann so etwas allerdings auf Albumlänge schwerlich. Voltaires Musik ist zu viel Gimmick und letztlich zu monoton, um langanhaltend zu überzeugen, selbst wenn er sich mal im Headless Waltz dem namensgebenden Genre widmet, süßliche Balladen zum Besten gibt oder mit Ringo No Uta das durchaus ordentliche Cover eines jahrzehntealten japanischen Liedes einbaut. Das tönt zwar sprachlich reichlich ungelenk und lebt vor allem vom harten Bruch zwischen dem spärlichen Zupfen in der ersten Songhälfte und dem treibenden Rock in der zweiten, aber das ist immerhin etwas. Trotzdem wird man zu lange mit diesem Sound konfrontiert, der überwiegend darauf aufbaut, eien eigenwillige Verschrobenheit zu vermitteln, ohne dabei sonderlich viele eingängige Melodien, instrumentelle Gustostückerl, klangliche Überraschungen oder textliche Feinheiten mitzubringen. Das ist dann ein bisschen wenig, weswegen man selten in die Verlegenheit kommt, einen Song wirklich gut zu finden. Je länger das Album dauert, umso weniger käme es einem in den Sinn.

 

Wobei das zumindest einem Song nicht gerecht wird. Denn reichlich spät wird man mit etwas belohnt, das viele der vorangegangenen Mäßigkeiten vergessen macht. The Night ist als einsamer Höhepunkt der LP der Volltreffer, der diese Mischung aus düsterer Atmosphäre mit komödiantischem Unterton eindeutig am gelungensten umsetzt. Nicht nur, dass Voltaires tiefer, pointiert akzentuierter Sprechgesang hier bestmöglich in den simplen, treibenden Rhythmus eingebettet ist, die Violine trägt mit erratischer Omnipräsenz viel zum stimmigen Gesamtbild bei, genauso wie an den Drums plötzlich jemand auflebt und Voltaire selbst seiner Gitarre nicht nur den perfekten erdigen Klang verleiht, sondern an selbiger auch mit ein paar knackigen Akkorden aufzeigt. Und selbst wenn man an den gesungenen Zeilen schnell erkennt, dass da lyrisch kein großer Meister vom Himmel gefallen ist, sind es immer noch die passendsten, prägnantesten und in Kombination mit der Musik eindringlichsten, die man hier zu hören bekommt:

 

 

"The day is the wife whom I elude
The one to whom I should be right
Although forewarned by peers and kin
I always get into the night

Mother always warned me such
Being a nocturnal soul
Besides just being simply strange
Spawns from some illness of the mind"

 

 

Wobei man dahingehend vielleicht doch etwas einschränken muss, weil sich God Thinks textlich auch wohltuend in den Vordergrund drängt. Während Voltaire hier oft genug mit religiösen Themen spielt, das Album sogar ein Art Blick auf das Leben aus Sicht des gefallenen Engels Luzifer sein soll, kann nur God Thinks etwas aus dem theologischen Background machen. Wenig überraschend passiert das ausgerechnet mit dem einen Song, der sich nicht in vagen Anspielungen oder halbgarem Humor verliert, sondern der sich auf direktestem Wege dem religiösen Extremismus widmet und diesem mit bissigem Sarkasmus begegnet.

 

Abseits davon wird man aber nicht gerade überversorgt mit erwähnenswerten Ergüssen. Auch nicht mit irgendetwas anderem, das unbedingt hervorgehoben gehört. Auf der anderen Seite bietet der eigenwillige Sound des Kubano-Amerikaners den Vorteil, dass wenig komplett versandet und lediglich beim länglichen und hier komplett unpassenden melodramatischen Streicherstück The Last Word und dem lahmenden Underground ernsthafte Fragen aufkommen, warum das da ist. Der Rest visiert durchgehend und sehr zielsicher die Durchschnittlichkeit an, auch wenn vereinzelt sehr gelungene Songfragmente wie der Violinpart in Anastasia herausstechen.

 

Alles in allem ist das aber nichts Spezielles, was man hier finden kann. "Almost Human" kommt ultimativ nicht so wirklich vom Fleck, weil sich bei den meisten Tracks nicht so ganz heraushören lässt, was sie jetzt eigentlich sein sollen. Prägnant und eingängig genug für einen locker-lustigen Pop-Song sind sie nicht, von wirklicher Emotion gleich noch viel weiter entfernt, kunstvoll gestaltet auch nur in den gröbsten Formen und textlich weder subtil noch wahnsinnig humorvoll, dass dadurch etwas geändert würde. Gleichzeitig aber mit einer musikalischen und atmosphärischen Basis, die so vielversprechend ist und so viel Potenzial bietet, dass es umso eher stört, wie mittelmäßig das Endergebnis ankommt. Immerhin bekommt man einmal Voltaire in voller Blüte und Güte zu hören, damit einem bewusst wird, was wohl eigentlich das Ziel gewesen wäre. Das ist nur ein bisschen wenig für eine ganze LP.

 

Anspiel-Tipps:

- Dunce

- God Thinks

- The Night