Iggy & The Stooges - Raw Power

 

Raw Power

 

Iggy & The Stooges

Veröffentlichungsdatum: 07.02.1973

 

Rating: 8.5 / 10

von Kristoffer Leitgeb, 23.01.2021


Ein ewiger Höhepunkt bewusster musikalischer Verrohung.

 

Die Engstirnigkeit und das Bestehen auf eine Deutungshoheit, was denn nun legitim dem Genre angehören darf und was gefälligst nicht, scheint beinahe nirgendwo so dermaßen ausgeprägt wie unter leidenschaftlichen Punk-Anhängern. Nirgendwo sonst wird so unfassbar schnell ein Angriff auf die Integrität der geliebten musikalischen Helden, ihrer Werke und ihres Vermächtnisses vermutet, wenn etwas daherkommt, das sich Punk schimpfen will, sich aber für die Kenner der einzigen Wahrheit so gar nicht dafür qualifiziert. Je nach Ausprägung der Verbohrtheit kann das so weit gehen, dass es nach dem Ende der 80er oder gar schon nach den 70ern eigentlich gar keine Punks mehr gab und das Genre tot und nur mehr beschmutzt wurde, alles nimmer puristisch genug ist. Da kann ein Aufruf, doch bitte wählen zu gehen, schon zum Verrat der vermeintlichen punkigen Ideale werden. Viel zu Establishment, das alles.... Die inhärente Lächerlichkeit dessen, ausgerechnet bei einem Genre, das ursprünglich die Anarchie, die Freiheit und den Individualismus predigte, auf eine militante ideologische Grenzziehung zu setzen, die eher an Bestrebungen des Mauerbaus gen Mexiko erinnert, ist hoffentlich offensichtlich.

Jedenfalls ergibt sich auch in die zeitliche Gegenrichtung eine Frage der Grenzziehung, die aber eher musikhistorischer Natur ist. Wann hat er denn nun begonnen, der Punk? Wer darf als Urvater gelten, wer hat den Startschuss für die lärmende Brutalität und die laute Provokation gegeben? The Velvet Underground womöglich, die ja laut einer legendären Aussage unzählige Bandgründungen zu verantworten haben und mit fast allen Konventionen aufzuräumen wussten. Dem Garage Rock entstieg aber Ende der 60er eine Band, der es gelungen ist, in wenigen Jahren die rohe, dreckige Härte des Rock so weit zu treiben und sie so energiegeladen zum Besten zu geben, dass ihr letztes Album eigentlich den ganzen Kern des Punk in etwas mehr als einer halben Stunde und zwei Worten zusammenfasst: "Raw Power"!

 

Damit zerstörten die Stooges unter der Führung von Iggy Pop nach ihrer kurzzeitigen Trennung, zumindest halbwegs in den Griff bekommenen Drogenproblemen und in neuer Besetzung jede Brücke zu ihren zivilisierteren musikalischen Wurzeln. Nachdem man auf dem Debüt noch mit Jazz-Einflüssen gespielt hatte, der Psychedelic Rock seinen Platz hatte und der geliebte Rock 'n' Roll irgendwo zwischen Blues, Garage und Hard Rock eingebettet wurde, ist mit der dritten LP ein Maß an bewusster Verrohung und hartem Tempo erreicht, dass man davon wenig bis nichts spürt. Opener Search And Destroy vernichtet in seiner glorreich brachialen, spartanischen Machart Erinnerungen an vorangegangene Großtaten wie I Wanna Be Your Dog oder Down On The Street, die doch eigentlich schon legendäre Beispiele des Heraufziehens dreckiger Härte gewesen sind. Mit der überwältigenden Mischung aus virtuoser Präzision und dreckig-dröhnender Lautstärke, die James Williamson hier in den ersten Minuten aus seiner Gitarre herauszuholen im Stande ist, halten aber beide nicht mit. Dahinter die knüppelharten Drums vom jüngeren der Asheton-Brüder und ein Iggy Pop in exzentrisch-provokanter Bestform und man hat etwas dermaßen Geniales, dass jeder Versuch der Replikation absolut sinnlos wäre.

 

Selbst hier begegnet man aber bereits einem wunden Punkt des Albums, der Jahrzehnte später noch Gemüter erhitzen kann: Welcher Mix soll es denn nun sein? Anno 1973 versuchte sich ein ungeübter Iggy Pop daran, das Album selbst zu mixen, scheiterte in den Augen des Labels und überließ es deswegen dem zum Freund gewordenen David Bowie, aus "Raw Power" etwas zu machen, das sich hören ließ. Und Bowie hatte einen armseligen Tag Zeit, um Wunder zu vollbringen und schaffte das irgendwie auch. Nur vergaß er schmerzlich auf den Bass, degradierte die Drums oft genug zum Hintergrundanhängsel und sparte am Punch, um so manch Feinheit von Williamsons Gitarrenspiel und Iggy Pops Vorstellung möglichst in Szene zu setzen. Ein Vierteljahrhundert später durfte dann Iggy noch einmal ran und machte aus den ursprünglichen Aufnahmen etwas dermaßen Lautes, Dröhnendes, Rohes und Kraftvolles, dass selbst Rick Rubin im Loudness War keinen Auftrag mehr hatte und dass man mitunter glaubte, im klaustrophobischen Lärm unterzugehen, während der Putz von der Decke bröckelt. Dass dabei die Distortion so überwältigend ausgefallen ist, mitunter Dynamik der Brutalität gewichen ist, hat wiederum ganz andere Vor- und Nachteile. Die Härte und kompromisslose Verrohung, die den Punk vorwegnimmt, wird in Iggys Mix zweifelsfrei spürbarer. Hilfreich ist das aber ob der Einschränkungen, die die unfassbare Lautstärke mit sich bringt, nicht immer. Und so bleibt es Diskussionsstoff, was man lieber hat. Search And Destroy kann nur gewinnen, wenn es lauter und brachialer wird, an anderer Stelle ist das nicht ganz so.

 

Insbesondere die Iggy Pop eher aufgezwungenen, pflichtschuldig eingebauten Balladen kommen in Bowies Mix besser zur Geltung. Naja, zumindest eine - die bessere, bekanntere, wichtigere. Gimme Danger ist der letzte spürbare Anknüpfungspunkt an die 60er der Stooges, ruft mit seiner atmosphärischen, rundum stimmigen Verflechtung akusticher Gitarre, drückend tiefer Gitarrenakkorde und dem nur im Hintergrund wahrnehmbaren Klavier eine düster-psychedelische Stimmung hervor. Dass auf der anderen Seite der im Albumkontext etwas merkwürdige, schleppende Blues-Rock-Stampfer I Need Somebody in jeder erdenklichen Form nur gemischte Gefühle hervorruft, illustriert aber gut, dass die langsameren Minuten nie Iggys bessere waren.

 

Insofern richtet sich der Blick auf die übrigen Zurschaustellungen ungefiltert brachialer Rockhärte. Alle haben sie gemeinsam, dass sie keine Anstalten machen, an die herausragende Eröffnung von Search And Destroy wirklich heranzukommen. Genauso gilt aber auch für alle, dass es starke Songs sind, die man nicht missen möchte und die dafür sorgen, dass "Raw Power" insgesamt das von Fehlern freiste Album der Stooges geworden ist. Ob man sich da nun das frenetische Your Pretty Face Is Going To Hell, das lockere, an 60er Rock'n'Roll erinnernde Shake Appeal, das kompromissfreie, wohl am ehesten in Konkurrenz zum Opener stehende Raw Power oder doch das gemächlichere, aber düster schwelende, mit dem unerwarteten, hellen Sound der Celesta verfeinerte Penetration als Favorit heraussucht, sei jedem selbst überlassen. Enttäuscht wird man bei keinem davon, stattdessen gibt es auch da das gewünschte, pausenlose Gitarrenspektakel mit eingebautem Energieüberschuss und Iggys unverwechselbarem Gesang.

 

Was "Raw Power" zu einem verdammt starken Ganzen macht, dem es zwar sicherlich gut täte, wenn da noch irgendwo ein zweiter Song wäre, der einen so vom Hocker reißt, wie das gleich zu Beginn passiert, das aber trotzdem durchwegs überzeugt. Weil die Band nicht daran denkt irgendwann irgendwie locker zu lassen, sondern stattdessen mit einem Nachdruck und einer Kraft durch diese Songs durchpflügt, dass es nur so eine Freude ist. Ob das letztlich im - unten verlinkten - Original-Mix besser zur Geltung kommt oder in der 1997 veröffentlichten Neuauflage, darf jeder selbst entscheiden, auch wenn die Empfehlung lautet, eher auf Iggy Pops verspätete Nachbearbeitung zu setzen, weil deren klangliche Übertreibung hinsichtlich Lautstärke und Distortion zwar ihre Schwächen hat, letztlich aber die Essenz des Albums besser einfängt. Falsch liegen kann man aber so oder so nicht, ganz egal, zu welcher Version man greift. Denn die Stooges waren mit ihrem dritten Album zwar eigentlich gerade erst wiederauferstanden, aber in Wahrheit auch direkt auf ihrem Höhepunkt angelangt, an dem das zur Vollendung gekommen ist, wofür die Band immer stand. Und das ist dreckiger, energiegeladener Rock, der sich keine Einschränkungen erlaubt und stattdessen hier in der rohsten vorstellbaren Form zur Entfaltung kommt.