The Shins - Chutes Too Narrow

 

Chutes Too Narrow

 

The Shins

Veröffentlichungsdatum: 21.10.2003

 

Rating: 8.5 / 10

 

von:

Mathias Haden

 

am:

01.09.2016


Jungdreißiger James Mercer münzt seine Erfahrungen in die melodieseligsten Minuten des Indie-Pop um.

 

Man muss den Sommer nicht in der geliebten Heimat verbracht haben, um der allerorts populärsten Jahreszeit huldigende Worte widmen zu können. Selbst eigentlich eher als Herbstafficionado bekannt, durfte ich dessen heißen Bruder immerhin schon eine ganze Top 10 als respektvollen Tribut offerieren, die zwar freilich voll wärmender Sonnenstrahlen und schweißtreibendem Pop-Appeal berstete, bei weitem aber nicht all die großartigen LPs bereithielt, mit denen sich der Sommer am besten genießen lässt. Dies bringt uns auch schon zum heute besprochenen Werk.
Nachdem sich James Mercer mit seinen Shins und dem Debütalbum Oh, Inverted World auf Anhieb selbst zum Häuptling des melancholischen Indie-Pop erkoren sah, war es schon bald Zeit für eine kleine Auflockerungsübung. Der LP, die stimmungsmäßig fest in den späteren Monaten des gregorianischen Kalenders verwurzelt war, folgte ein Werk, das die sommerlichen Ambitionen bereits am Artwork aufblitzen ließ. Und so ward Chutes Too Narrow geboren und mit ihm die tightesten, schwungvollsten und schlicht unkompliziertesten Minuten der Amerikaner aus New Mexico.

 

Wer allerdings einmal sein Heil in betrüblichen Songs gesucht hat, wird vermutlich selbst auf einer Comedy-Kollaboration mit Weird Al Yankovic zu altem Kummer zurückfinden. So wundert es wenig, dass Mercer auch auf seiner heitersten LP genug Platz für den gemächlicheren Singer-Songwriter in sich finden konnte. Die ruhigste Kugel schiebt er zweifelfrei mit der für Shins-Longplayer fast obligatorisch gewordenen Ballade als Closer, Those To Come, die lediglich auf einer reduzierten Melodie schwelend, eine quirrlige, farbenfrohe, wenn auch etwas zu kurze Reise abrundet. Den Zauber findet man auf diesem schlichten Folk-Kleinod nicht mehr, doch haben seine Vorgänger dafür gesorgt, dass dieser noch lange nachwirkt. Betörende Melodien, die sich noch über die Hörerlebnisse anderer Platten hinweg bis zum Einschlafen fest an der Gehirnrinde festsaugen, finden sich auf Chutes Too Narrow sogar auf den anderen ruhigeren Nummern. Dazu zählen neben dem Closer noch partiell Young Pilgrims und Pink Bullets, die nicht die Brechstange auspacken müssen, um den direkten Weg ins Gedächtnis einschlagen zu können.

 

Seine besten Momente hat die zweite LP aber ohnehin da, wo die Mercer Boys richtig Fahrt aufnehmen können und die liebenswürdige Stimme des Frontmanns zwischen Melodienreichtum und harmonischen Arrangements Töne heraufbeschwört, die vermutlich schon im Jahr 2003 unfassbar nostalgisch anmuteten. Der leichtfüßige Pop-Rock, der dabei herauskommt, bedarf jedenfalls keiner üppigen Soundaufwertungen. Einmal darf sich die Violine eines Gastes ins Geschehen mischen. Im Sixties-reminiszenten Saint Simon nämlich. Und da wir alle die Sixties genauso schätzen wie mehrstimmige Hooks und präzise Gitarrenzupfer, gibt es hier kein Veto. Der zweite und letzte Gastauftritt kommt jener Pedal Steel zu, die dem famosen Gone For Good dank dessen autonomen Akustikgewand zwar keinen kompletten Country-Anstrich verpassen kann, durchaus aber dazu beiträgt, dass der Track mit seiner großartigen, wenn auch schlichten Dramaturgie und der schönsten Melodie seit Äonen zum offensichtlichen Highlight am Album und der Karriere der Amerikaner wird:

 

"I found a fatal flaw in the logic of love and went out of my head
You love a sinking stone that'll never elope, so get used to the lonesome"

 

Obwohl man die Marschroute auf über weite Strecken helle, simple Pop-Songs gelegt hat, bedeutet dies aber nicht, dass der Melancholiker Mercer sich nicht auch im beschwingtesten Refrain ein wenig Spielraum für wehmütige Emotionen übrig gelassen hat. Das trifft nicht nur auf Gone For Good zu, sondern auch die Mehrzahl der zehn Tracks, was wiederum den Eindruck eines Albums zwischen sommerlicher Unbekümmertheit und nostalgischem Herzschmerz einmal mehr verfestigt. Fighting In A Sack ist die pure Spielfreude, besonders ab Mercers Harmonikasolo quietschfidel, aber trotzdem noch ein gutes Stück davon entfernt, als Gute Laune-Nummer durchzugehen. Auch dem passend für diese Indie-Hochphase betitelten Opener Kissing The Lipless merkt man trotz seiner von der Gitarre angetriebenen Energetik die Schwermut an, die dem in seinen Frühdreißigern gar nicht so jungen James Mercer anhaftet:

 

"But you've got too much to wear on your sleeves
It has too much to do with me
And secretly, I want to bury in the yard
The gray remains of a friendship scarred"

 

Diese Schwermut ist es aber, die dem Album über die gesamte Tracklist seiner eigentlich durch die Bank Hit-verdächtigen Pop-Hymnen eine erfrischende Tiefe verleiht. Ob die Stücke nun Mine's Not A High Horse samt 80er Synthpop-Affinität oder So Says I, mit reißerischen Power-Chords veredelt, heißen, ist egal. Die Band verzichtet auf zusätzliche Soundschichten, die zur tragenden Säule des Nachfolgers Wincing The Night Away werden sollten, hält es mit dem Credo der Einfachheit und bezaubert mit jangelnden Gitarren, den feinsten Melodien des Indie-Pop und einem Sänger, den Metalheads womöglich als weinerlichen Waschlappen abtun würden, der hier in seinem zarten Tenor aber alles dafür tut, damit Chutes Too Narrow zum zugänglichsten Album seiner liebsten Spielwiese, den Shins wird - mit Erfolg. Und weil der Kollege D, um den es seit einiger Zeit ein bisschen zu ruhig geworden ist, ein großer Fan der Platte ist, darf das Pendel, das sich zwischen 8 und 8.5 bewegt, gerne in Richtung Letzterem ausschlagen. Und jetzt die letzten Sonnenstrahlen auskosten!

 


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