The Rolling Stones - Beggars Banquet

 

Beggars Banquet

 

The Rolling Stones

Veröffentlichungsdatum: 06.12.1968

 

Rating: 9.5 / 10

von Mathias Haden, 04.07.2015


Der Startschuss in eine goldene Ära wird zum kreativen Rausch voller Vitalität, Dynamik und ungebremster Willenskraft.

 

Mit einem lauten Knall verabschiede ich mich in den verdienten Sommerurlaub. Und wer würde sich für eine großspurige Geste denn besser anbieten als die Koryphäen von den Stones. Aber nicht, wie man annehmen könnte, mit dem vom Titel her naheliegenden A Bigger Bang, dem bislang letzten Release der Band, sondern mit ihrem sagenumwobenen Beggars Banquet aus dem legendären 68er-Jahr, in dem mit Bands wie King Crimson oder Led Zeppelin neue Helden geboren wurden, mit Buffalo Springfield oder Cream aber auch alte ihre Fahnen streichen mussten, nebenbei noch einige der besten LPs das Licht der Welt erblickten. Zu diesen darf sich auch das vierte Werk der Band zählen und sich heute, noch mehr als vor bald einem halben Jahrhundert, auf die eigene Schulter klopfen.

 

Denn die knapp 40 Minuten von Beggars Banquet demonstrieren sämtliche Stärken von Mick Jagger, Keith Richards, Charlie Watts, Bill Wyman und Brian Jones, der hier zum letzten Mal (offiziell) über weite Strecken der vollen Spieldauer sein unbestreitbares Talent zur Schau stellen darf. Zwischen Blues, Rock und dem primär aus der Richtung Richards aufkeimendem Interesse für Country-Music, das durch seine sich anbahnende Freundschaft mit Gram Parsons noch weiter forciert werden sollte, balanciert das Quintett auf dem Pfade der vielschichtigen Inszenierung, orientiert sich am amerikanischen 'Back to the roots'-Trend, entledigt sich indes der psychedelischen Elemente ihres mehr oder weniger missglückten Beitrags zur Summer of Love-Bewegung, Their Satanic Majesties Request. Von besonderem Interesse dürfte auch der Credit für die Produzentenposition sein: Jimmy Miller kam, sah, unterstützte die Stones bei den Aufnahmen ihrer goldenen Ära und wurde schließlich im Guten verabschiedet; das heute besprochene Werk war der Startschuss zu einer fruchtbaren Zusammenarbeit, der wir weiterhin freudig gedenken.

 

Diese Aufbruchsstimmung im neuen Kapitel der Band bemerkt man vom ersten Ton weg, genaugenommen in den einleitenden Percussions, Maracas und dem Schrei in ein neues Zeitalter. Später sollen sich auch noch ein perfekt inszeniertes Klavier, kurze, aber wirksame Gitarrenlicks und ein Chor unter den sogartigen Samba-Rhythmus mischen. Über all dem schwebt Jagger, der in die Rolle des manierlichen Teufels schlüpft und gesanglich alle Register zieht, was ihm hier schon in der ersten halben Minute besser gelingt als beinahe über die gesamte Länge des Vorgängers. Das Besondere an diesem legendären Stück ist aber, dass es in seiner Steigerungsdynamik eine hypnotische Wirkung auslöst, sich bis zum Schluss aber nicht vollends entlädt und trotzdem eine ungeheure Spannung entfesselt - und das über sechs Minuten.

Auch die folgenden Stücke brauchen vorm einschüchternden Auftakt nicht in Ehrfurcht zu erstarren. Praktisch jedes einzelne weiß durch einen magischen Moment, exzellentes Arrangement oder meisterhaftes Zusammenspiel zu überzeugen. Ob im jegliche Hoffnung entbehrenden, wehmütigen Blues No Expectations mit dem schönen Zusammenspiel zwischen Jones' Slide Guitar - laut Jagger der letzte wirklich fokussierte Auftritt des Multiinstrumentalisten - und dem wie schon am Opener von Nicky Hopkins gespielten Klavier, im herrlich instrumentierten, kurz(weilig)en Factory Girl, das mit der Kombination von akustischer Gitarre und Fiddle zwar countryeske Züge annimmt, im Wechselspiel mit Mellotron und Percussions aber fast schon der 'Cosmic American Music' nahekommt, oder in der hymnenhaften Ode an die 'hard working people', The Salt Of The Earth, welche sich mit ihrem Chor und dem rasanten Tempoanstieg am Ende fast schon übernimmt, allesamt vermitteln sie das Bild einer Band auf dem Höhepunkt ihres Schaffens, ihrer Kreativität und ihres Enthusiasmus.

 

Zwei zentrale Tracks habe ich aber noch in petto, bei einem davon muss es sich freilich um den polternden Street Fighting Man handeln. Was auf diesem, für Stones-Verhältnisse auffällig politisch geratenen Hammer und einer allgemein in wuchtiger Intensität aufspielenden Truppe aber abgeht, ist wahrlich große aber vom einleitenden Gitarrenriff, über einen grandiosen Jagger, einer brillanten Rhythmussektion Kunst der Popmusik, zudem noch von dezenten Sitar-Anschlägen und signifikanten Zeilen erfreulich passend augmentiert. Dem entgegen wirkt das nicht minder geniale Jigsaw Puzzle in seiner smoothen, zurückgelehnten Stimmung und Richards glänzendem Spiel an der Slide Guitar fast schon entspannend, wiewohl sich beschwingte Melodieführung und Accelerando schon bald erneut in ungezügelter Enthemmung kristallisieren.

 

Dass die vierte LP der Rolling Stones letztlich doch am angestrebten Adjektiv 'perfekt' vorbeischrammt, verdankt sie eigentlich nur kleiner, entbehrlicher Meriten. Denn Stücken wie dem biblischen Blues-Cover Prodigal Son, dem angriffigen, lüsternen Stray Cat Blues oder dem erdigen Blues- und Countryhybriden Dear Doctor fehlt nicht unbedingt viel, am Ende schlagen sich diese Mängel aber in minimalen Einbüßen nieder.

Die tun dem Album aber auch nicht weh. Denn mit diesem findet das Quintett nach unbestreitbar essenziellen Beiträgen zu Blues, R&B oder Rock 'n' Roll und farbenfrohen Psychedelic-Ausflügen endlich die Zauberformel ihrer eigenen Kunst und spielt sich auf jedem seiner zehn Stücke in einen kreativen Rausch voller Vitalität, Dynamik und ungebremster Willenskraft. Sticky Fingers mag in seinen noch bluesigeren Wesenszügen und seiner noch zwingenderen Grunddynamik zwar das perfekte Stonesalbum sein, Beggars Banquet ist indes das Beste. Und wo diese Frage nun geklärt scheint, bleibt nur noch eine offen: But a-what can a poor boy do / 'Cept to sing for a rock 'n' roll band? Ich schätze, nicht viel.