The Kinks - Soap Opera

 

Soap Opera

 

The Kinks

Veröffentlichungsdatum: 16.05.1975

 

Rating: 5 / 10

von Mathias Haden, 23.10.2014


Ein wackeliges Konzept und lausige Dialoge machen dem Hörer das Leben schwer.

 

Man muss schon Mitleid haben, mit dem armen Ray Davies. Jenem Mann, der mit seinen Kinks die wunderbarsten Oden über den british way of life schrieb und schließlich ironischerweise zum Sündenbock für die kommerzielle Pleitenserie, die die heutzutage als Klassiker verehrten Alben von Face To Face 1966 bis Muswell Hillbillies 1971 zu Tage förderte, wurde. Richtig verstanden wurde die tragische Figur Davies trotz großer Wertschätzung für sein Songwriting sowieso nie. Mit seinen theatralischen Konzeptalben Mitte der Siebziger kam ihm zudem auch noch dieser Status vorübergehend abhanden, das heute besprochene Soap Opera von 1975 erfuhr nie den nachträglichen Ruhm früherer Alben, wurde auch nicht mit großer Verspätung zum Quasi-Meisterwerk und steht auch heute noch für eine der dunkelsten Stunden der Band.

 

Und ganz unberechtigt sind die aufkeimenden Zweifel nicht, was allein schon mit dem Umstand zusammenhängt, dass man beim dreizehnten Studioalbum nie das Gefühl bekommt, gerade den Kinks zu lauschen. Man weiß zwar, Bruder Dave müsste eigentlich da sein, nur heraushören lässt es sich nicht. Aber doch, ein Blick aufs Artwork genügt und man darf den Verdacht, es handele sich hier um ein Ray Davies-Soloalbum, begraben. Das bringt uns auch schon zum Konzept, das sich durch die 37 Minuten zieht. Dabei ist der Name Programm: die Story, abgekupfert von Rays low-budget TV-Musical 'Starmaker', folgt dem Protagonisten, dem populären Musiker Starmaker, der mit dem gewöhnlich(st)en Durchschnittsmann Norman Plätze tauscht, um sich einmal unter das gemeine Volk zu mischen und die Gepflogenheiten der 'ordinary people' kennen zu lernen. Klingt nicht uninteressant, als Musikalbum leiden Davies Ideen und Vorstellungen aber nicht selten an der schwierigen Umsetzung. Nur allzu lächerlich wirken seine erzählerhaften Monologe, nicht merklich besser die klischeebehafteten Dialoge innerhalb der Tracks.

 

Sieht man mal vom flapsigen Konzept ab, lassen sich aber durchaus einige starke Tracks orten. Opener Everybody's A Star (Starmaker) dient als idealistisch naiver Einstieg in eine trügerische Reise der Ernüchterung, proklamiert seine moralinsaure Message aber eindrucksvoll und mit starkem Blick auf große Stadien, die der Gruppe zu dieser Zeit aber nicht gegönnt waren. Einen Seelenverwandten findet dieser Rocker in der Abschlusshymne You Can't Stop The Music: Ähnliche Aussage, starke Gitarren und genug Kraft um sich letztlich noch mit einem positiven Eindruck zu verabschieden.

Besonders die Balladen scheinen diesmal zu zünden. You Make It All Worthwhile wird zwar von seinen lästigen Dialogen runtergezogen, lässt sich aber mit Davies' schönstem Gesang auf der LP nicht beirren und kommt halbwegs unbeschadet ins Ziel. Hinzu kommt noch das berührende (A) Face In The Crowd, eine schön produzierte Klavierballade mit starkem Gesang über die Desillusionierung des ehemaligen Stars.

 

Memorable Melodien sucht man dafür zuerst mit einer Lupe, bevor man sie schließlich entdeckt. Knapp die Hälfte des Albums kommt somit ziemlich trocken und ohne die lyrische Finesse, die etwa Arthur ausgezeichnet hat. In der mäßigen Ode an den geliebten Feierabend, When Work Is Over, heißt es:

 

"Drinking helps us to forget what we are,

We leave the office and walk straight to the bar.

Don't stop to think,

Have another drink!"

 

und im darauffolgenden Have Another Drink deklariert der ehemalige Kleinstadtpoet Davies:

 

"Have another drink it'll make you feel better,

Have another drink and you'll feel alright.

If you feel down and you're under the weather

Have another drink and you'll feel alright."

 

Das sind natürlich nur Stichproben an banalen Aussagen und schlechtem Wortwitz, aber als Klagen über den grauen Alltag gar nicht so unpassend. Abseits davon ist das Songwriting wie gesagt nicht überwältigend, zumindest aber solide. Ach ja, wegen der Melodien: Ducks On The Wall könnte genau das Bedürfnis nach dieser Komponente so herrlich decken, das schwungvolle Piano tut auch so ein Übriges, aber - man ahnt es ja schon - es gibt einen immensen Wehrmutstropfen. In diesem Fall sind dies omnipräsente, grauenhaft schrille ertönende Entengeräusche, die den Gesamteindruck leider sehr drücken. Schade.

 

Die Soap Opera der Kinks zählt wenig überraschend nicht zu deren großen Alben. Die Vorwürfe, die sich Ray Davies seit fast 40 Jahren wegen der LP anhören muss, sind sicherlich nicht unberechtigt, in ihrer Härte aber doch etwas überzogen. Seine charismatische, britische Stimme und einige starke Tracks halten die Scheibe und das wackelige Konzept irgendwie über Wasser, für die grausamen Dialoge muss es aber leichte Sanktionen geben. Letztlich ist die dreizehnte Platte der Briten für Hardcore-Fans und Komplettisten wie immer ein Muss, ein starkes Konzept findet sich aber auf einem anderen, von mir bereits rezensierten Werk der Kinks. Und nun, Have another drink!