The Decemberists - Picaresque

 

Picaresque

 

The Decemberists

Veröffentlichungsdatum: 22.03.2005

 

Rating: 10 / 10

von Mathias Haden, 20.04.2015


Exzentrisches Meisterwerk, das trotz fehlender Homogenität eine beeindruckende Geschichte erzählt.

 

Akkordeon und Mandoline liefern sich ein erbittertes Duell bis zum letzten Atemzug, im schneller werdenden Walzertakte überstürzen sich die Ereignisse, nachdem ein junger Seemann auf einer imaginären Bühne gerade die epische Geschichte seiner Rache beendet hat und zum letzten Tanze bittet. Was war geschehen?

Ein kleiner Blick ins Jahr 2005 bietet sich an, in dem die in Portland, Oregon beheimateten Decemberists gerade ihren Schritt von einer sympathischen, aber irgendwie schrulligen Indie-Band zwischen Rock und Folk hin zur größten Band der Nullerjahre setzten. Die Konkurrenten von Arcade Fire und den Libertines in Ehre, hat es nur diese eine Band fertiggebracht, die unterschiedlichsten Genres von Prog-Rock bis Country zu bereisen, sich selbst dabei treu zu bleiben und letztlich auch damit auf künstlerischer Ebene Erfolg zu haben. Aber genug der Beweihräucherung und Lobpreisung, lassen wir ihr drittes und bestes Album, Picaresque, für sich sprechen.

 

Auf diesem gerät Sänger und Frontmann Colin Meloy mehr als je zuvor zum exzentrischen Erzähler, obwohl das Album insgesamt etwas weniger Bühnen-affin daherkommt. Trotzdem bleibt die Theatralik nicht auf der Strecke. Eine chronologische Reise durch die gar nicht zusammenhängende Geschichte würde sich anbieten, den Spaß an der Sache aber womöglich dämpfen. Starten wir trotzdem beim Opener. Kaum zwanzig Sekunden in der LP, nimmt einen dieser, The Infanta, mit seinen ersten Takten, gefangen. Wildes Geheul, daraufhin rollt die Nummer mit rasanter Rhythmussektion und überwältigendem Tempo los, durchbricht in ihren fünf intensiven Minuten jede Barrikade, um am Ende sicher ins Ziel zu kommen und die Erwartungshaltung auf das Maximum raufzuschrauben.

Das Gute vorweg: Diese wird auf den folgenden zehn Tracks nur allzu selten enttäuscht. Zwischen spannungsgeladenem Epos, ambitionierter Akustiktheatralik und lockerem, der Abwechslung geschuldetem Pop-Song balancieren Meloy und Co. unprätentiös wie nur möglich voran, meiden die gängigen Klischees und zeigen eindrucksvoll, wie viel sie in den letzten Jahren gelernt haben.

 

Eli, The Barrow Boy ist die tragische Geschichte eines ertrunkenen Straßenhändlers, die in ihrem atmosphärischen Akustikgewand und Meloys sich überwerfendem Gesang den direkten Weg unter die Haut sucht - und findet. Trotz des schieren Arsenals an beherrschten Instrumenten, das am Nachfolger noch weiter forciert wird, wissen die Decemberists hier ganz genau, wo Reduktion als gelungenes Stilmittel herhalten sollte. Am Bagman's Gambit spielen die Amerikaner diese Karte wieder eindrucksvoll aus. Lediglich von seiner akustischen Gitarre begleitet, schildert der Erzähler in düster funkelndem Licht seine Erlebnisse, bis zwischendurch die Rhythmussektion über ihn hereinbricht und in mitreißender Melodik unter sich begräbt. Einmalig aufgebaut, tadellos umgesetzt, keine Sekunde zu lang. Auch das nicht minder schön aufgebaute On The Bus Mall ist brillant umgesetzt.

Wo soll man denn nun weitermachen, wo sich doch beinahe jede Nummer hier eine ellenlange Würdigung verdienen würde. Ob im textlich etwas deplatzierten, fast schon banalen The Sporting Life, das immerhin etwas zynisch auf den amerikanischen Sporthype herabblickt und mit seinem perfekten Zusammenspiel von Bass und Drums bleibenden Eindruck hinterlässt, oder am mitreißenden Protest-Popsong 16 Military Wives, der mit seiner Hornsektion, seinem umwerfenden Rhythmus und genialem Text punktet, auch der Pop funktioniert in seiner ergänzenden Form zur experimentellen Komplexität anderer Stücke einwandfrei.

Unbedingt erwähnt seien an dieser Stelle noch We Both Go Down Together und The Engine Driver, ehe man sich dem ambitionierten Stück der LP widmet. Während sich Ersterer in seiner unheilvoll melancholischen Melodie wähnt und irgendwie an Losing My Religion von R.E.M. erinnert, ist Letzterer mit seinen intelligenten Lyrics und der Thematik der ultimative Meloy-Song: "And I am a writer, writer of fictions / I am the heart that you call home / And I've written pages upon pages / Trying to rid you from my bones".

 

Letztlich führen alle Wege nach Rom und so kommt man nicht herum, irgendwann beim eingangs erwähnten Epos The Mariner's Revenge Song zu landen. Auf diesen intensiven acht Minuten berichtet der Erzähler in unfassbar spannender Manier von einem skrupellosen Hafenarbeiter, der seine Mutter um den Finger wickelt, nur um diese später in seinen erdrückenden Spielschulden zurückzulassen. Die Mutter stirbt unter der Last dieser Ereignisse und bittet den Sohn und Erzähler am Sterbebett, sie zu rächen. Was folgt sind jahrelange Gewissensbisse und ein 'Happy-End' auf See, bei dem Erzähler und Antagonist als einzige Überlebende im Magen eines Wales aufeinander treffen. Episch, indeed - und perfekt arrangiert und produziert. Und dann noch nicht einmal der beste Cut der LP, unfassbar...

 

... ist auch, dass ich aus Mangel an Spielraum schon hier zum Fazit kommen muss. Mit ihrem dritten Album haben die Decemberists die unverkennbaren Vorzüge der ersten beiden Alben weiterentwickelt und auch die letzten Überbleibsel der phasenweise etwas spröden Darbietung ausgemerzt. Das Ergebnis kann sich mit dem eigentlich überambitionierten Picaresque, einem dieser Alben, das in seiner überberstenden Theatralik und seinen übertriebenen Selbstinszenierungen zum Scheitern verurteilt sein sollte, und doch auf jeder Ebene überzeugt. Und das, obwohl seine unterschiedlichen Geschichten nicht einmal ein harmonisch homogenes Gesamtbild ergeben. And we'll all come praise the Infanta...