Talking Heads - Talking Heads: 77

 

Talking Heads: 77

 

Talking Heads

Veröffentlichungsdatum: 16.09.1977

 

Rating: 9 / 10

von Kristoffer Leitgeb, 28.02.2021


Ungefiltert, unverfeinert, unübertroffen - Die Heads starten roh und doch auf einem ganz eigenen Gipfel.

 

Man muss schon auch mal gegen den Strom schwimmen. Ansonsten wird man nie mitbekommen, ob das Gras auf der anderen Seite, die die Leute ignorieren, nicht doch grüner ist. Und letztlich sind wir doch alle Pilot unseres Lebens und sollten selbst bestimmen, wohin der Flug geht. Diese Aneinanderreihung netter, aber wirkungsarmer Plattitüden schafft es nicht nur, uns gleichzeitig unter Wasser, an Land und in die Luft zu platzieren, sondern sie fängt auch gleich die Ausgangsposition dieser Rezension in zweierlei Hinsicht wunderbar ein. Die Talking Heads, es waren immer ganz eigensinnige Köpfe, mitunter vor allem dank Frontmann David Byrne grenzwertig schräg, dabei aber immer hemmungslos durchdacht und auch der Individualität verpflichtet. Und mit solch einem Vorbild vor sich, sollte man sich ein Beispiel nehmen und stolz verkünden, dass nicht etwa hier eine musikalische Reise gestartet und nach stetiger Verfeinerung innerhalb weniger Jahre mit "Remain In Light" vollendet wurde. Nein, nein, schon der Anfang war die Vollendung, die an Prägnanz, an inhaltlichem wie klanglichem Punch und an Eigenheit nahezu nicht zu übertreffen war.

 

1977 passierte sie und wurde entsprechend kreativ als "Talking Heads: 77" betitelt, war aber im Gegensatz zu vielen anderen Debütalben bereits das Ergebnis selbstkritischer Verbesserungen und Verfeinerungen. Die Heads waren intelligent genug, nicht bei der ersten Gelegenheit ins Studio zu stürmen und einfach drauf los zu spielen. Sie warteten, lauerten, besorgten sich noch während der bereits angelaufenen Aufnahmen für das Debüt mit Jerry Harrison die nötige Unterstützung an der Gitarre und am Keyboard und schlugen so zu, als der Zeitpunkt gekommen war, den im CBGB erarbeiteten Ruf mit einer LP zu bestätigen. Diese Aufgabe gelang mit den ersten Sekunden des funkig dahingroovenden Uh-Oh, Love Comes To Town und allem danach folgenden so eindrucksvoll, dass einerseits umgehend der Weg geebnet war für die Ausformung der eigenen musikalischen Vision auf späteren Alben, dass aber gleichzeitig auch bereits ein Klassiker für sich entstand.

An vorderster Front David Byrne, der sich mit seiner exzentrischen Stimme als klangliches Alleinstellungsmerkmal erweist, gleichzeitig aber vor allem textlich gleichermaßen ein Meister der Ironie und der ehrlichen Gefühle ist. Zwischenmenschliche Unsicherheit und Frustration treffen auf vereinzelte Anflüge von Optimismus, unverhohlen bissige Zeilen in Richtung der umgebenden Gesellschaft und deren Umtriebe. Und wenn alles passt, dann ist in einem Song beides drin und man kann sich wie in No Compassion aussuchen, ob denn da einer nun seine eigenen Probleme besingt, Frust über seine Mitmenschen ablässt oder aber ein gesamtgesellschaftliches Übel ins Auge gefasst wird:

 

"So many people have their problems

I'm not interested in their problems

I guess I've experienced some problems

But now I've made some decisions and

It takes a lot of time to push away the nonsense

Take my compassion, push it as far as it goes

My interest level's dropping, my interest level is dropping

I've heard all I want to and I don't want to hear any more"

 

Wir widmen uns damit auch gleich einem, wenn nicht dem Höhepunkt dieses Albums, der auch auf musikalischer Ebene all die unvergleichlichen Qualität der Band einfängt. Pendelnd zwischen den hektisch-funkigen Riffs und den treibenden Drums der Strophen und dem sphärischen, von Tina Weymouths melodischem Bass getragenen Refrain, rückt der Track beide Seiten ins bestmögliche Licht. Rastlos und mitunter chaotisch wirkend, mit einem unbändigen Groove, einer Rhythm Section zum Dahinschmelzen und unwiderstehlichen Riffs ausgestattet einerseits, andererseits immer dazu in der Lage, sich in kontrollierter Manier um die Atmosphäre zu kümmern, sei sie nun wie in No Compassion angespannt oder an anderer Stelle romantisch verklärend.

 

Dementsprechend erspart man sich die Kritik beinahe komplett, obwohl man die klanglichen Defizite, die ein Debüt im (post-)punkigen Milieu der 70er mitbringt, nicht überhört. Ja, Uh-Oh, Love Comes To Town würde unter der tatkräftigen Mithilfe von Brian Eno, die wenig später Realität werden sollte, mit seinen Steel Drums und dem geschmeidigen, leicht karibischen Charme wohl besser zur Geltung kommen. Ja, First Week, Last Week.... Carefree kann mit den ersten, ganz dezent spürbaren Anflügen späterer Worldbeat-Einflüsse als eher rudimentärer Vorläufer späterer, mutigerer und mit mehr Finesse ausgestatteter klanglicher Ausritte gesehen werden.

 

Aber nebst aller eventuell zu diagnostiziertender Mängel auf Soundebene, bleibt festzustellen, dass die chaotische, rohe und zwischen abenteuerlichen rhythmischen bzw. stilistischen Ideen und dem begrenzten Verständnis für deren optimalen Einsatz steckende Natur des Albums eine ihrer größten Stärken ist. Will man die LP als textlich genauso konkretes wie doch auch von emotionaler Unsicherheit und Hin- und Hergerissenheit geprägtes, gedankenvolles und hintergründiges Erlebnis verstehen, gibt es keine bessere Möglichkeit, das zu untermauern, als mit diesem jeglichen Extravaganzen beraubten Klang. Die Uneinheitlichkeit und der Mangel an Feinheiten macht es, dass die reine instrumentelle Erstklassigkeit von Songs wie New Feeling oder dem absolut schräg dahintrabenden, in Marching Drums aufgehenden Tentative Decisions umso mehr zum Tragen kommt. Und an den außergewöhnlichen Fähigkeiten der Musiker lässt sich nicht rütteln. Weymouths Bass ist für sich genommen schon ein Genuss, als stetiger, melodischer und doch kantiger Antrieb der Band aber umso wertvoller, sorgt mit Chris Frantz' Drums und deren Punch für eine hemmungslos dynamische und druckvolle LP von Anfang bis Ende.  Dazwischen toben sich Byrne und Harrison an der Gitarre und am Keyboard mit mal komödiantischen Einlagen, mal virtuosen, unwiderstehlichen Riffs, mal beidem aus.

 

Insofern gesellen sich zum genialen No Compassion weitere erstklassige Minuten in Form des Bandklassikers schlechthin, Psycho Killer, der trotz mächtiger Bassline insbesondere Byrnes exzentrische Show ist, das genussvoll funkige New Feeling oder das humorvolleTentative Decisions, dessen zwischen verschroben funkigen Strophen und militant-hymnischem Refrain tingelnder Sound die Verwirrung in der intersexuellen Kommunikation unweigerlich herrlich komisch wirken lässt. Und während man sich zum Abschluss mit Pulled Up über die Kanalisierung der ganzen Live-Energie der Band freuen darf und am anderen Ende des Spektrums The Book I Read die wohl feinste, hier zu findende Nutzung der Studiomöglichkeiten in Form eines formvollendeten, harmonischen Bandgefüges wartet, gibt es ja Don't Worry About The Government auch noch. Das ist eine so unfassbar erstklassige Satire des Glaubens an den guten Willen der Regierung und der gesellschaftlichen Bequemlichkeit, dass sie wohl selbst ohne ihren pointierten, mitunter an Jahrmarktsmusik erinnernden Sound ihre Wirkung entfalten würde.

 

Man kann also fast alles genießen. Am Anfang, am Ende und in der Mitte auch noch. "Talking Heads: 77" ist ein Debüt, wie es selten eines zu hören gibt, weil es eine Band zeigt, die wohl noch längst nicht am Ende ihrer musikalischen Erkundungen und ihrer Erfahrungen im Studio ist, die es jedoch trotzdem schafft, schon eigenständiger, erfinderischer, versierter und schlicht besser zu klingen, als man es sich erwarten dürfte. Dass dem einen oder anderen die Subtilität oder Vielschichtigkeit späterer Alben abgehen könnte, muss man wohl zur Kenntnis nehmen. Die Direktheit und von Studiofinessen freie musikalische Genialität, die einem hier entgegenspringt, sind aber ein mehr als ausreichender Ersatz dafür und haben den sehr erfreulichen Nebeneffekt, dass die Exzentrik und die pointierte Lyrik von David Byrne hier noch klarer erstrahlt als auf den folgenden Alben. Wem auch das nicht reicht, der darf sich dann auch noch darüber erfreuen, dass die New Yorker hier ihrem ehemals punkigen Background noch weit näher sind als auf allem, was noch kommen sollte. Um aber die bandhistorischen Vergleiche beiseite zu schieben und sich aufs Wesentliche zu konzentrieren, lässt sich definitiv nur ein einziges Urteil fällen: Das hier ist ein Meisterwerk!