Talking Heads - Fear Of Music

 

Fear Of Music

 

Talking Heads

Veröffentlichungsdatum: 03.08.1979

 

Rating: 8 / 10

von Kristoffer Leitgeb, 18.04.2019


Tanzbare Kopflastigkeit auf dem Weg zur Perfektion verschrobener Soundwagnisse.

 

David Byrne ist ein schräger Vogel. Und womöglich ein ungemütlicher Geselle, glaubt man so manchen Darstellungen, auch und vor allem denen, die manchen seiner engsten Weggefährten ausgekommen sind. Doch die Musikwelt braucht schräge Vögel und ebendie sind oft genug schwieriger zu ertragen, wenn man sie im direkten Kontakt erlebt. Dementsprechend passt das schon, natürlich nicht zuletzt wegen seiner Rolle als Frontmann und Mastermind einer Band, die zwar personell generell beneidenswert stark ausgestattet war, mit ihm aber eine Stimme des poetischen, exzentrischen Irrsinns ihr Eigen nennen durfte, die mit allerhöchster Wahrscheinlichkeit einzigartig ist. Trotzdem bleibt davon die Tatsache unbeeinflusst, dass die Talking Heads in ihrer Hochphase ein Gesamtkunstwerk waren, wenn auch eines vergleichbar mit abstrakten Gemälden und insofern nicht komplett ergründbar. Für diesen Eindruck braucht es eigentlich nur ein einziges Album der Band, "Fear Of Music" zementiert ihn aber auch als dritte LP, bringt die US-Amerikaner aber gleichzeitig ihrer eigenen Höchstform näher.

 

Notwendig geworden ist das ja hauptsächlich deswegen, weil am Vorgänger zwar plötzlich Brian Eno mitgetüftelt hat und auch dank des Elektronik-Pioniers eine radikale Vergrößerung der musikalischen Bandbreite stattfinden konnte, gleichzeitig aber der Killerinstinkt des Merkwürdigen, der "Talking Heads: 77" so herausragend hat klingen lassen, teilweise verlustig gegangen ist. Der dritte Anlauf könnte nun der sein, auf dem die Verschrobenheit auf textlicher und arrangementtechnischer Ebene mit der stilistisch vielseitigen, harmoniefreundlicheren Perfektion unter Enos Regie zusammenfinden. So ganz ist das nicht der Fall, was nichts daran ändert, dass "Fear Of Music" eindeutig ein Brückenschlag zwischen diesen beiden Dingen ist und damit verdammt gut fährt. Die Talking Heads erfinden sich auch hier immer noch neu, starten damit schon im Opener I Zimbra, der den ersten markanten Schritt in Richtung Worldbeat bedeutet, dessen unwiderstehliches rhythmisches Fundament mit Byrnes trockener, erratischer Gitarrenarbeit und damit starken Funkeinflüssen und einem Hauch von Disco-Feeling kombiniert. Garniert man das zumindest zwischenzeitlich flirrenden Keyboardeinsätzen und Gruppengesang, der nichts als Kauderwelsch anzubieten hat, dann klingt das ziemlich genial.

 

Außerdem bereitet einen sowas schon einmal hinreichend darauf vor, dass wohl keine gewöhnliche Tracklist auf einen wartet. Was folgt, ist auch nur schwer wirklich einzugrenzen, selbst wenn man sich problemlos darauf verständigen kann, einen Hauch von Post-Punk dominiert zu sehen von Funk, Disco und zu erahnenden Spuren von Glam Rock. Beeindruckend ist diese Mixtur nun vor allem deswegen, weil es der Band auf sonst kaum erreichte großartige Weise gelingt, ihre Songs gleichermaßen zur erbarmungswürdigen Offenbarung für Tanzwütige zu machen, sie gleichzeitig aber so sehr mit klanglichen Feinheiten und eigenwilliger Lyrik zu verzieren, dass man sich jederzeit im Detailreichtum der Songs verlieren kann. Was einem nun lieber ist, sei jedem selbst überlassen, auch wenn festzuhalten ist, dass es einem Songs wie Paper oder Life During Wartime kaum erlauben, den Fuß ruhig zu halten. Vor allem letzterer ist ein überzeugendes Beweisstück für die außergewöhnliche Stärke der Talking Heads, geht es um unwiderstehliche Rhythmen, herausragende Hooks und verführerisch exzentrische Vocals.

 

Der Gipfel all dessen ist Cities, dessen Fade In das Eintauchen in ein verhältnismäßig simples, allerdings genauso geniales Gebilde bedeutet. Von Tina Weymouths in funkiger Manier tänzelnden Bass und ein paar leichten Keyboard-Akkorden angetrieben, prägt sonst beinahe ausschließlich Byrnes hektisches und trotz des präzisen Gitarrenspiels und seine darin eingebettete Stimmakrobatik zwischen flehendem Jaulen und tonarmer Vortrag den Song. Und während man nicht umhin kommt, Enos Produktion als Ursprung der abgerundeten klanglichen Präzision zu erkennen, ist zumindest dieser Track eine willkommene Erinnerung an die fahrige Genialität des Debüts und dessen schräger Atmosphäre.

 

An anderer Stelle wird konventioneller oder auch nur weniger dynamisch musiziert, was nicht immer die bestmöglichen Resultate mit sich bringt. Ausgenommen davon sind eindeutig Air und Heaven, die zwar einen deutlichen Schritt in Richtung lockeren Pop-Rocks bedeuten, dabei aber das Gefühl der Band für starke Melodien unterstreichen und kein weniger harmonisches Ganzes ergeben als die exzentrischeren Minuten des Albums. Und sie sind auch deutliche Belege für die ambivalente Natur des Albums, die zwar musikalisch oft genug dem Funk und Disco-Anleihen verpflichtet ist, dementsprechend selten der Tanzbarkeit ausweicht, aber textlich zeitweise von Orientierungslosigkeit, Verzweiflung und Erschöpfung geprägt ist. Deswegen entsagt Life During Wartime Party und Disco, wendet sich stattdessen der Untergrundgewalt zu, deswegen erklärt Air die Luft zur schmerzhaften Erscheinung, deswegen umrahmen die drückenden Riffs von Memories Can't Wait auch Zeilen beklemmenderer Natur:

 

"Take a walk through the land of shadows

Take a walk through the peaceful meadows

Don't look so disappointed

It isn't what you hoped for, is it?

 

There's a party in my mind

And I hope it never stops

I'm stuck here in this seat

I might not stand up"

 

Dass es auf dieser Ebene etwas düsterer zugeht, stört aber genauso wenig wie der aggressive Unterton von Animals oder die leichte Verzweiflung, die in Cities herauszuhören ist. Was dagegen irritiert, ist ein Closer wie Drugs, der weniger wie ein Song im klassischen Sinne, sondern wie eine schräge Soundcollage wirkt. Da verzettelt man sich auch ordentlich, weil sporadische Tiergeräusche, ein schleppender Gitarren- und Bassloop und die sphärische Produktion nicht das sind, was David Byrne oder irgendwem in der Band in die Hände spielt.

 

An anderer Stelle wird man zwar nicht davor zurückscheuen müssen, Kritik anzubringen - wie zum Beispiel an den schrillen, die starke musikalische Unterlage teilweise sabotierenden Vocals, die Mind teilweise zu bieten hat -, gleichzeitig ist "Fear Of Music" allerdings ein Album, das trotz offensichtlicher Schwächen durch seine extrovertierte Vielseitigkeit kaum enttäuschen kann. Man bekommt einfach zu viel geboten, als dass man sich wirklich daran stoßen könnte, dass hier oder da mit Rhythmen zu kämpfen ist, die eher der störrischen Art angehören, oder dass nicht jeder Song so unwiderstehlich antanzt wie Cities. Von diesem hohen Niveau aus ließe sich sehr leicht sehr viel kritisieren, mit einem etwas vernünftigeren Blick auf die dritte LP der Talking Heads nimmt man sie aber als überzeugendes Gesamtkunstwerk wahr. Mit einem Auge für klangliche Finessen, rhythmischer Exzellenz, der einen oder anderen textlichen Perle und somit genug, um so ziemlich jeden glücklich zu machen.

 

Anspiel-Tipps:

- I Zimbra

- Cities

- Life During Wartime

- Air