Such A Surge - Under Pressure

 

Under Pressure

 

Such A Surge

Veröffentlichungsdatum: 24.01.1995

 

Rating: 4.5 / 10

von Kristoffer Leitgeb, 21.02.2019


Sporadische Härte als Rettungsanker zwischen lahmem Genre-Bending und kritischen Klischees.

 

Warum genau es mittlerweile den dritten Review für Such A Surge gibt, ist nicht so ganz klar. Zumindest lässt sich mit relativer Sicherheit ausschließen, dass es irgendwas mit der Originalität oder Qualität der Band zu tun hat. Zugegebenermaßen waren die Deutschen Mitte der 90er am Puls der Zeit und für zentraleuropäische Verhältnisse sogar ziemlich früh dran mit dem ganzen Rap-Metal. Auf den Spuren von Rage Against The Machine war man damit relativ schnell und doch wieder nicht, weil es ganz einfach an zu vielen Ecken gekrankt hat und sich die Eigenheiten der Band eher als Hemmschuh denn als Erfolgsgarant erwiesen haben. Entsprechend mäßig war dann auch der Erfolg, vor allem zu Zeiten des Debüts. Dass das 1995 trotz äußerst günstiger Wetterlage im Musikbusiness bezüglich der Vermählung von Hip-Hop und hartem Rock bis Metal so gewesen ist, lässt einen schon ein bisschen daran zweifeln, dass ein Album wie "Under Pressure" wirklich zu den Klassikern des Genres zu zählen wäre. Die Musik tut wenig, um diese Vorbehalte auszuräumen und einen von anderen Schlüssen zu überzeugen.

 

Wohlwollende Begründungen dafür könnten in die Richtung gehen, dass sich die Band mit der relativ eklektischen musikalischen Präsentation inklusive des Markenzeichens der Dreisprachigkeit keinen Gefallen getan hat. Das stimmt auch insofern, als dass Such A Surge sich nicht so präsentieren, als hätten sie gar keine Stärken. Allerdings lassen sich die fast ausschließlich dort heraushören, wo man wirklich der Härte frönt und dementsprechend Gitarrist Dennis Graef in den Mittelpunkt rückt. Der kann schon ein bisschen was, insbesondere an stärkere Vorbilder erinnern. Trapped zum Beispiel ist dank Absenz der deutschen Sprache und funkigem Unterton bei den Riffs eine willkommene Reminiszenz auf den durchdringenden, wütenden Metal von Rage Against The Machine, die dank der starken Rap-Parts von Oliver Schneider und Michel Begeame überhaupt zu einer generellen musikalischen Verbeugung vor den US-Amerikanern wird. Und das ist gut so, denn es klingt kraftvoll, fast ungesund aggressiv und wartet mit einem Riff auf, der sich kompromisslos durch die vier Minuten durchwalzt.

 

So könnte man das öfter machen, es passiert nur so ziemlich nie. Zwar gibt es noch ein paar solcher Wutausbrüche, schon der Opener I'm Real ist ein solcher. Allerdings kann keiner mit ähnlich starker Gitarrenarbeit und Dynamik punkten, auch gerappt wird da selten so explosiv. Was sicher auch daran liegt, dass man es sich antut, zwischen Deutsch, Englisch und Französisch hin und her zu springen, wodurch erstens die latente Unerträglichkeit deutschsprachiger Verses zum Vorschein kommt, gleichzeitig auch der Flow der Songs beim Teufel ist. Gerade der Opener belegt, dass sich der hölzerne deutsche Part zwar musikalisch ziemlich stark macht, die englischen Chants im Refrain und so ziemlich alles, was hier gerappt wird, aber ein harmonisches Ganzes verhindern. Jetzt kann man einwenden, dass Harmonie nicht unbedingt das große Ziel der Band war, nur konterkariert sich der Track zeitweise auch stimmungsmäßig.

Zwar ist man abseits davon eindeutiger mit der atmosphärischen Ausrichtung, das verhindert aber nicht, dass man Schatten, S.U.R.G.E. oder Down To Earth als ähnlich durchschnittlich empfindet wie die Albumeröffnung. Es sind zwar unterschiedliche Songteile, die stören - Schatten wird seinem Titel mit einmal mehr klobigem deutschem Rap gerecht und sabotiert damit die durchaus starke Kombi aus harten Riffs, starken Drums und prägnanten Keyboard-Akkorden; S.U.R.G.E. kämpft sich dagegen durch unnötige Scratches, Refrain-Chants und einen starken Flow, der aber latent inhaltslose Verses trägt; Down To Earth wiederum steuert mit bluesigem Unterton in Richtung Groove Metal und findet dort nie die nötige Power. So unterschiedlich die Probleme sein mögen, so einhellig ist das Urteil, dass die Band in härterer Gangart durchaus gut klingen kann, aber schlicht und einfach die Geradlinigkeit, die Trapped so stark macht, entweder nicht will oder aber nicht nutzen kann, weil man sie textlich oder durch unnötige Tempowechsel konterkariert.

 

Das alles ist aber um einiges leichter zu verkraften als die Tracks, die sich musikalisch komplett anders präsentieren. Vielleicht sollte man es als ambitioniert und mutig betrachten, dass sich die Band traut, mitten in ihr Debüt symphonischen Klavier-Rock, noch dazu mit französischem Text, einzubauen. Nur klingt Pour Toujours auf schmerzhafte Art nach den 90ern, das Klavier am allermeisten, als wäre es "Reich & Schön" oder einer Entspannungs-CD entnommen. Das schmerzt, weil es sich schon generell nicht gut anhört, mit den schmalzigen Streichersätzen aber umso mehr auf Kriegsfuß steht und Begeame so nicht und nicht in dieses Setting passen will. Unterbieten kann man das trotzdem, weil Pour Toujours eben doch starke Streicher hat und weil Ich Bin Ein Träumer ein wahrlich unnötiges Stück Musik ist. Plötzlich Jazz in die Songformel zu mischen und damit einen lahmenden Rap zu unterlegen, der noch Die Fantastischen Vier wie Könige des Hip-Hop wirken lässt, erscheint mir ernsthaft fragwürdig und fehlgeleitet. Ein Eindruck, der sich verstärkt durch die leidenschaftslos zum Besten gegebenen Zeilen:

 

"Wir haben einen Traum, genau wie Martin Luther King
Lass Freiheit regnen, deswegen sind wir gegen
Blinden Stolz und werden ihn zerlegen
Nicht aufgeben, wir sind überlegen"

 

Tja, man sollte nicht so genau hinhören, weswegen es auch umso mehr stört, dass so etwas wie Gegen Den Strom Leadsingle sein durfte. Wenn einem auf anderen Songs gelegentlich textliche Klischees unterkommen, dann werden sie hier in komprimierter und extremer Form reingequetscht. Man schwimmt eben gegen den Strom, regt sich dabei über Apathie, Konsumverhalten, Schwarmdenken und was auch immer auf, ist selbst der motivierte Individualist schlechthin, der alle aufwecken will. Zugegebenermaßen kann sowas durchaus interessant klingen und zum Nachdenken anregen. Hier nicht... Was nichts daran ändert, dass es gut ist, zwei Versionen des Songs auf dem Album zu finden. Denn die ältere Fassung aus dem Jahr 1993 hat den Vorteil, dass sie den Rap nicht über alle Maßen prominent auf pseudoatmosphärischem Zupfen platziert, sondern stattdessen mit dröhnenden Gitarrenwänden umrahmt. Das klingt aggressiver und zwar nicht nur musikalisch. Entsprechend erträgt man das Ganze natürlich um einiges leichter und bekommt effektiv einen der klanglich besten Songs der LP heraus.

 

Das rettet nur ziemlich wenig. Man muss einräumen, dass Such A Surge schon ziemlich gut geklungen haben, wenn sie einfach Rap-Metal geboten haben und dementsprechend die Gitarre haben sprechen lassen. Das hat dank der präziseren Arbeit auf "Agoraphobic Notes" besser funktioniert, während hier alles, das nicht Unmengen an Energie ausdünstet, ziemlich an einem vorbeiläuft oder gleich überhaupt ziemlich irritierend ist. Und weil das nicht wenige Tracks betrifft, bleibt einem eigentlich nur genug gutes Material, um damit eine ordentliche, keine großartige EP zusammenstellen zu können. Ein ganzes Album geht sich aber nicht wirklich aus, dafür ist da zu viel an Klischees und zu wenig an Ideen, um diese in ansprechender Musik zu verpacken, sodass man sie nicht als so schwierig zu verdauen empfindet. Da hätte es definitiv geholfen, wäre man öfter mit dem Kopf durch die Wand gegangen, anstatt sich an stilistischer Vielfalt zu versuchen und damit jedem kurzzeitig aufgebauten emotionalen Momentum entgegenzuarbeiten.