Such A Surge - Der Surge-Effekt

 

Der Surge-Effekt

 

Such A Surge

Veröffentlichungsdatum: 07.02.2000

 

Rating: 4 / 10

von Kristoffer Leitgeb, 06.05.2017


Zerfließende Sound-Symbiosen und verwaschene Wahrheiten aus dem Fundus.

 

Success is a bitch! Kennen wir alle, der Erfolg korrumpiert, macht einen träge und selbstgefällig, mitunter auch ganz gern unausstehlich. Jetzt ist das Bizarre am Erfolg allerdings, dass nicht nur seine Nachwirkungen oft negativer Natur für alles außer das Bankkonto der Betroffenen sind, sondern allein schon das erfolgreiche Produkt, das noch gar nicht unter irgendeinem schlechten Stern stehen musste, manchmal daneben klingt. Also nicht so, wie es ohne Erfolg war. Das als Wechselwirkung zu betrachten, wäre allerdings ein Fehlschluss. Der Connaisseur weiß, was erfolgreich ist, ist automatisch mit einer gesunden Portion Skepsis zu betrachten. Einfach, weil gewinnt, was verwässert, geplättet oder schlicht dämlich ist. Frag nach im Weißen Haus. Dieser einseitige Blickwinkel sollte eigentlich hinreichend widerlegbar sein und trotzdem sind dann da die Deutschen von Such A Surge, deren größter Erfolg eine Delle nach unten in der Qualitätskurve ihrer Karriere bedeutet hat.

 

Nun ist, wir bleiben kurz in der Politik, die Frage, ist das Ergebnis innerhalb der Schwankungsbreite? Also ist ein schwaches Album in einer Karriere voller durchschnittlicher Alben wirklich erwähnenswert. Vielleicht ja. In diesem Fall wirkt es zumindest so, weil sich eine in Ansätzen wahrnehmbare Massentauglichkeit auch gleichzeitig als in Ansätzen wahrnehmbare Leb- und Inhaltslosigkeit bemerkbar macht. Die Leadsingle heißt Chaos und so vielversprechend ein solcher Titel sein kann, es wird zu einem althergebrachten Hip-Hop-Eierkraulen unter Kollegen, die zusammen gerade einmal in den hintergründigen Metal-Riffs ein ansehnliches Merkmal finden. Dass aber selbst die seltener und träger geworden sind, hilft dem Plädoyer der Band nicht wirklich. Zwar versucht man noch so manches brachial zu gestalten, der durchaus starke Opener Mein Weg legt zumindest partiell Zeugnis davon ab, aber die Jahre haben nicht nur jeden Jazz-Einfluss aus dem Schaffen der Band verbannt, sondern auch an ihrer Durchschlagskraft genagt.

 

Gerade der Vergleich mit "Agoraphobic Notes", diesem unsteten, teilweise bemitleidenswert fehlgeleiteten Etwas, macht sicher: Da kann nichts übrig sein von Wut, von starker Emotion, vom Drang danach, der Welt das eigene Innenleben zu präsentieren. Stattdessen zieht man sich auf eine Kombination aus lyrischen Einfachheiten und wirkungslosen Plattitüden zurück. Möglicherweise sind im Zuge dessen die Zielscheiben sogar deckungsgleich mit den früheren, aber die Eröffnung gibt als halbgare Individualisten-Offenbarung schon einen schwierigen Ton vor. Der führt alsbald zu ordentlicher Kritik am Musikbusiness, mit zynischen Einzeiler-Refrains und dem, was früher einmal glaubhafte Depression war. Songtitel wie Shot Myself (With A Plastic Gun) oder eben Chaos gaukeln da zwar Substanz vor, für den Nachhall ist aber mehr denn je die Musik zuständig. Lediglich Das Blaue Vom Himmel kann in der ersten Albumhälfte dort ansetzen, wo früher die starke Gesellschaftskritik aufgehört hat, nur um sich im Refrain in blindwütigem Geschredder zu verlieren.

 

Was besser ist als die Softie-Masche, die sich plötzlich einzustellen droht. Such A Surge in ruhig geht, verdammt gut sogar. Aber nicht in Form von banalem Pop-Rock mitsamt Unsinns-Duett. Dementsprechend sollte es Wenn Du Willst nicht geben. Für sowas müsste man wirklich gut singen können und die Leute kommen immerhin aus dem Hip-Hop. Also nix da, genauso wie in der technisch wie textlich miserablen Selbstbeweihräucherung im finalen Bei Mir. Ähnlich diesem nichtsnutzigen Teil ist die LP generell reich an Banalitäten, die sich, wenn schon nicht im Thema, dann zumindest in der lyrischen Verarbeitung manifestieren. Ein besonderes Plätzchen bekommt auf diesem Terrain Immer So und damit der Track, der den eigenen Charakter so argumentationslos rechtfertigt, dass es fast schon wieder lustig ist:

 

"Mir ist egal, was dich an mir stört

Und wie lange noch

Du versuchst mich zu verändern

Es bleibt hoffnungslos, weil es zu mir gehört

Genau so wie du

Also lass mich in Ruh

Ich weiß auch nicht, was es ist

Vielleicht bin ich ein Egoist"

 

Das ist kein überzeugendes Statement, meine Freunde, es ist eine Strophe, die man sich so eher bei Tokio Hotel erwarten würde. Dass Such A Surge das auch im neuen Jahrtausend absolut nicht nötig hatten, belegen auf der anderen Seite Im Falschen Film und viel mehr noch der einsame Gipfelstürmer, Tropfen. Der überzeugt zwar vom Titel her weniger, wird aber zur druckvollen Rückbesinnung auf die aggressive Abrechnung mit allem, was nicht richtig ist, die in den besten Momenten der Band regiert hat:

 

"Kann es sein, dass Vera am Mittag schon Drogen nimmt 

Die Zombies die da sitzen die Mehrheit 

Und eure Nachbarn noch viel abgefuckter als die sind? 

Das Ende beginnt und jeder blind nach mehr schreit? 

Kann es sein, dass es euch nicht mehr besonders berührt 

Wenn ihr in den News nur noch Blut seht? 

Es euren Hunger schürt, Gehirn bricht, durchrührt, 

Und es euch danach so komisch gut geht?"

 

So und nicht anders soll es klingen, wenn über atmosphärischen Riffs, diesmal alles andere als dröhnend, sondern in sphärische Melodien gegossen, gerappt wird. Es sollte übrigens der einzige Bruch mit dem charakteristischen Sound der Band bleiben, der wirklich gelingt. Alles andere wirkt unweigerlich deplatziert inmitten abgespeckter Riffwände, deren Nachhall meistens zu wünschen übrig lässt, allein weil sie nie mit der Konsequenz durchgezogen werden, wie es die Atmosphäre verlangen würde.

 

Wobei die ohnehin kein Dauergast auf dem erfolgreichsten Album der Deutschen ist. Viel zu oft ist "Der Surge-Effekt" schlicht ineffektiv. Uninteressant. Wirkungslos. Ohne Manie, ohne erschreckende Wutausbrüche, ohne brutale Zeilen, da bleibt wenig, worum sich das Gedächtnis wirklich zu kümmern hätte. Außer natürlich um eine zusammenfassende Bilanz und die kann nur lauten, dass die dreizehn Tracks durch ihre geglättete Produktion und ihren stromlinienförmigeren Sound zwar anfangs weniger Schwachstellen offenbaren, umso schneller aber abfallen. "Der Surge-Effekt" ist dahingehend kaum ein Auf und Ab, sondern eher ein Dahindümpeln in einer Mischung aus Sinnfreiheit und Fadesse, die rüde unterbrochen wird von Reminiszenzen an Tage, die erst im Vergleich mit Album #4 plötzlich wirklich gut ausschauen könnten. Da war eben von größerem Erfolg noch keine Rede.

 

Anspiel-Tipps:

Mein Weg

- Das Blaue Vom Himmel

Tropfen