Stefanie Heinzmann - Stefanie Heinzmann

 

Stefanie Heinzmann

 

Stefanie Heinzmann

Veröffentlichungsdatum: 16.03.2012

 

Rating: 5.5 / 10

von Kristoffer Leitgeb, 22.10.2018


Eine fähige Soulstimme, zu oft umgeben von spannungsarmen Belanglosigkeiten.

Gemeinhin gilt ja als gegeben, dass die hohe Zeit des Rock vorüber ist. Das liegt natürlich auch an der Motivation und Ausgangslage der dafür zuständigen Künstler, aber eben doch auch ein bisschen an den Begleiterscheinungen des Musikbusiness. Diese Aura des Bahnbrechenden, die in den 60ern und 70ern greifbar war, ist heute in dem Genre genauso mit der Lupe zu suchen wie der schweißgetränkte DIY-Touch, den der damalige Sound zumindest suggeriert hat. Dafür kann keiner was, selbst wenn man sich in ein Studio aus den 50ern stellt und alles mit dem dortigen Equipment aufnimmt, wird dieses Flair nicht wiederkommen. Ich vertrete so nebenbei die Ansicht, dass diese Schwierigkeiten den Soul in ähnlichem, wenn nicht noch größerem Maße treffen. Zwar lebt das Genre, kennt mit Adele einen Weltstar und ist zumindest als kleine Zutat allgegenwärtig. Aber Soul ist spätestens seit den 90ern der kleine Bruder von Urban Music und R&B, was auch an dem direkten Einfluss des Soul auf beides liegt, puristischer Soul ist daneben allerdings zu einer Randerscheinung geworden, der nur mehr bedingt Zauber innewohnt. Vielleicht auch, weil die gefühlvolle Stimmgewalt es unfassbar schwierig hat in den modernen Zeiten kristalliner und verchromter Produktion. Stefanie Heinzmann kann dreizehn Lieder davon singen.

 

Wobei ich natürlich insofern relativiere, als dass die Schweizer Sängerin jetzt nicht unbedingt das Aushängeschild des Soul zu gelten hätte. Aber eine entsprechend gelagerte Stimmbegabung bringt sie mit, genauso wie die Beharrlichkeit, sich weiter in Richtung Soul vorzuarbeiten, anstatt einfach dem Massenpop zu frönen und damit die Verkäufe im deutschsprachigen Raum abzusichern. Das ist nobel und sorgt durchaus dafür, dass man ihr mitunter sehr gerne zuhört. Es krankt aber insgesamt an der Tatsache, dass ihre Musik abseits der Arbeit am Mikrofon wenig zu bieten hat. Manche behaupten das auch von oben erwähnter Adele, aber a) Unterschied bei der Stimmgewalt und b) fähige britische Songwriterin vs. Abhängigkeit von externen Schreibhilfen. Heinzmann fehlen dementsprechend zu oft die nötigen Hooks, die nötigen instrumentalen Besonderheiten oder auch nur der textliche Unterboden, um ihrer Stimme etwas Substanzielles zur Seite stellen zu können. Deswegen ist schon der Opener Fire ein bisschen sehr zäh. Da wird plakativ dezent an der akustischen Gitarre und am Klavier instrumentiert, nur um einen Gewaltausbruch im Ein-Wort-Refrain zu zelebrieren, der so ziemlich nichts aussagt. Blöd gesagt, der Song ist ruhig ohne Grund und als solcher nicht interessant genug, um den mangelnden emotionalen Eindruck abzufedern.

 

Aber er ist stark gesungen und nervt nicht. Wunderbares Lob, oder? Tatsächlich ist das aber eine Lebensversicherung für Heinzmann, die mehr als nur diesen Song über Wasser hält. Interessanterweise trifft ein solches Schicksal eben nicht nur die zwischen Kitsch und Vakuum tingelnden Balladen, sondern auch die unspektakulären Motown-Tracks Ain't No Way und Second Time Around, die sich zwar mit netten Riffs im Rock- und Funk-Lager anfangs prägnant präsentieren, selbst die klassisch poppige Drei-Minuten-Laufzeit allerdings nicht wirklich auszufüllen wissen. Vielleicht hat man den Grund wirklich in der immer noch zu glatten Produktion zu suchen, die die Schweizerin seit ihrem Debüt mit sich herumschleppt. Zumindest das sonnige Gezupfe von Not At All oder die pianogetragene Herzschmerzballade Everyone's Lonely klingen so konturfrei und fernab jedes Wiedererkennungswerts, dass man sie - stimmliche Leistung ausgenommen - genauso gut als neueste Single von Lena Meyer-Landrut identifizieren könnte. Wie bitter das ist, merkt man gerade bei Everyone's Lonely erst bei ganz genauem Hin- und vor allem Hinweghören über das schmalzige Streicherkorsett und das Flehen Heinzmanns. Erst dann bekommt man nämlich ein wenig davon mit, dass die kitschige Sehnsuchtsserenade gar nicht so klischeehaft getextet ist, wie man meinen würde:

 

"Everyone's lonely
Everyone's lonely these days
Can you save me from the cliché
'Cause did I mention I was lonely these days

Another skinny girl
Mournfully crooning a sad song
She'll ruminate upon
Her chemical high generation"

 

Doch solches Kleinvieh macht weniger Mist und das bietet die Gelegenheit, gleich einmal wunderbar die Aussage des vorherigen Absatzes zu bombardieren. Denn dort, wo die LP wirklich eine gewinnende Seite zeigt, findet man mitunter genau den auf die Charts abzielenden Sound, der es bei Heinzmann gerade nicht sein sollte. Ausgerechnet Leadsingle Diggin' In The Dirt liefert die mit Abstand beste Hook des Albums, flößt trotz steriler Claps mit der starken Rhythm Section der Sängerin mehr Energie ein und bietet den womöglich stimmigsten Refrain des Albums. Das kann natürlich schon auch daran liegen, dass da das einzige Mal nicht das unheilvolle Trio Pompetzki, NZA und Remmler produziert. Woran es auch liegt, hier gelingt allen Beteiligten für einmal ein rundum stimmiger Song. Das heißt aber mitnichten, dass man beim Rest wirklich weghören wollen würde. Stain On My Heart überzeugt beispielsweise als locker-geschmeidiger Akustik-Pop mit latentem Disco-Einschlag im Refrain, dem die prägnanten Streicher mehr als jedem anderen Track helfen, während sich Heinzmann hier wohler zu fühlen scheint als in den übrigen Arrangements. In  diesem Sinne ist ein etwas aktiverer Touch fernab gefühlsbetonten Kitschs keine schlechte Sache, wie die Neuauflage des 60er-Holland-Dozier-Holland-Hits This Old Heart Of Mine oder auch die an den Vorgänger "Roots To Grow" angelehnten, kernigeren Riffs mit Funk-Einschlag von Show Me The Way beweisen.

 

In ruhigerer Manier erweist sich das Album nur ein einziges Mal wirklich als Gewinn, nämlich mit Coming Up For Air, an dem Heinzmann selbst mitgeschrieben hat und das sie dann auch in unglaublich geschmeidiger Art singt. Das ist jedoch wenig für eine Künstlerin, deren größtes Kapital immer noch ihre Stimme und ihr durchaus emotionsbeladener Einsatz davon ist. Trotz dieser Fähigkeiten bleibt es auch weiterhin dabei, dass man der Schweizerin am besten nur Up-Tempo-Songs schreibt, in denen sie einen etwas exzentrischeren und ausdrucksstärkeren Auftritt hinlegen kann. Dann vergisst man nämlich etwas schneller, wie mäßig die Songs textlich und produktionstechnisch oft daherkommen und findet stattdessen in dem einen oder anderen griffigen Arrangement das Fundament für starken Pop. Der ist trotz offensichtlicher Vorlieben für Soul und R&B im alten Stil wohl auf ewig Heimat von Stefanie Heinzmann, auch wenn man ihr wünschen sollte, dass sie bessere Wege finden kann, ihre Stimme in Songs zu verpacken. Bis das passiert, braucht es treibende Hooks und eine lockere Atmosphäre, um sie gut einzubetten und im nötigen Maße musikalisch zu unterstützen. Alles andere mag stimmlich überzeugen, wirkt aber trotzdem zu oft wie verlorene Zeit.