Sportfreunde Stiller - La Bum

 

La Bum

 

Sportfreunde Stiller

Veröffentlichungsdatum: 03.08.2007

 

Rating: 4.5 / 10

von Kristoffer Leitgeb, 09.09.2017


Ein Hauch neu gefundener Reife und doch vom Segen in die poppige Traufe.

 

Strategien für die erfolgreiche Annäherung an andere Menschen gibt es viele. Also jetzt nicht auf physischer Ebene, da ist die Bewegungsenergie alternativlos, spätestens seit Einstein. Aber so metaphysisch und so, so gedanklich. Da ist viel Spielraum zwischen "Guten Tag, wie geht's?" und "De Oaschlecha scho wieda. Na, is des leicht a Frechheit, wos sog'n sie?!" Jetzt ist debattierbar, ob und wenn ja inwiefern der offen-aggressive Mensch wirklich Erfolgschancen auf diesem Gebiet hat. Er zieht aber zumindest bei Wahlen sehr gut, sofern die Aggressivität kanalisiert gegen gesellschaftliche Außenseiter gerichtet ist. Reviewbezogen geht es aber ohnehin um die Zurückhaltenden, die Unauffälligen, die nicht Aneckenden unter uns. Einige davon sind einfach ruhig, vielleicht überhaupt qualifiziert für die "Stille Wasser"-Kategorie. Andere sind einfach nur unauffällig und ecken nirgends an. Es wäre nun an den Sportfreunden, sich selbst mit "La Bum" aus dieser letzten Sackgasse herauszumanövrieren.

 

Wobei hier selbst die Einleitung einem Folgefehler gleichkommt, der darauf aufbaut, dass das bayrische Trio in den Jahren davor wirklich zurückhaltend gewesen wäre. Aufgefallen sind sie da zwar lange wirklich nicht, aber dann war da '54, '74, '90, 2006 und damit latente Aufdringlichkeit in der schützenden Menge grölender Fußballfans. Aber sonst waren sie zurückhaltend und vor allem "La Bum" sollte eigentlich eine reichlich ruhige Songsammlung werden. Was nun wieder kein generelles Misserfolgsrezept ist, weder global, noch für diese Band, deren beste LP immer noch unplugged daherkommt. Nur ist das Problem der Sportfreunde dabei zweierlei: Einerseits hat Peter Brugger keine Handvoll Songs geschrieben, die sein Dasein als Texter rechtfertigen. Er kann nicht nur nicht singen, die Kunst der wirklich rhythmischen Lyrik ist für ihn ähnlich wenig Heimspiel, zumal seine eher abenteuerlichen Wortspiele seltenst mehr gemacht hätten, als einem zusammenzucken zu lassen. Auf der anderen Seite steht die Konturlosigkeit. Die ist musikalischer Natur und betrifft das undefinierte, eigentlich ziemlich ideenlose Herumdümpeln in Gewässern zwischen Indie-Pop und haushaltsüblichem Pop-Rock.

 

Doch "La Bum" ist anders. Kurzzeitig zumindest. Vor allem die gebotenen Zeilen machen, zusammen mit dem reichlich kurzen, aber immerhin spürbaren Fokus auf präzis produzierte Rockriffs mit entsprechendem Up-Beat-Unterboden, einiges her. Nur zwei Songs lang, das ist aber auch etwas. Der Titel Vom Nächsten Kapitel unterliegt trotz gut produzierter, spärlich genug eingesetzter E-Gitarrenarbeit zwar der eigenen Unplugged-Variante, ist aber ein gelungener Einstieg, dessen etwas andere Form des althergebrachten Coming-of-age-Themas für ein Mal genau das richtige Maß schrulligen Humors, um die starken Rhythmen auszufüllen. Der Refrain könnte nichtsdestotrotz ein bisschen mehr Punch vertragen, aber man soll nicht wählerisch sein dieser Tage. Außerdem verfeinert die folgende Leadsingle Alles Roger! diese Qualitäten noch um ein kleines Stück, illustriert die mannigfaltige Sprachverwirrung unserer Zeit vor allem vor dem ersten Refrain mit der gebotenen Kindlichkeit:

 

"Eine Doktrine ist keine Medizinerin

Eine Blockade ist keine hippe Berlin-Limonade

Bebop ist kein Schlitten

Die Sugarbabes sind nicht Atomic Kitten"

 

Wobei nicht sicher ist, ob man der letzten Zeile wirklich zustimmen kann.

 

Relativ rasch zuzustimmen ist dagegen der Behauptung, die zweite Hälfte des Albums lasse alles vermissen, was zu Anfang gut gemacht wird. Was dem Trio offensichtlich doch noch etwas näher als die Wortakrobatik und in Ansätzen kernige Riffs ist, ist der weichgewaschene Kitsch, der sich einem in den gestelzten, komplett von jeder Atmosphäre befreiten Zähigkeiten In Unmittelbarer Ferne und Anders Als Auf Ansichtskarten aufdrängt, deren teilweise absolut grässliche Reime durch Bruggers überbetonten Sprechgesang nur umso mehr im Rampenlicht stehen. Die Musik hilft da auch einfach nicht, weil sie in Form von brustschwachem Gitarrenpop eigentlich fast nicht existent ist, zumindest unter der Wahrnehmungsschwelle versinkt. Dass das schon auch besser sein kann, zeigt der einem klanglichen Armutszeugnis gleichkommende Refrain von Eine Gute Nacht, dessen Mix aus billiger Synthie-Schwaden, unpassender Riffs und noch unpassenderer Stimmmanipulationen sich ins Negative multipliziert. Was übrigens schade ist, die Strophen gehören zu den wenigen lichten Momenten dessen, was sich nach den ersten fünf Tracks abspielt. Vielleicht sollte man ihnen immerhin zugutehalten, dass eine klare Tendenz erkennbar ist. Sie führt bergab; und endet mit dem miserablen Closer Legenden, der klanglich so jämmerlich amateurhaft versaut und noch dazu final mit dem auf alle Zeit unstimmigsten Chor beschwert wurde, dass die gleichermaßen süßliche und undefinierte Botschaft des Tracks schon fast schadlos an einem vorbeidriftet.

 

Und nun zu dem dazwischen. Dem Vergessenen, wäre es nicht bewusst bisher ausgespart geblieben. Also das, was vor dem Abschluss ordentlichen Pop-Rocks in Form von Ohne Deine Liebe kommt. Dieses jähe Ende kommt übrigens nach nicht einmal 20 Minuten, womit wohl auch das Rating erklärt ist. Das vollständige Bild verlangt trotzdem auch und vor allem nach (Tu Nur Das) Was Dein Herz Dir Sagt und damit dem vielleicht besten Song, den die Sportfreunde Stiller bisher zu bieten hatten. Eine wirklich griffige Beschreibung der Qualität wird sich nicht machen lassen, dafür sind die Zutaten zu handelsüblich. Aber nie wieder kam das Trio der vollendeten Stimmigkeit eines Tracks so nahe, während gleichzeitig in der streicherverstärkten Powerballade - naja, weniger Power, mehr Ballade - noch genug Platz für Gefühl der einfachsten und direktesten Art war. Und wenn man hier Peter Brugger doch eine Stärke zugestehen darf, dann die, dass ihm auch in unerwarteten Momenten wie diesen starke Hooks auskommen, die sich aber mitnichten aufdrängen, sondern quasi unterbewusste Eingängigkeit mitbringen.

 

Warum nicht mehr davon? Und diese Frage ist keine rein rhetorische, nicht einmal eine zynische. Sie ist eher eine ermüchterte. Gut, vielleicht mangelt es an Inspiration oder auch nur am Willen, um sich einmal albumübergreifend in diese Richtung zu bewegen, anstatt immer wieder dieses Allerlei aus brauchbaren, zum Ohrwurm taugenden Up-Tempo-Tracks, der einen mal mehr, mal weniger brauchbaren Ballade und einem Haufen austauschbar-dämlichem 08/15-Zeug zu präsentieren. Aber irgendwie ist dieses Allerweltsdasein das eine, große Charakteristikum dieser Band, die sich nicht einmal wirklich beschreiben lässt, ohne auf den Mangel an Beschreibenswertem hinzuweisen. Unscheinbar eben, zurückhaltend, bei der Annäherung immer in der Defensive. Ohne aber dabei wahnsinnig gedankenreich oder tiefsinnig zu wirken. Was ein Nachteil ist, wenn man daraus nicht im LP-Format das machen kann, was die drei Songs da unten können. Es könnte allerdings global betrachtet auch ein Vorteil sein, immerhin war "New York, Rio, Rosenheim" weniger eckenlos und wie das geendet hat, ist hinlänglich beschrieben.