Yann Tiersen - Le Fabuleux Destin DAmélie Poulain


Le Fabuleux Destin D'Amélie Poulain

 

Yann Tiersen

Veröffentlichungsdatum: 23.04.2001

 

Rating: 8 / 10

von Kristoffer Leitgeb, 27.08.2016


Merkwürdige Instrumente für eine merkwürdige Dame oder Die fabelhafte Welt des französischen Romantikers.

 

So, jetzt bitte mal alle aufzeigen, deren Lieblingsinstrument die Maultrommel ist! Anyone? Singende Säge vielleicht? Ah, ich weiß, Oboe! Na gut, dann aber ganz sicher Dudelsack! Geh kommts, irgendwer, Dudelsack, der pfeift doch...

Es stellt sich heraus, dass es auch unter den Instrumenten, ähnlich wie in der riesigen Menschenschar, solche gibt, die man einfach nicht...braucht. Die müssen nicht unbedingt da sein, schon gar nicht ganz vorne und laut und oft. Das Akkordeon dürfte da dazugehören. Zumindest fallen einem so aus dem Stegreif wenig Gelegenheiten ein, wo das jetzt wirklich dabei sein muss, außer bei diesen ganzen Volksmusik-Typen, die so tun, als könnten sie ein Instrument spielen. Aber da braucht es wiederum die Typen als Ganzes nicht. Man kann also wohl festhalten, es braucht einen eigenwilligen Geschmack, um das Akkordeon wirklich lieb zu haben. Womit die Brücke geschlagen wäre zu Amélie Poulain, die mit den Augen einer 10-Jährigen durch Frankreich wandelt, und Yann Tiersen, der mit der Erfahrung eines 80-Jährigen musiziert.

 

Ganz so viel Erfahrung ist es vielleicht nicht, aber irgendwie liegt so ein Schluss nahe, wenn einer in seiner Karriere mehr als zwei Dutzend verschiedene Instrumente ausprobiert hat. Und weil da das Orchester natürlich nicht mitgezählt ist und Tiersen noch dazu fast alle selbst spielt, entsteht eine lange Liste an Instrumenten, die auf ähnliche Art faszinierend schräg ist wie das, was mit und um Amélie passiert. Aber nicht schräg schräg, sondern erst einmal liebenswürdig schräg. Denn es gehört schon ein bisschen etwas dazu, ein Album zu einem guten Teil auf der Ziehharmonika aufzubauen. Doch der Franzose hat das kompositorische Rüstzeug dafür, soviel wird bald klar, ungefähr zur gleichen Zeit, wie man auch die Erkenntnis gewinnt, dass kaum einer besser für diesen Soundtrack geeignet wäre als er. Fest in der Romantik verhaftet, sind seine Stücke voller sprunghafter Leichtigkeit und musikalisch bunt auf eine Art, die in 999 von 1000 Fällen purster Kitsch wäre. Und eines ist garantiert: Vom ersten Track, dem großartigen J'Y Suis Jamais Allé, weg ist hier wirklich viel ziemlich kitschig. Aber auf gute Art.

 

Vielleicht ist es das klangliche Allerlei, das dafür sorgt. Wie oft stolpert man über Künstler, die eine Schreibmaschine als Rhythmusinstrument verwenden? Wie oft hört man jemanden, der Cembalo, Tuba und Akkordeon mischt und es schafft, dass das tatsächlich gut klingt? Selten, wirklich selten. Im Normalfall würde einem nämlich so etwas fast unweigerlich peinlich und over-the-top süßlich vorkommen. Doch Stücke wie Les Jours Tristes oder das energisch dahinschwebende La Noyeé wirken so formidabel ausbalanciert, die darin aufeinandertreffenden Instrumenten auf so ideale Art zurückhaltend, dass man nicht mehr weit weg ist von vollendeter Harmonie. Das, wo ausgerechnet Les Jours Tristes mit dem aushelfenden Orchester das Risiko eingeht, ein bisschen großspurig daherzukommen. Rund um das Akkordeon und das Klavier formt Tiersen sein instrumentale Exzentrik so präzise und wohldosiert, dass man die glasklaren, hohen Noten des Vibraphons oder die Schwere der Streicher nur mehr sporadisch wahrnimmt. Stattdessen fließen da mit À Quai und La Valse D'Amélie großartige Melodien an einem vorbei, charakterstark und doch nicht zu eigenwillig, um ins Befremdliche abzudriften.

Die exakte Passform des Soundtracks mutet umso bizarrer an, wenn man weiß, dass Tiersen kaum direkt für den Film komponiert hat. Stattdessen fassen die 20 Tracks in vielerlei Hinsicht die Arbeit seiner frühen Jahre zusammen und zeigen vor allem einen Musiker, der die Komplexität im Einfachen entdeckt hat. Die Melodien sind oft genug simpel gestrickt, halten sich trotz oft eingebauter Brüche an wenig ausgefallene Rhythmen. Doch die vielen unterschiedlichen Klänge verschleiern genau das, sorgen dafür, dass man oft genug droht, die Einzelteile aus den Augen zu verlieren. Umso mehr, da sich die schwungvolleren Kompositionen fast durchgehend nach dem Bolero-Prinzip erst nach und nach musikalisch füllen, ständig mit neuen Klängen an Volumen gewinnen. Das vertreibt in der ersten Hälfte die Langeweile bravourös.

 

Irgendwann folgt aber die Erkenntnis, dass die Instrumente allein vielleicht doch nicht die Musik machen. Also schon, aber es darf ein bisschen mehr sein. Ähnlich, wie der Film zu einer Mischung aus banalem Humor und übertriebener Romantik wird und beginnt Sympathien zu verspielen, muss auch Tiersen irgendwann erkennen, dass seine Kompositionen zwar Raum für klangliche Spielereien lassen, aber kaum Emotion hergeben. Vereint man das mit der Tatsache, dass trotz versuchter Vielfalt vermehrt der Hauch des Altbekannten um die Tracks wabert, bleibt einem nur übrig festzustellen, dass das Akkordeon die Albumlänge nicht ganz übersteht. Tiersen patzt nicht, er agiert souverän. Doch der anfänglich so enthusiastisch wirkende Sound und die naive Leichtigkeit, die zu Beginn versprüht wird, verliert sich vermehrt in einer melancholischen Schwere, die Soir De Fete, La Decouverte oder La Valse Des Monstres einem Gutteil ihres Esprits beraubt. Banjo und Mandoline hin, Spieluhrmelodie her. Wie angenehm das trotzdem noch ist, wird durch den Vergleich mit einem von zwei Songs, die nicht aus der Feder des Franzosen stammen, klar. Der steinalte Standard Guilty, gesungen von Al Bowlly, besitzt nicht nur eine Soundqualität, die nach den 30ern riecht, sondern passt auch ungefähr so gut zum Rest, wie es dieser Altersunterschied erahnen lässt. Rundherum verschrobene Leichtigkeit, dazwischen ein süßlicher Big-Band-Schläfer, zu dem Abe Simpson tanzen würde.

 

Dort findet keiner die gesuchten Emotionen, wahrscheinlich nicht einmal Bowlly selbst. Auch Tiersen findet sie ganz woanders. Was nämlich überdeutlich wird, ist, dass in Wahrheit das Klavier sein Lieblingsinstrument ist. Oder zumindest sein sollte. Comptine D'Un Autre Été: L'Après Midi ist nicht ohne Grund das bekannteste Stück des Soundtracks. Gefühlvoll und vielschichtig präsentiert sich der Franzose immer dann, wenn er die schwarzen und weißen Tasten in den Mittelpunkt rückt, ganz besonders in diesen zweieinhalb Minuten. Es braucht nicht viel mehr als drei Akkorde, um gleichzeitig für das markanteste Motiv des Films zu sorgen und eine zerbrechliche Schwere zu transportieren, die kaum zu verbessern wäre. Dass in der Folge La Dispute nach einem zähen Akkordeon-Beginn durch das nuancierte Klaviespiel gerettet wird La Valse D'Amélie ausgerechnet dann am besten klingt, wenn es nur am Piano gespielt wird, bestärken einen in der Annahme, dass Tiersen einen auf diese Art umso mehr bewegen könnte. Sind die lockeren Spielereien rund um das Akkordeon oft ein Ausbund an Lebensfreude und ambitionierter Vielseitigkeit, so hinterlassen die gefühlvollen und gesetzen Darbietungen am Klavier mehr Eindruck.

 

Doch "Le Fabuleux Destin D'Amélie Poulain" muss auch als Soundtrack dem Film folgen und dort hat emotionale Schwere wenig Platz. Stattdessen verlangt das farbenfrohe Schauspiel rund um die merkwürdige Dame, die irgendwie nicht erwachsen werden will, nach Vielfalt, nach Exzentrik, nach einem breiten musikalischen Lächeln. Genau das fängt Yann Tiersen oft genug ein und schafft damit das Kunststück, den Film zu überflügeln. Bei Zeiten zermürbt er einen damit fast, nur um sich mit exzellenten Fingerübungen an den schwarzen und weißen Tasten wieder nach oben zu katapultieren. Am Ende gilt sowieso: Es darf auch mal merkwürdig sein, selbst wenn die Instrumente keinen Beliebtheitspreis gewinnen. Und der Dudelsack rockt!

 

Oh, fast hätt ich's vergessen: Un grand merci à Marygold für den nächsten unerwartet starken Soundtrack-Vorschlag!