Various Artists - O Brother, Where Art Thou?

 

O Brother, Where Art Thou?

 

Various Artists

Veröffentlichungsdatum: 05.12.2000

 

Rating: 7 / 10

von Kristoffer Leitgeb, 29.08.2015


Ein feiner Trip durch die musikalischen Vorlieben des 30er-Odysseus, Abschlussschwächen inklusive.

 

Es ist anzunehmen, dass Odysseus nicht ausgesehen hat wie George Clooney. Also, man weiß es natürlich nicht, nicht? Auch wenn die Historiker gerne so tun, als wären die gerade verfügbaren Erkenntnisse steinharte Fakten, über Vermutungen kommen sie ja in Wahrheit nicht hinaus. Indiziengestützte Vermutungen natürlich, aber trotzdem. Wenn wir uns schon in Bezug auf die Existenz unserer Umwelt nicht 100% sicher sein dürfen, wie könnten wir es dann bei Existenz und Form der Antike, geschweige denn ihrer Akteure? Gar nicht. Deswegen könnte Odysseus auch ausgesehen haben wie George Clooney. Was die Besetzung für "O Brother, Where Art Thou?" plötzlich viel logischer machen würde. Wissen die Coen-Brüder also etwas, was der Rest der Welt nicht weiß? Wahrscheinlich nicht, außer vielleicht, wie und warum ihr schräger Humor bei Vielen funktioniert. Nun läge es an diesem Review zu erläutern, warum der Soundtrack funktioniert.

 

Es wäre wohl noch ganz gut, im Vorhinein anzumerken, dass mit einem ordentlichen Soundtrack für eine so schräge Odyssee durch die 30er-Jahre der USA sowieso nicht mehr viel schief laufen kann. Die Songs sind schon dank der dazugehörigen Szenen gerettet. Der Schuss kann aber auch nach hinten losgehen, sobald man sie dann alle versammelt auf einer CD hat. Da merkt man dann schnell, dass sich Bild und Ton nicht immer so reibungslos trennen lassen. Und auch "O Brother, Where Art Thou?" entgeht dem nicht so ganz. Zumindest glänzt gleich zu Beginn nicht so viel, begegnet einem doch die viereinhalbminütige Version von Po' Lazarus. Und wenn den im Film die Häftlinge trällern, passt das, wenn man aber als Opener ein stimmliches Durcheinander und als Begleitung nichts als Steineklopfen hört, zieht sich das trotz aller Sympathie für den Track etwas.

 

Doch die Stärke dieser Songsammlung ist nicht unbedingt die individuelle Güte. Also schon, ohne die geht ja nichts. Aber das Wohlgefallen stellt sich vor allem ein, weil dieser Haufen altehrwürdiger Klassiker aus Country, Soul und Blues nichts besser kann, als die frühen Tage des 20. Jahrhunderts zu repräsentieren. Harry McClintocks Uraltaufnahme von Big Rock Candy Mountain macht das überdeutlich, klingt die doch, als würde sie aus einem fast antiken Radio tönen. Und auch wenn in der Folge nichts mehr mit solcher Akustik die Vergangenheit beschwört, werden das friedliche Gezupfe und die süßlich-kitschigen Texte zum einenden Merkmal der ganzen Tracklist. Mal mehr und mal weniger erfolgreich, doch sogar der Inbegriff triefender Romantik, You Are My Sunshine, kann einem dank Norman Blakes unaufgeregter Performance und dem unaufdringlichen musikalischen Korsett um Akustikgitarre und Mandoline fast nur gefallen.

 

Wie überhaupt viele der Neuinterpretationen bodenständig und liebevoll genug sind, um nicht in eine schlichte Parodie des Songmaterials auszuarten. Je unspektakulärer und abgespeckter, desto besser gelingt die Arbeit dabei zumeist. Das durch den Film wieder ins Rampenlicht gerückte I Am A Man Of Constant Sorrow ist in der Filmversion am gelungensten, zieht einen als reiner Gitarrentrack am ehesten in seinen Bann. Spätestens der Vergleich mit der zweiten, musikalisch ausgefüllteren Variante macht sicher. Was den Einsatz von Banjo, Fiddle und Mandoline gar nicht verdammen soll, doch die instrumentalen Finessen werden nicht zum nennenswerten Bonus, drängen im Gegenteil Dan Tyminskis starken Gesang unnötig in den Hintergrund. Lieber also ruhig und simpel, so wie beim Duett von Alison Krauss und Gillian Welch, I'll Fly Away. Gezupft wird auch da fleißigst, sogar ein kurzes Solo springt heraus, doch die Stimmen stehen im Mittelpunkt und genau auf dem Feld siegt die LP. An charakterstarken Sängern und Sängerinnen mangelt es nicht, von Krauss' lieblichem Stimmchen über den tiefen Dreigesang der Fairfield Four bis zu Ralph Stanleys brüchigem A-Capella-Auftritt in O Death ist alles vertreten, was die angestaubten Stücke zum Leben erwecken könnte.

 

Oft genug gelingt das sehr ordentlich, sogar wenn die jungen Peasall Sisters mit ihren offensichtlich verbesserungwürdigen Kinderstimmen In The Highways zum Besten geben. Vielleicht darf man die Bedeutung der lebhaften und feinfühligen Musik dabei doch nicht unterschätzen. Keine Country-Stimmung ohne manch virtuose Darbietung am Banjo oder der Gitarre, soviel ist klar. Ein harmonischer Paarlauf quasi, von den hellen Melodien der Instrumente und den vielfältigen Gesängen. Weil der funktioniert, gibt's selbst mit der fast über Gebühr pointierten Version von In The Jailhouse Now keine Probleme. Dass aber Tim Blake Nelsons Auftritt als Sänger und Pat Enrights gejodeltes Zwischenspiel sich zu einem komödiantischen Moment der Extraklasse vereinen, ergibt sich möglicherweise auch ohne die einer Karikatur gleichkommenden Untermalung. Auf alle Fälle lässt sich über ein mangelndes Miteinander genauso wenig maulen wie über fehlende Vielfalt. Wo O Death auf Keep On The Sunny Side trifft und beide gelingen, kann davon keine Rede sein.

 

Trotzdem dürfen aber die sporadischen Ausfallserscheinungen nicht ganz unter den Teppich gekehrt werden. Wie wichtig nämlich die Leute hinter den Mikros sind, merkt man, wenn man den Instrumentalversionen von I Am A Man Of Constant Sorrow begegnet. Da kann noch so viel an der Gitarre oder der Fiddle gewerkt werden, die gehen unter ohne Eindruck zu hinterlassen, ähnlich wie der wehmütige Sing-Sang des Hard Time Killing Floor Blues, bei dem die zirpenden Grillen im Hintergrund unfreiwillig passend erscheinen. Und auch wenn ich deswegen zumindest einen geharnischten Kommentar erwarten kann, auch das Gastspiel von Emmylou Harris kann wenig. Dass die im Trio mit Krauss und Welch überlebt, während sie Didn't Leave Nobody But The Baby in die Welt hinausträllert, liegt einzig und allein daran, dass mit dem Song unweigerlich der Lacher des Films verbunden ist. Ohne Film allerdings, der Auftritt dreier lasziv raunzender Damen.

 

Kann man auch mögen, nicht? Schwierig ist es halt. Das wiederum trifft den Soundtrack nicht wirklich. Der lebt und erblüht in einer Mischung aus liebevoll umgesetzter Nostalgie und plakativer Südstaaten-Romantik. Wo Country ist, ist natürlich auch der Kitsch nicht allzu weit, deswegen sollte man sich darauf einstellen, die ein oder andere Zeile besser nicht genau zu begutachten. Erstens spart die LP aber ohnehin nicht an der musikalischen Abwechslung, es wird also auch aus dem Blues- oder Gospel-Lager kitschig, zweitens hört man selbst in den düstersten Momenten noch eine Spielfreude und Passion fürs Material heraus, die so manche Schwäche glätten können. Sollte einem auch das nicht passen, kann man sich immer noch dem Dutzend fähiger Sangeskünstler zu Füßen werfen, die "O Brother, Where Art Thou?" zu dem machen, was es ist.