Ryuichi Sakamoto, David Byrne & Cong Su - The Last Emperor

 
The Last Emperor

 

Ryuichi Sakamoto, David Byrne & Cong Su

Veröffentlichungsdatum: 08.12.1987

 

Rating: 8.5 / 10

von Kristoffer Leitgeb, 18.07.2020


The Good, the Great & the Amazing One - drei ungleiche Könner am Pfad zu fernöstlicher Schönheit.

 

Die Besonderheiten rund um einen Film wie "The Last Emperor" sind durchaus vielzählig. Allein schon, dass für die Filmbiografie des letzten chinesischen Kaisers und dessen turbulentes Leben Einlass in das Hochheiligste der dortigen Monarchie, die verbotene Stadt, gewährt wurde, ist speziell für die 80er-Jahre ein Alleinstellungsmerkmal riesigen Ausmaßes. Und es wurde entsprechend genutzt für ein bildgewaltiges, atmosphärisches und zumindest visuell höchst authentisches Epos. Nicht minder besonders ist die Besetzung, die sich dem dazugehörigen Soundtrack widmen sollte. Ein japanischer Pop-Experimentalist, ein amerikanischer Post-Punker mit ähnlich viel musikalischer Abenteuerlust und ein unbekanntes chinesisches Gesicht mit der wissenden Brillanz einer klassischen musikalischen Ausbildung und Lehrtätigkeit. So etwas versammelt sich so gut wie nie, um ein Historiendrama musikalisch auszukleiden, insofern wäre selbst bei klanglicher Grausamkeit immer noch Aufmerksamkeit angebracht, einfach nur weil diese personelle Einzigartigkeit kurios genug ist. Darauf muss man sich aber nicht beschränken, "The Last Emperor" besticht als Soundtrack mit und ohne bewegtem Bild dazu auf vielen Ebenen.

 

Allein der detailverliebte Fokus auf traditionell chinesische Musik ist eine Wohltat, die über Jahrzehnte nachwirken und unzählige Filme mit fernöstlichem Bezug musikalisch prägen sollte. Guzheng, Erhu und Co. spielen durchgehend Hauptrollen in der instrumentellen Ausstattung und sorgen auch in deutlich Hollywood-geprägter Form für majestätisch-traditionellen Charme und grazile Melodik. Hollywood schaut dennoch deswegen immer ums Eck, weil darüber nicht ein Hang zur epischen Melodramatik und dezentem Kitsch verloren geht, genauso wie der Film seinen Hang zur romantisierenden Verklärung der historischen Realität selten versteckt. Aber genauso wie Bernardo Bertoluccis Werk eines des exotischen visuellen Spektakels ist, eines des Eintauchens in vergangene Zeiten und ferne Gepflogenheiten, so ist der Soundtrack einer, der es sich ob seiner Schönheit erlauben kann, hier und da etwas zu dick aufzutragen.

Nicht nur das, er gelingt mitunter sogar dann am besten. Der Japaner Ryuichi Sakamoto - ursprünglich Pop-Musiker, irgendwann Elektronik-Experimenteur, später einmal Soundtrack-Held - erweist sich als personelles Prunkstück des Albums und erreicht seinen Höhepunkt wohl mit der vielseitigen, dick aufgetragenen Melodramatik von Open The Door. Da treffen nicht nur klassisch chinesische Klänge in gezupfter und gestrichener Form auf ein voll aufmunitioniertes Orchester, es wechseln auch melancholisch anklingende Passagen an der Erhu und Guzheng mit drückender, dramatischer Schwere und dann wieder energischen Eindringlichkeit der verfügbaren Streicher. Nirgendwo sonst sollten deren Qualitäten so erstklassig ausgespielt werden wie hier und dabei vor allem in den druckvollen Stakkatos zur Mitte des Stückes.

 

Sakamoto ist rundherum bemüht, einerseits qualitativ gleich hochwertig zu agieren, dabei aber atmosphärisch ganz andere Richtungen einzuschlagen. Die grazile, ausschließlich von Flöten und den hohen Zupfern an der Guzheng kreierte Friedlichkeit von Picking Up Brides springt einem da trotz zurückhaltender Ausstattung genauso ins Auge wie die Eröffnung mit First Coronation. Die klingt zwar nach einem kurzen Auftritt chinesischer Klänge konventionell orchestriert, spannt dabei aber auf großartige Weise den Bogen von romantischer Sanftheit zu einem voluminösen, epischen Aufwallen des Orchesters inklusive Bläsern. Eine noch bessere Zusammenfassung von Sakamotos stilistischer und atmosphärischer Spannweite bietet sein The Last Emperor Theme, der gleich in drei verschiedenen Varianten wartet, die unterschiedlicher nicht sein könnten. Ist das Thema in seiner Kernform ein wunderbar austariertes, sechsminütiges Epos, das sich in klassischer Manier durch diverse Stimmungslagen bewegt und die Symbiose traditioneller fernöstlicher Klänge und herkömmlicher Ausstattung vertieft, driften die anderen beiden Stücke deutlich ab. Variation 1 überlässt das Feld komplett der Guzheng, die sich verlassen über sphärische, kaum spürbare Synthesizer legt. Während einem das die Feinheit der Melodie dank des einnehmenden Klangs der Guzheng umso näher bringt, ist Variation 2 ein Tiefpunkt des gesamten Soundtracks. Als experimentelle, mit Synthesizern geformte Portion Ambient-Trägheit bleibt einem da nichts außer fülliger, aber lähmender Elektronik mitsamt ein bisschen Klavier. Von Emotion, Dramatik oder grandioser Epik ist da genauso wenig zu spüren wie von der eleganten Zierlichkeit der traditionell chinesischen Momente. Und weil das genauso für das unspektakulär süßliche The Baby (Was Born Dead) gilt, bringt einem Sakamoto verdammt viel Licht, aber eben doch auch ein wenig Schatten.

 

Der vor und nach "The Last Emperor" beinahe komplett unbekannte Cong Su, der chinesische Beitrag zum Komponistentrio, könnte Sakamoto daher Konkurrenz machen, wenn er denn nicht auf lediglich einen Track limitiert wäre. Lunch heißt er und ist im Film oft genug präsent, klingt hier gleichermaßen mutig unmelodisch und am ehesten den Traditionen chinesischer Musik verpflichtet. Ob sich daraus zwingend ergibt, dass das spärliche, um die Guzheng und chinesische Harfe geformte Arrangement einen Höhepunkt entbehrt, lässt sich wohl nicht eindeutig klären. Ein wenig hätte es aber wohl geholfen, im fünfminütigen Stück zumindest kurzzeitig einer dramatischen, aktiveren Seite Platz zu lassen. So hat man ein Stück, dessen musikalische Finesse meditativen Charakter in sich birgt und Genialität mitbringt, das aber etwas die eindringliche Prägnanz von Sakamotos besten Momenten vermissen lässt.

 

Dritter im Bunde ist David Byrne, dessen Entwicklung vom erratischen Wortjongleur an der Spitze der Talking Heads hin zum musikalischen Tausendsassa zum Ende der 80er fortgeschritten genug war, um sich für diesen Soundtrack zu qualifizieren und vielleicht durch die Arbeit daran vollendet wurde. Immerhin trägt er den Main Title Theme bei, darf also ausgerechnet die eröffnenden Minuten des Films begleiten. Und das gelingt auch bravourös mit Fokus auf die Erhu und deren flehende Eleganz, auch mit mehr Platz für reichhaltige Percussion, die den Kern der Komposition bilden, um den sich die Streicherklänge, die Flöten und die Guzheng versammeln. Es bleibt aber auch sein einziger Höhepunkt, während die oft den Flöten überlassenen Kompositionen, mit denen er sonst aufwartet, zwar einen starken Fokus auf chinesische Musik offenbaren, aber melodisch und atmosphärisch weniger Entfaltungsmöglichkeiten beweisen. Etwas halbgar wirken sie, vielleicht gerade wegen des puristischen Zugangs, der auf die opulente, dramatische Orchestrierung, auf die sich Sakamoto mitunter verlässt, komplett verzichtet. Damit geht aber eben auch eine mögliche musikalische Facette verloren, die den tänzelnden Flöten von Picking A Bride oder dem beschwingten Wind, Rain And Water womöglich gar nicht gut gestanden hätten, generell aber auch bei Byrne die Arbeit bereichern hätten können.

 

Deswegen kommt man an einen Punkt, wo einem der denkbar aus dem musikalischen Geschehen fallende Abschluss des Red Guard Dance, der als vom Akkordeon unterstützer Chorgesang direkt aus dem Film genommen wurde, eher zusagt als der Großteil von Byrnes Arbeit. Allein schon weil der brutale klangliche Kontrast auch die brutalen Änderungen des Films zwischen der imperialen Größe des chinesischen Kaiserhofs und der bizarren, militarisierten und "primitiven" Art der kommunistischen Roten Garden ein halbes Jahrhundert später blendend illustriert.

Auf der anderen Seite würde auch der aus dem Nichts kommende Kaiserwaltz vom Junior-Straussen als ein solcher Kontrastpunkt taugen. Der Österreichbezug schmerzt aber dann doch etwas zu sehr, wirft er einen doch komplett aus dem fernöstlichen Thema des Films und kann das auch bei starker Umsetzung durchs Wiener Ballorchester nicht ganz ausbügeln.

 

Also schnell zurück zu Sakamoto, zu Su und, ja, auch zu Byrne. Dem kongenialen Dreigespann ist es nämlich gelungen, trotz zu Tage tretender Schwächen unterschiedlichen Ausmaßes einen Soundtrack zu formen, der nicht nur dem bildgewaltigen Film ebenbürtig ist und ihn verstärkt, sondern der auch schlicht und ergreifend von beeindruckender Schönheit ist. Nicht immer, aber oft genug, um aus "The Last Emperor" ein lohnendes Erlebnis zu machen, das nicht mit Dramatik, Atmosphäre und vereinnahmenden Klängen geizt, seien es nun solche, die genuin in der chinesischen Tradition stehen, oder dann doch wieder den gewöhnlicheren, die sich einem Orchester entlocken lassen. Beides klingt hier phasenweise herausragend und wird im besten Fall in ein und derselben Komposition nahtlos miteinander verbunden, sodass man das Beste aus beiden musikalischen Welten bekommt. Wer von diesen dreien darin am besten ist, darf gerne jeder für sich entscheiden, auch wenn der Hinweis erlaubt sein muss, dass Ryuichi Sakamoto vielleicht nicht umsonst den meisten Platz auf diesem Soundtrack für sich beanspruchen darf. Zum Genießen ist aber definitiv nicht nur seine Arbeit geeignet.