Nino Rota - The Godfather Part II

 

The Godfather Part II

 

Nino Rota & Carmine Coppola

Veröffentlichungsdatum: ??.12.1974

 

Rating: 8.5 / 10

von Kristoffer Leitgeb, 03.07.2020


Der lange Schatten eines Klassikers ist keine Hürde für eine der größten Fortsetzung aller Zeiten.

 

Sequels haben es in der Filmwelt nicht leicht. Entweder sie müssen einem gefeierten Meisterwerk nachfolgen und sind damit Erwartungen und einer Messlatte ausgesetzt, die erschreckende Höhen erreichen. Oder aber der ursprüngliche Film war bereits nicht so gewaltig und die schlichte Existenz der Fortsetzung wirft bereits Fragen auf. Oder aber von der ursprünglichen Erfolgsformel ist weder inhaltlich noch konzeptionell noch personell irgendwas übrig und man hat es mit nichts als einer kolossalen Unnötigkeit zu tun. "The Godfather Part II" gehört ganz eindeutig in erstere Kategorie, die wohl generell noch die vorteilhafteste ist. Trotzdem ist die Geschichte unterwältigender Fortsetzungen, die auf einen Volltreffer folgen, eine lange, sodass es mehr als ein kleiner Mosaikstein im genialen Erbe Francis Ford Coppolas ist, dass er mit dem von ihm fast erzwungenen zweiten Teil der Mafia-Saga den Vorgänger noch übertroffen hat. Nino Rota hatte eine ähnlich schwierige Aufgabe vor sich, musste aber nicht nur gegen die Qualität seiner vorherigen Arbeit, sondern einmal mehr auch gegen ein überwältigendes Leinwand-Epos antreten, das bestens dazu geeignet wäre, seine Musik verblassen zu lassen. Des Komponisten Ehre und seine herausragenden Fähigkeiten lassen das aber nicht zu.

 

Demonstrativ startet der Soundtrack auch mit einer Reprise des allseits bekannt und zum musikalischen Mythos gewordenen Godfather Waltz in majestätisch-trister, der einsamen Trompete überlassener Form, nur um von der Stärken des neuen Materials bald verdrängt zu werden. Dieses Neue ist der Immigrant Theme, der in verschiedensten Formen die Rückblenden begleitet, die nicht den neuen Paten der Corleone Familie, Michael, in den Mittelpunkt stellen, sondern einen jungen Vito Corleone. Meisterlich gespielt von Robert De Niro, der innerhalb kürzester Zeit dafür sorgt, dass keiner mehr an Marlon Brando denkt, ist auch die begleitende Musik ein Schmuckstück. Gänzlich anders allerdings als das den Vorgänger dominierende Thema, nämlich melancholisch-romantisch, von sanft flehenden Streichern bestimmt. Diese neue Facette illustriert die Tonalität des Films, weniger der Autorität des alten Don und dem mafiösen Machtpoker untergeordnet, sondern zunehmend auf die persönlichen Spannungen rund um Michael Corleone und Vito Corleones Geschichte fokussiert. Und genauso wie Coppola großartig diese emotionalen Facetten mit der atmosphärisch dichten, spannenden und von Schauspielerbrillanz getragenen Entwicklung der familiären "Geschäfte" verbindet, schafft auch Rota diesen Spagat herausragend. A New Carpet springt ohne Ankündigung zwischen den schweren Streichernoten des Immigrant Theme und sprunghaften Bläser- und Klavierparts hin und her, vermengt damit lockere Umtriebigkeit und emotionale Theatralik. The Godfathers At Home wiederum startet mit düster-minimalistischen, hohen Streichern, schafft einen nicht weniger unheimlichen Übergang zu einer Spieluhrmelodie, um dann doch wieder in einer romantischen Kombination aus Streichern, Xylophon und Cembalo zu münden.

 

Irgendwo inmitten all dessen fällt es einem dennoch schwer, die Genialität des Gebotenen, die unweigerlich spürbar ist, komplett aufzusaugen, weil man mit dem ursprünglichen "The Godfather"-Soundtrack im Hinterkopf beinahe an einen Punkt kommt, wo man Rotas Stil müde wird. Wobei man dem Italiener in Wahrheit Unrecht tut, schreibt man ihm einen Stil zu. Dafür ist das Angebot zu vielfältig, instrumentell zu variantenreich und auch atmosphärisch insgesamt zu variabel. Trotzdem ist der grundsätzliche Tenor des vom Film losgelösten Soundtracks insofern ein ähnlicher, als dass man die Verwebung von unheilvoller Theatralik, gefühlsbetonter Schwere und düsterer Atmosphäre vom Vorgänger genauso kennt wie die zeitweisen Ausschweifungen in traditionelles Liedgut, die einem in gemächlich swingender oder melodramatisch italienischer Form unterkommt. Vielleicht kommt es daher, dass Ev'ry Time I Look In Your Eyes oder das klassisch italienische Triplette Senza Mamma / Ciuri-Ciuri / Napule Ve Salute zwar zur Kurzweile des Soundtracks beitragen, aber etwas leichtgewichtig an einem vorbeiziehen und dass auf der anderen Seite gegen Ende ein Stück wie The Brothers Mourn altbekannt wirkt. Ist man an diesem Punkt, kritisiert man aber nicht einmal mehr irgendwie die handwerkliche Qualität dieser Kompositionen, sondern lediglich das Faktum, dass man einen Soundtrack, der in ähnlicher Form effektiv und imposant war, bereits vorgesetzt bekommen hat.

 

Das ist als Kritik ähnlich mager wie die Anmerkung, dass der Rota zur Seite gestellte Regisseursvater Carmine Coppola nie die eleganten Höhen seines Komponistenkollegen erreicht. Das ist prinzipiell schon mal eine gewaltige Hürde, die man dafür nehmen müsste, umso mehr ist es das noch, wenn man definitiv eher für die hemdsärmelige Annäherung an italienische Marschmusik zuständig ist. Die fehlt zwar im dramatischen Streicherpart und dem darauffolgenden, tristen und akustisch begleiteten Gesang von Ninna Nanna E Michele komplett, bestimmt aber die anderen beiden Stücke aus Coppolas Feder. Marcia Stilo Italiano stampft entsprechend dahin, bringt mit einer Mischung aus Marching Drums, Flöten, Tuben und allerlei anderem Bläsermaterial militärischen Charme mit. Das ist etwas klobig, lockert aber auf, ohne dabei auf majestätischen Anklang zu verzichten. Etwas besser gelingt das anfangs schwerfällige, alsbald aber feierlich trabende Murder To Don Fanucci, das die Aufgabe, die schwer unter einen Hut zu bringenden Geschehnisse - einen religiösen Umzug und den Mord an Vito Corleones erstem menschlichem Geschäftshindernis - gelungen einzufangen, gut meistert.

Für den epischen, atmosphärischen Anklang wendet man sich dann aber doch lieber wieder Rota zu und findet den Höhepunkt des Soundtrack in Vita And Abbandando, das den Immigrant Theme in seiner gefühlvollsten Form aufbereitet. Noch dazu wird er variantenreich in der ersten Hälfte durch mal leichtere, mal schwerere Streicher, in der zweiten mit Mandoline, Trommlern intoniert und in beiden Fällen mit höchst unterschiedlichem Eindruck durch Flöten unterstützt. Will man etwas klassischere Dramatik, kann man sich Michael Comes Home in Endlosschleife aufdrehen und wird im makellosen Zusammenspiel von Streichern und Flöten etwas finden, das gleichzeitig gefühlvolle Zerbrechlichkeit und große Eleganz vermittelt.

 

Letztlich ist es aber egal, was man denn nun hier am ehesten zugeneigt ist, man wird auf "The Godfather Part II" jedenfalls großartige Soundtrack-Arbeit finden, die der des Vorgängers ebenbürtig ist und wie auch diese vielleicht nicht ganz an die herausragende Qualität des dazugehörigen Films heranreicht, ihm aber in nichts nachsteht, wenn es darum geht, mit legendären Minuten bleibenden Eindruck zu hinterlassen. Große Abwägungen, ob man denn nun hier die bessere Musik findet oder im ersten Teil, scheinen dabei müssig, weil die zur Schau gestellten Stärken großteils die gleichen sind, auch wenn sie mitunter in andere Richtungen gelenkt werden. Man hat es hier genauso mit einem die Zeiten überdauernden Leitmotiv zu tun, das in Form des Immigrant Theme dem Godfather Waltz nicht nur harte Konkurrenz macht, sondern mit einem Mehr an Aufmerksamkeit für die emotionale Seite der Musik womöglich sogar gelungener ist. So oder so ist es beeindruckende Arbeit, deren kleiner schaler Beigeschmack ist, dass man sich nach zwei Soundtracks zu diesen Filmklassikern sicher sein kann, dass man keinen dritten mehr braucht und die bestimmenden Komponenten der Musik nach ihrem zweiten albumumspannenden Einsatz an ihre Grenzen stoßen. Steht Rotas Arbeit für den zweiten Film für sich alleine, gibt es jedoch herzlich wenig zu bemängeln.