John Williams - Saving Private Ryan

 

Saving Private Ryan

 

John Williams

Veröffentlichungsdatum: 21.07.1998

 

Rating: 3 / 10

von Kristoffer Leitgeb, 19.07.2018


Williams' Achsbruch der Unauffälligkeit zwischen pastoraler Epik und einem Dauermangel an Konturen.

 

Auch wenn es mittlerweile den Anschein erwecken könnte, ist die bisherige Auswahl an zu reviewenden Soundtracks nicht dazu gedacht, einen mit allen Ehren überhäuften und so ziemlich ausnahmslos gefeierten Komponisten wie John Williams besonders schlecht dastehen zu lassen. Es dürfte mir nur gelungen sein, neben "Catch Me If You Can" noch einen zweiten seiner unnötigsten und uninteressantesten Soundtracks auszuwählen. Wobei hier eingehakt gehört, denn der Jazz-Unterton von "Catch Me If You Can" ist per se interessant, er ist nur genauso langatmig und entbehrt die nötigen Ideen für nachhallendes Spektakel. Der hier bringt es dagegen nicht einmal so weit. Was beeindruckend ist, weil er einen Film begleitet, der nebst spürbarem Kitsch zu einem der besten zählt, den die 90er zu bieten hatten. Und es ist immerhin ein Kriegsfilm mit ordentlich Patriotismus zum Drüberstreuen, worin man eigentlich eine ausreichende Basis für lebhafte Minuten von epischer Monströsität erkennen könnte. John Williams macht daraus aber, freiwillig oder nicht, ein großes Nichts.

 

Zweifelsfrei belegt ist, dass den Soundtrackarbeiten eine Entscheidung von Steven Spielberg vorangegangen ist, die einen musikalischen Triumphzug bereits relativ schwer erscheinen lässt. Die intensivsten Momente des Films, all jene mit ausgedehnten Kampfszenen, sollten frei von Musik bleiben, um Realismus in Griffweite zu bringen. Blieben nur ein Haufen Passagen, in denen geredet, sinniert, gewandert oder in Erinnerungen geschwelgt wurde. Das kann einem immer noch als Fundament für emotionale, atmosphärische Filmmusik dienen, legt aber auch gewisse thematische Konflikte nahe. Wenn nämlich grundsätzlich die mörderische Intensität eines nicht allzu blumigen Kriegsfilms zu vertonen ist, einem aber gleichzeitig die Möglichkeit genommen wird, sich ebendieser Eigenschaften anzunehmen, stattdessen ein Fokus auf Ruhe und nachdenkliche Konfrontation mit der Endlichkeit verlangt wird, tut sich ein mächtiger Spagat auf.

 

Und den überbrückt Williams mit seinem bei aller Sympathie sterbenslangweiligen Einsatz des Orchesters einfach nicht. Zwar kann man mit sehr gutem Willen den pastoralen Hauch des Soundtracks hervorheben und sich daran abarbeiten, bis man in ihm einen lohnenden Kern entdeckt. Wirklich entfalten kann sich der aber sowieso nur im einzigen prägnanten Thema, das zur Verfügung steht, nämlich Hymn To The Fallen. Da wird auch dank der Unterstützung durch die eröffnenden Military Drums, vor allem aber den einzigen Auftritt des Chors die erhebende Stimmung geboten, die zwar ob ihrer eher sterilen Qualität weniger unter die Haut geht, aber immerhin die der Thematik angepasste, dramatische Übergröße zu bieten hat. Zwar ist man der bei sechs Minuten Länge auch beinahe überdrüssig, allerdings beweist Williams mit den dezenten Einsätzen der Blechbläser zumindest hier auch das Gespür, ruhige Akzente passend einzustreuen, ohne damit jegliche Bewegung aus dem Stück zu nehmen. Das führt so weit, dass man die Reprise dieses Anfangsstücks zum Ende hin als wichtigen Weckruf verstehen darf, der einen aus der dazwischen Überhand nehmenden Schläfrigkeit herausreißt.

 

Diese bewegungsarme, schwergewichtige und zumeist jeder emotionalen Ausdruckskraft entbehrende Aneinanderreihung diverser Orchesterergüsse lähmt einen. Sie beraubt einen auch ein wenig der Fähigkeit, einzelne Kompositionen voneinander zu unterscheiden. Wobei das durchaus auch damit zusammenhängt, dass einen Revisiting Normandy - dank früher Startnummer noch als atmosphärisch und gesetzt unspektakulär wahrgenommen - genauso wenig mit in irgendeiner Weise im Gedächtnis bleibenden Melodien, Themen oder entsprechender Instrumentierung versorgt wie Finding Private Ryan, Wade's Death oder High School Teacher. Die Nuancierungen, die Williams durch den variierenden Einsatz von Streichern, Blechbläsern und, davon noch einmal abgesondert, den Hörnern vornimmt, sind in diesen langgezogenen Suiten zu kaum einem Zeitpunkt spürbar und vermitteln nie den Eindruck einer sich wandelnden Stimmunglage. Der Soundtrack kennt in dieser Hinsicht eigentlich nur den dramatischen Pathos, der zwar zum Film passt, diesem aber im Hinblick auf die Mischung effektvoller Dynamik und gefühlsbetonter Ruhe nie auch nur annähernd gerecht wird.

Mitverantwortlich dürfte dafür auch sein, dass man die Kompositionen letztlich in einem schwer zu verarbeitenden Raum zwischen diesen Extremen einordnen muss. Episch in ihrer Instrumentierung und ihrer voluminösen Intonation, gleichzeitig aber ohne die Beweglichkeit oder den Willen zur einprägsamen Übersteigerung, um einem die Melodramatik schmackhaft zu machen. Auf der anderen Seite steht ein Fokus auf Momente der inneren Anspannung und die im Film vorgenommenen Charakterstudien, der eben wegen der hörbaren Überlebensgröße nie emotional spürbar würde. Möglichst simpel formuliert, ist es also ein Soundtrack, der nichts kann, weder berühren noch beeindrucken noch  szenische Gestaltungskraft entwickeln. Das erklärt wohl auch, warum er im Film abseits von Hymn To The Fallen so ziemlich nie spürbar in Erscheinung tritt und der tatsächlich effektivste musikalische Moment, nämlich das am Plattenspieler aufgelegte Tu Es Partout von Edith Piaf, schmerzlich vermisst wird.

 

Dementsprechend fällt es schwer, von Schadensbegrenzung zu sprechen, wenn man sich den wenigen passablen Tracks widmet. Hymn To The Fallen wäre abgehandelt, Revisiting Normandy eigentlich auch, mehr noch mit dem Zusatz, dass da mit nur vier Minuten keine komplette Überdosis der theatralischen Schwerfälligkeit geboten wird. Abseits davon sticht eigentlich nur Defense Preparations heraus, weil hier der militante Charakter des Films plötzlich zur Geltung kommt und durch die stakkatoartigen Einsätze der Blechbläser und die mit Military Drums und wuchtigem Getrommel angereicherte Percussion einigermaßen am Leben erhalten wird. Dass Williams die Streicher hier, zum beinahe einzigen Male auch als unruhiges Element verwendet, sie nicht nur drückend schwer, sondern hell und sprunghaft einem Klimax entgegenarbeitend erscheinen lässt, hilft genauso.

 

Damit war es das aber auch und ehrlicherweise sind das sehr einfache, aber nie wirklich beeindruckende Dinge, die Williams da fabriziert. Es bringt auch nichts, auf die Feinheiten in seinen Arrangements zu verweisen. Die mögen sich in keiner Sekunde wirklich gleichen, sie ähneln einander aber wiederum so sehr, dass man wenig darauf gibt, wo nun die Streicher langsamer oder schneller, wo höher oder tiefer klingen. Dabei ergäbe sich ohnehin die Schwierigkeit, in diesem Dickicht aus elendslangen, konturlosen Suiten die einzelnen Elemente so weit aufzutrennen. Dazu sticht beinahe nichts genug heraus. Das bedeutet zwar auch, dass kaum etwas wirklich als Misston zu werten ist, sieht man von den ins Märchenhafte und fast zwangsläufig an die "Harry Potter"-Soundtracks erinnernden Einsätze von Xylophon, Triangel und ähnlichen Instrumenten ab. Ein Mangel an Misstönen macht aber noch keinen starke Filmmusik. Zumindest kann keine Rede davon sein, wenn man beim Hören in einem Zustand zwischen gebannter Starre im Lichte der Ereignislosigkeit und schlichter Fadesse hängt. Das dürfte auch nicht wirklich das Ziel von John Williams gewesen sein. Ergo gebührt im die Ehre, als erster Soundtrackkomponist ziemlich zerpflückt zu werden, was aber auch mit dem Versprechen einher geht, dass er bei der nächsten sich bietenden Gelegenheit endlich mit einem seiner Klassiker geehrt werden wird.