Howard Shore - The Lord Of The Rings: The Return Of The King

 

The Lord Of The Rings:

The Return Of The King

Howard Shore

Veröffentlichungsdatum: 25.11.2003

 

Rating: 7 / 10

von Kristoffer Leitgeb, 15.08.2017


Ein letztes orchestrales Aufbäumen gegen die cineastische Langeweile, mit gemischtem Erfolg.

 

Es wird hier wohl in Zukunft noch gründlichst zu erörtern sein, ob die Arbeit an einer Trilogie oder gar einer noch größeren Filmserie wirklich ein Glücksfall für einen Komponisten ist. Aus monetärer und planungstechnischer Sicht kommt es einem wohl doch sehr gelegen, insbesondere dann, wenn Peter Jackson und die üppig ausgestattete Verfilmung des einzig wahren Tolkien-Klassikers wartet. Die künstlerische Herausforderung dahinter ist allerdings doch eine ganz besondere. Diese Verbindung einer einenden, mit Wiedererkennungswert gesegneten musikalischen Thematik und kompositorischer Fantasie stellt ohne jeden Zweifel einen Balanceakt der besonderen Art dar. Viele zerbrechen daran oder versuchen es erst gar nicht. Selbst John Williams hat sich nach drei Filmen von der "Harry Potter"-Franchise verabschiedet. Howard Shore hat dagegen mittlerweile nicht nur "The Lord Of The Rings" in seiner ganzen dreiteiligen Blüte musikalisch ausstaffiert, sondern gleich noch "The Hobbit" erledigt. Und das, wo ihm schon 2003 langsam die Ideen abhanden gekommen sind.

 

Ob das am Kanadier selbst liegt, ist nicht wirklich schlüssig auszuargumentieren. Natürlich liegt es an seinen Einfällen, was letztlich zu hören sein wird. Doch drei Filme in drei Jahren mit elendiglich voluminösen Soundtracks zu versehen und das noch dazu in einer thematisch und stilistisch so eng gefassten Welt wie der von Frodo, Gandalf und Aragorn, das wirkt sehr schwer machbar. Shore ist es im eigentlichen Sinne gelungen und er hat auch genug Jubelstürme aufsaugen dürfen dafür. Eigentlich muss man sich jedoch schon beim Opener der dritten Score-LP kritisch zu Wort melden, immerhin reaktiviert A Storm Is Coming nicht nur altbekannte Themes, es präsentiert diese auch in bereits gehörter Form. Daran ist jetzt per se nichts Schlechtes, einerseits wegen der kristallklaren Präzision des Londoner Philharmonieorchesters, andererseits wegen der ästethischen Qualität der Stücke. Shore ist weiterhin sehr bedacht darauf, sein Amalgam aus behände intonierten Streichern, Flöten, Chorälen und den aggressiven, trommelverstärkten Ausreißern mit der verzaubernden Mystik von Mittelerde und dem mittelalterlichen Charme der Geschehnisse zu unterlegen. All das zwar mit dem Schreckgespenst Hollywood'schen Größenwahns im Hintergrund, aber mit der Finesse eines Fachmanns. Deswegen funktionieren die Themes für die Festungen Minas Thirith und Minas Morgul auch entsprechend. Sie wissen angriffige Epik im Sinne großer Schlachten und die märchenhaften Qualitäten dieses Kampfes von Gut und Böse zu vereinen.

 

Das alles ist schön und gut, hat aber doch nach zwei nahezu baugleichen Scores ein bisschen Patina angesetzt. Dass man zum Beispiel die Rohan Fanfare, dieses denkwürdige Streicherthema mit seinen rhythmischen Stakkatos, selbst mit Bläserarmada und kompositorischem Appendix weniger hymnischer Art fast nicht mehr hören kann, hilft The Ride Of The Rohirrim nicht. Hat man bereits gehört, zu oft beinahe. Das summiert sich gemeinsam mit den im Nichts verpuffenden, harmlosen Streicher-, Chor- und Bläserstücken vermeintlich atmosphärischer Art zu einem kleinen Hemmschuh. Anduril oder Hope Fails, das sind kurze Einwürfe der trägen, beinahe sterilen Sorte, aber eben doch Kleinvieh. Vielleicht wiegt es aber schwerer, dass - mir auf ewig unerklärlich - die Kompositionen von Shore genauso haarscharf an der Ereignislosigkeit wie an der Zerrissenheit vorbeischrammen.

Manch ein Track führt einen, losgerissen vom Visuellen, wahllos von einer Stimmungslage zur nächsten, ohne irgendeine davon wirklich voll zur Geltung kommen zu lassen. Selten ist eines der Bruchstücke thematisch so prägnant und einheitlich wie Shelob's Lair, das die Untiefen von Kankras Spinnenhöhle ins Musikalische transponiert. Das gelingt nur einigermaßen, der Ausflug in horrornahe Klänge erwischt Shore nicht ganz am richtigen Fuß. Aber es zeigt klare Konturen. In seiner Gesamtheit ist "The Return Of The King" in dieser Form allerdings ein Hin und Her, in dem kaum einmal Platz ist für die Momente epochaler Qualität, die dem Film gerecht werden würden. Es wäre nun unfair, zur Verteidigung Shores nicht zu erwähnen, dass er wenige Jahre später die kompletten Scores veröffentlicht und damit ein musikalisches Gesamtbild geboten hat, dem es an Fluss nicht mangelt. Den offiziellen Soundtrack verbessert das retroaktiv allerdings nicht.

 

Dass das nur bedingt nötig wäre, muss allerdings genauso seinen Platz haben. In die Annalen der Filmmusik geht wohl keiner der 19 gebotenen Tracks ein, trotzdem bleibt aber so manches nicht ohne Nachhall und bestehenden Eindruck. The Steward Of Gondor meistert beispielsweise die schwierige Aufgabe eines langsamen, hymnischen Aufbaus bravourös, schraubt dafür die Lautstärke des Chors und des Paarlaufs aus Streichern und Trommlern weit genug zurück, dass die erste Hälfte zu einem veritablen Flötenspektakel wird. Abgelöst von den Blechbläsern entwickelt sich daraus aber nicht nur eine kurze Fanfare, sondern insbesondere eine Art Intro für den Auftritt von Billy Boyd a.k.a. Pippin, dessen quasi a cappella gesungenes The Edge Of Night zum emotionalen Höhepunkt des Films und Soundtracks wird, in dem zerbrechliche Schönheit und grauende Dunkelheit aufeinandertreffen. Genau diese Stimmung findet eine Fortsetzung im mit Opernsängerin Renée Fleming verstärkten Twilight And Shadow, das die Streicher besser als überall sonst zur Geltung bringt und zusammen mit den stimmlichen Feinheiten für nahende Gänsehaut sorgt. Diese und alle anderen Qualitäten, die der Soundtrack zu bieten hat, sollten dann eigentlich in Zehnminüter und Theme The Return Of The King fließen. Was theoretisch auch passiert, zumindest wandelt Shore hier ziemlich flüssig zwischen kurzen, romantisch-epochalen Ausbrüchen, träumerischen, zum Ende hin zunehmend verspielten Streicher- und Flötenpassagen und dem zentralen Gesangspart von Viggo Mortensen. Es summiert sich nur nicht in Reinform zu einem makellosen Ganzen, dafür mangelt es letztlich ein wenig an der vereinnahmenden Aura, die ein solches Monstrum bräuchte. Zusammen mit dem vorangehenden epischen Choral von The End Of All Things ergibt sich aber auf alle Fälle ein Höhepunkt, der dieses Namens würdig ist.

 

Etwas, das über Annie Lennox' Oscar-prämierten Beitrag Into The West übrigens trotz ihrer starken Stimme nicht so ganz gesagt werden kann. R&B-Gesang und mittelalterliche Romantik, ein wohlklingendes, aber schwieriges Paar. Und weil "The Lord Of The Rings: The Return Of The King" in seiner Gesamtheit als Soundtrack auch wohlklingend, aber schwierig ist, wären wir bei der so wichtigen Conclusio angelangt. Die lautet eigentlich, Howard Shore will viel, kann viel, hat aber bereits zu viel für diese Trilogie gemacht, um noch viel für diesen Score übrig zu haben. Deswegen ist er dazu verdammt, das Gleiche, nur anders, zu machen. Dass daraus nur kein Fehlschluss entsteht, der Soundtrack ist auch ganz für sich genommen kein Meisterwerk, das seinesgleichen sucht. Zumindest auf über 70 Minuten lassen die Kompositionen an Variantenreichtum auf rein klanglicher, aber auch atmosphärischer Ebene vermissen. Und wenn selbst ein Verfechter der Einförmigkeit das sagt, dann ist vielleicht auch etwas dran.