Hans Zimmer - Pirates Of The Caribbean: At World's End

 

Pirates Of The Caribbean:
At World's End

Hans Zimmer

Veröffentlichungsdatum: 22.05.2007

 

Rating: 6 / 10

von Kristoffer Leitgeb, 11.08.2016


Gerade der Schritt in die Vielseitigkeit offenbart Zimmers eindimensionale Qualitäten.

 

Waren die letzten fünfzehn Jahre in der Musik die Spielwiese für eine wahre Flut an Revivals, so sind in dieser Zeit im Filmbusiness die Begriffe Remake und Sequel so sehr in Mode gekommen, dass man mittlerweile aus Hollywood mehr Movie-Serien und ganze Universen kennt, als dass Filme tatsächlich noch in ihrer Einzigartigkeit erfolgreich sein dürften. Was 100 Mille macht, wird zur Franchise, soviel ist sicher. "Fluch der Karibik" war eine Wiederaufbereitung eines längst vergessenen Genres UND wurde zur nicht endenwollenden Saga, ist also gleich doppelt verdächtig. Und doch gehört die Serie zu einer sehr seltenen Spezies, wurde doch zumindest die eröffnende Trilogie von Mal zu Mal besser. Was als Klischee-Haufen begann, wurde zu einem Klischee-Haufen mit sündteurer Action, charismatischen Charakteren und, welch Wunder, Atmosphäre. Für letztere wäre eigentlich auch ein Kaliber wie Hans Zimmer zuständig, das Rüstzeug dafür hätte er auf alle Fälle sowohl in puncto Komposition als auch was die Instrumentenschar anbelangt. Allein gelingen will es ihm nicht so ganz.

 

Und das, wo er doch seine Arbeit am dritten Film rund um den von ihm geschaffenen "Love Theme" aufbaut. Der wurde zumindest so getauft, wenn auch nicht von ihm. Was für ihn spricht, denn in der Hetzjagd zwischen britischer Marine und Piraten-Meute liegt Liebe wirklich nur sehr sporadisch in der Luft. Aber der Film hat sein Schäuferl Emotion, zu verdanken dem Tentakel-Sympathieträger Davy Jones, diesem ungewollt herzlosen Sehnsüchtler. Dass Zimmer diesen fast schizophrenen Zwiespalt eindringlich zu vertonen weiß, hat er allerdings schon auf dem Soundtrack des Vorgängers bewiesen. Ergo ist diesmal davon nichts zu hören. Stattdessen versucht sich der Deutsche jener stilistischen und kulturellen Vielfalt hinzugeben, die auch das cineastische Spektakel prägt. Auch deswegen sind fernöstliche Klänge zu vernehmen im passend betitelten Singapore. Doch eines wird bald klar: Die Vielfalt ist - exotische Erhu-Klampfe hin, ungekannt nuancierte Percussion her - eher durchsichtiger Natur. Aus dem Soundtrack spricht Zimmers altbekannte Sprache der epischen Größe, woimmer man auch hinblickt.

 

Das ist genau dann kein Problem, wenn er sich ganz bewusst auf dieses Feld begibt. Nur wenige können brachial-monumentale Ausbrüche so gut timen, die hektischen Symbiosen aus Ostentato-Streichern, harschen Bläser-Einsätzen und wuchtigen Trommeln sind nicht umsonst eines seiner Markenzeichen. Das eröffnende Hoist The Colours beginnt mit seinen hallenden Snare Drums und dem alleingelassenen Glockengeläut auch großspurig, wird dank des hohen, dünnen Gesangs vom jungen Brandyn Bell, abgelöst vom ungeschliffenen Choral - auch zum würdigen Auftakt. Doch bald merkt man, nur selten steht gerade diese Stärke im Vordergrund. Nur eine seiner charakteristischen langen Suiten gestaltet sich wirklich vorteilhaft und mit I Don't Think Now Is The Best Time ist das ausgerechnet bereits die epochale Begleitung für die finale Schlacht. Elf Minuten puren Zimmer'schen Größenwahns, wie man ihn kennt und schätzt. Manchmal allzu nah dran an seiner Arbeit für "Gladiator", doch der Deutsche weiß die Themes, die er im Vorgänger präsentiert hat, hier trotzdem äußerst imposant einzuarbeiten. Wenn dann das theatralische, von Marching Drums und dramatischem Gespann aus Bläsern und Chor dominierte Theme für Cutler Beckett auf die aufgepumpte Version der altbekannten Melodie für den Haupthelden Jack Sparrow trifft, sind fast alle glücklich. Dass sich der Track vor allem gegen Ende in pseudoemotionalem Geschwurbel verliert und alte Klänge präsentiert, sei Zimmer verziehen. Mächtiges Handwerk ist es allemal.

 

Doch von mächtigen Kompositionen wird hier ganz bewusst oft Abstand genommen. Dieser Soundtrack soll Abwechslung bieten und verschiedenste Herangehensweisen an die Materie vereinen. Problem dabei: Dort liegen nicht Zimmers Stärken. Mit dem ihm eigenen Drang zur großen Show findet er kaum Mittel, um ruhigere Passagen oder komisch-pointierte Momente lebhaft auszuformen. At Wit's End präsentiert zwar den Love Theme, tut dies aber auf ermüdend defensive Art, existiert als eine der Lautstärke beraubte Version dessen, was Zimmer eigentlich gerne macht. Die Bläser wollen immer noch ausbrechen, der Chor ist immer noch da, doch in den langgezogenen Noten der Streicher liegt weder emotionale Kraft noch ausreichende Prägnanz. Es sagt genug aus, dass der wirkungsvollste Part des Achtminüters einer ist, den Zimmer nur vom Vorgänger wiederverwendet hat. Die Spieluhr, die mit dezenter Orgel im Hintergrund Davy Jones' Thema spielt, rettet einen Track, der ansonsten in lebloser Melodramatik versinkt. Solch einem Rettungsanker entbehrt die nächste langatmige Session, I See Dead People In Boats. Dessen Qualität reicht kaum über den Titel hinaus. Im Haschen nach untersetzter Emotion muss Zimmer schon beinahe sich selbst kopieren, um überhaupt noch markante Sekunden zu finden. Minuten verstreichen, die Streicher verpuffen. Restlos. Insgesamt tut sich in der so abenteuerlichen Konzeption allzu oft eine äußerst mondäne Ausgestaltung auf. Die Restaurierung der angesammelten Motive wird insbesondere gegen Ende für den Deutschen zu einer reinen Routineübung, die trotz kaum zu durchschauender Verflechtungen nur bekannte Methoden zu bieten hat.

 

In den kürzeren Stücken findet Zimmer trotzdem noch Platz, um die ein oder andere Idee kurz und gerade deswegen erfrischend umzusetzen. Up Is Down bekommt dank seiner Percussion und der eingesetzten Flöten kurzzeitig einen leichten Celtic-Touch, entwickelt sich zu einem überraschend harmonischen Beispiel dieses Stils mit den nicht überdominanten Streichern und den so heiß geliebten Bläsern. Dass er verspielt drauf hat, belegt auch The Brethren Court. Das ist zwar etwas gar langsam, kann aber vor allem in der zweiten Hälfte punkten, wo mit Akkordeon und Dulcimer ein bisschen Polka-Feeling in die Rhythmen von Hoist The Colours gebracht wird. Eigentlich zündet aber selbst hier nur What Shall We Die For, das den Opener in eine streicherdominierte, noch epischere Form gießt und im lautstark umrahmten Choral den Höhepunkt des Soundtracks findet.

 

Selbst der ist aber nicht wirklich Zimmer at his best. Irgendwie wird man das Gefühl nicht los, dass ihm inmitten von Mundharmonika-Tributen an Ennio Morricone und den ewiggleichen Kompositionen ein bisschen der erfrischende Esprit abhanden gekommen ist. Der Deutsche arbeitet handwerklich erstklassig, aber die Tracks wirken eher wie leere Hüllen, schöne Verpackungen, in denen zu oft nicht viel steckt. Er findet einfach fast nie die Emotion oder den Witz in dem, was er fabriziert, um einen als Hörer auch zu vereinnahmen. Insofern imponiert "At World's End" auch nur auf der Ebene, die von penibler und präziser Arbeit zeugt. So offensichtlich diese ist, so schnell verklingen die Kompositionen aber auch wieder. Wenig bleibt einem, wenig will man auch wirklich behalten. Ein bisschen schade drum, denn gerade in seiner Paradedisziplin geigt Hans Zimmer trotzdem noch auf.