Danny Elfman - Charlie And The Chocolate Factory

 

Charlie And The Chocolate Factory

 

Danny Elfman

Veröffentlichungsdatum: 12.07.2005

 

Rating: 7 / 10

von Kristoffer Leitgeb, 28.07.2018


Der Gipfel der Exzentrik für den Mann mit direktem Draht zu Horror, Comedy und mauem Pathos.

 

Vielleicht trifft das den Nagel jetzt nicht ganz auf den Kopf, mich deucht allerdings, dass zwar die allermeisten von uns in puncto Kreativität mäßig ausgestattet sind oder mit der ihnen gegebenen künstlerischen Fantasie nicht viel anzufangen wissen, gleichzeitig aber jeder gern einmal davon tagträumt, wie er sich denn nicht in der Kunst selbst verwirklichen könnte. In Zeiten von Internet und Social Media ist das zugegebenermaßen seltener der Fall, was nur damit zu tun hat, dass mittlerweile jeder seine Kunstwerke, meisterlichen Schnappschüsse, noch so wirres - manchmal gar als Review getarntes - Geschreibsel und allerlei anderes Zeug in die Welt entlassen kann. Das reicht meistens als Ventil. Doch für die großen, ambitionierten Projekte fehlt häufig Geld, Konsequenz oder Talent. Oder auch all diese Dinge. Umso nötiger und sympathischer wird es, sich einfach mal vorzustellen, was man als Autor, Regisseur, Musiker oder Maler so anstellen würde. Man kann das auch mit Soundtrackkompositionen machen und wird sich damit beschäftigen müssen, wofür man denn am liebsten komponieren würde. Romantisch, episch, rockig, klassisch, großspurig oder zurückhaltend, so viele Möglichkeiten tun sich auf. Und doch könnten verdammt viele mit dem Gedanken enden, dass nichts cooler wäre, als "Charlie And The Chocolate Factory" mit Musik ausstatten zu dürfen.

 

Ganz einfach, weil der Film selbst von einem verrückten Genie handelt, das sich seine eigene, komplett verquere und einer bedenklichen Fantasie entstammende Welt gebastelt hat. Insofern herrscht Narrenfreiheit und es ist schwer, sich überhaupt vorzustellen, wie viele unterschiedliche Wege sich da vor einem auftun. Effektiv macht es das auch einfacher, die Sache komplett zu verhauen. Aber es wird schon verdammt viel Spaß machen, das ganze Zeug zu komponieren, weswegen doch ein wenig Neid gegenüber Glückskind Danny Elfman angesagt ist. Der passt aber nun einmal perfekt hinein, weil er sich - auch einer langen Kooperationshistorie mit Tim Burton sei Dank - als ein Meister erwiesen hat, wenn es um die Verbindung von klassischen Horror- und Epik-Elementen mit komödiantischem Touch geht. Das sind zumindest jene Arbeiten, die bei ihm herausragen und seinen eigenwilligen Stil, sich Chorälen, Streichern oder Synthesizern zu bedienen, am ehesten prägen. Paart sich das noch dazu mit einer Vorgeschichte als Frontmann einer New Wave Band, sind die Hürden von "Charlie And The Chocolate Factory" eigentlich keine mehr.

 

Insofern wirkt es logisch, dass sich Elfman durch den Film und damit durch allerlei Musikstile und Stimmungslagen arbeitet, ohne dabei wirklich zu enttäuschen. Wie eklektisch Elfmans Ideen sind, bekommt man dank des netterweise nicht chronologisch geordneten Soundtracks sofort zu spüren. Wonka's Welcome Song ist als hyperaktive, hemmungslos ins Süßliche getriebene Version des traditionellen Vergnügungspark-Jingles ein mäßig anstrengender Einstieg, der aber das surreale Schauspiel, das noch wartet, perfekt einleitet. Die folgenden vier Charakter-Songs, jeder davon einer der Figuren des Films gewidmet, breiten ein Füllhorn unterschiedlichster musikalischer Einflüsse vor einem aus. Beginnend bei Augustus Gloop und damit einer großspurigen, beinahe swingenden Vermählung von Big-Band-Bläsern, den charakteristischen Oompa-Loompa-Chorälen des Films und orientalischen Einflüssen bei Percussion und auf rhythmischer Ebene. Zusammen mit dem in den 70ern verhafteten Funk-Rock von Violet Beauregarde, dem 60er-Psychedelic Pop von Veruca Salt und dem harten Glam Rock von Mike Teavee wird in kürzester Zeit dermaßen viel an Abwechslung geboten, dass man kaum noch hinterherkommt mit dem Staunen. Das allein bedeutet zwar nicht, dass man sich jetzt andauernd die störrisch komponierte, ein bisschen zu sehr mit allerlei Stimmmanipulationen angereicherte Funk-Story von der Ketten-Kaugummi-Kauerin anhören will. Elfman gelingt es aber, die faszinierend bunte Aura des Burton-Films ohne Abstriche auf die Musik zu übertragen.

 

Das bedeutet viel, umso mehr dank der nicht nur musikalisch, sondern auch atmosphärisch weit auseinanderklaffenden Soundtrackteile. Das wird in den Phasen, in denen der Gesang komplett ausbleibt, umso deutlicher. So sehr man anfangs auch mit den Vocals zu kämpfen hat - die von Elfman selbst beigesteuerten, bis zum Exzess verzerrten Gesänge der Oompa-Loompas sind schwierig -, gehen sie einem dann allerdings phasenweise umso mehr ab. Mit dem Main Title gelingt dank Streicher-Stakkatos, hohen Chorstimmen und pulsierender Percussion die ideale Einstimmung auf die psychedelisch-albtraumhafte Welt, die die Schokoladenfabrik darstellt. Elfmans Fähigkeiten erreichen aber dort ihre Grenzen, wo er sich mit ruhigeren Minuten abkämpfen muss. Die romantisch angelegten Stücke Charlie's Chocolate Bar, First Candy oder Wonka's First Shop geben sich zwar phasenweise ähnlich aktiv wie das Drumherum, lassen aber mit dem deutlichen Fokus auf schwerfällige Streicher und ruhige Holzbläser-Passagen den schrägen Charme anderer Tracks vermissen. Da mangelt es an der Fähigkeit, nachdenklichere oder emotionale Momente auch als solche zu behandeln und entsprechend die zugegebenermaßen schwierige Balance aus kitschiger Zurückhaltung und prägnanten Melodien zu finden. Auf dem Gebiet agiert Elfman vielleicht nicht im klassischen Sinne langweilig, auf alle Fälle aber zu unscheinbar, um gegenüber dem übrigen kreativen Exzess bestehen zu können.

 

Der wiederum lässt einen überraschend selten direkt an seine früheren Arbeiten denken. Was wiederum zu guten Teilen darin begründet liegt, dass der oft sehr zentrale orientalische Einfluss in den Kompositionen eher unerwartet kommt. Dass sich The Indian Palace nicht nur mit pompösen Blechbläsern und Trommeln präsentiert, sondern hauptsächlich traditionell indische Züge trägt, dementsprechend von der Sitar geprägt wird, überrascht weniger. Doch der Blick Richtung Osten ist offenbar das tragende Element hinter der psychedelisch-märchenhaften Qualität mancher Tracks. The Boat Arrives präsentiert sich entsprechend, arbeitet mit der vielfältigsten Percussion und verleiht dem im Grunde genommen bekannt epischen Aufbau eine hypnotische Dynamik, die sich umso mehr auf The River Cruise und dessen zweiten Part überträgt. Wheels In Motion wiederum überzeugt lange Zeit als "klassische" Kompositionen, die sich auf wenig ausgefallene Orchesternutzung und Rhythmik verlässt, nur um gegen Ende in ein musikalisches Allerlei zu verfallen, das sich durch sprunghaften Flöteneinsatz, dezente Xylophon-Parts, vor allem aber einen plötzlichen, lebendigen Ausbruch in orientalischer Manier auszeichnet.

Gleichzeitig bietet der Soundtrack schon auch Momente, die an Elfman-Arbeiten aus den 90ern erinnern und dementsprechend seinen surreal-gespenstischen Paarlauf von Streichern und Blechbläsern bieten, gern einmal schrill und gleichzeitig unterbrochen durch langsam-schwelende Violinenparts. So etwas ist relativ rar gesät, sorgt aber bei First Candy und Up And Out dank zusätzlicher Choräle für Erinnerungen an "Sleepy Hollow" oder "Mars Attacks!", während die zweite Hälfte von The Golden Ticket/Factory die verzaubernde Epik im Sinne John Williams' ein wenig aufkocht.

 

Es wird einem also auf alle Fälle nicht fad. Will man sich vielleicht nicht gleich mit dem ganzen Soundtrack herumschlagen, sondern die Vielseitigkeit von Elfmans Arbeit in komprimierter Form, kann man immer noch auf die abschließende End Credit Suite zurückgreifen und wird erkennen, dass - abgesehen vom textlich und atmosphärisch genialen Mike Teavee - die ersten den Filmcharakteren gewidmeten Tracks allesamt ohne Gesang besser oder zumindest wenig anstrengend wirken, ohne dabei ihren interessanten musikalischen Touch zu verlieren. Rein stilistisch ist "Charlie And The Chocolate Factory" schwer zusammenzufassen, was allerdings nur für Danny Elfman spricht. Zwar muss man eingestehen, dass aufgrund der vielen bearbeiteten Facetten die punktgenaue Treffsicherheit auf der Strecke geblieben ist und dementsprechend die einzelnen Teile weniger glorreich wirken als das Ganze. Letzteres ist allerdings aufgrund der vielen gezeigten Varianten und des verspielten, perfekt an die schräge Aura des Films angepassten Charakters ein Gewinn auf diversen Ebenen und der Beweis, dass man bei einem solchen Streifen als Vorlage der Kreativität wirklich ziemlich freien Lauf lassen kann.