RADWIMPS - Kimi No Na Wa.

 

Kimi No Na Wa.

 

RADWIMPS

Veröffentlichungsdatum: 24.08.2016

 

Rating: 7.5 / 10

von Kristoffer Leitgeb, 18.08.2018


Stilistische Quantensprünge zwischen Pop-Punk, Hisaishi und romantischer Verlorenheit.

 

Die Kommerzialisierung von allem, also auch dem Filmbusiness, setzt voraus, dass ein Blockbuster seinen Komponisten nicht unbedingt aufgrund dessen Stärken und stilistischen Eigenheiten, sondern eher wegen der passenden Größe des Namens bekommt. Unter einem Danny Elfman oder Alexandre Desplat geht eigentlich nichts, weil man sonst Gefahr laufen könnte, dass bei Nennung des Soundtrackmachers überall die Frage "Wer?" aufkommt. Kritisch zu betrachten ist das trotzdem nur in moderatem Maße, weil die großen Stümper selten ganz nach oben geschwemmt werden und selbst eine vermeintliche Verengung der klanglichen Bandbreite in der Filmmusik immer wieder erfolgreichst widerlegt und unterwandert wird. Insofern passt das schon irgendwie, es verhindert aber auch ein paar großartige Erscheinungen. Beispielweise das Zusammentreffen des erfolgreichsten Animefilms aller Zeiten mit einer Band, die Jahre damit zugebracht hat, zwischen Emo-Pop-Rock, Melodic Hardcore und funkigem Rap-Rock zu oszillieren. Und das Ergebnis ist so viel stimmiger als es irgendeines dieser Genres erahnen ließe.

 

Allerdings muss man relativierend einwerfen, dass die zwar durch diverse Zeitsprünge und/oder Zeitreisen erzähltechnisch ordentlich durcheinandergewürfelte, aber eben im Kern doch klassische Teenager-Liebesgeschichte von "Kimi No Na Wa." an und für sich genug Potenzial bietet, um ein bisschen Emo-Zeug einzustreuen. Es vertrüge sich, aber so ganz ausreichend wäre es eben nicht, will man ein rundum stimmiges, irgendwie schon auch japanisches Meisterwerk auf die Leinwand zaubern. Insofern ist die finale Zusammenstellung des Soundtracks als Wechselspiel aus dezent verweichlichten Rocksongs, symphonischen Spielereien der emotional leichten und schweren Art, sowie den klassischen Piano-Stücken eine meisterliche Punktlandung. Die bedeutet nicht nur eine perfekte Untermalung für den Film, sondern auch eine unerwartet hohe Zahl an Tracks, die auf sich allein gestellt immer noch strahlen.

Zwangsläufig sind es vor allem die wirklichen Songs, die sich am besten behaupten. Da spezialisieren sich RADWIMPS und Songwriter Yojiro Noda auf die eigenen poppigen Qualitäten, allerdings in produktions- und soundtechnisch äußerst ansprechender Manier. Die Mischung aus lauten Ausbrüchen in beinahe-Grunge-Manier, dezent gezupften Passagen und den atmosphärisch gelungen eingeflochtenen, pointiert-einfachen Drums oder Klavier sorgt für den Gipfel melancholischen Pop-Rocks. Immer ein bisschen auf der plakativen Seite dank der vielen Stilbrüche im Laufe des Soundtracks und der in Eigenregie vorgenommenen, peniblen Produktion allerdings ohne Abnutzungserscheinungen.

 

Das eröffnende Dream Lantern mit seinen zeitweise rückwärts abgespielten Gitarrenakkorden - Inspiration durch die Zeitsprünge des Films liegt etwas gar nahe -, vor allem aber mit dem stark abgestimmten, zunehmend lauter werdenden Arrangement legt entsprechend los. Dass für die Band die erratischen Ausbrüche insbesondere an der Gitarre genauso ein Heimspiel sind wie die aufpolierten Zupfer, die die verloren wirkende Stimme von Noda begleiten, wird einem da schnell klar. Dementsprechend ist die Überraschung mäßig, dass auch das ähnlich gestrickte Zenzenzense oder das zum Ende im Doppelpack angebotene Nandemonaiya, wiederum in dezenter Balladenform, ähnlich stark wirken. Gleichzeitig ist das alles wiederum fast wenig im Vergleich zum Prunkstück des Albums, dem fast neunminütigen Sparkle, das in dieser Version zu einem hyperemotionalen Magnum Opus wird und, beginnend mit dem stärksten Klaviermotiv des Soundtracks, quasi alle Etappen des Films in einem Track zusammenfasst. In diesem Sinne ist es beeindruckend, mit welcher Leichtigkeit die Band zwar ihre eigenen Instrumente mitsamt Military Drums in dezenter Form einzuflechten weiß, gleichzeitig aber Klavier und Streicher das Rampenlicht überlässt und deren emotionale Wirkung maximiert. Dass sich über all dem Noda gesanglich zurückhält und überhaupt das meiste instrumental belassen wird, stört folgerichtig nicht im geringsten. Genauso wie es nichts ausmacht, dass nach dem Fadeout erneut ein dezenter Klavierpart einsetzt und in einen Finalen Klimax übergeht.

 

So großartig das ist, ist es immer noch ein Bruchteil des Soundtracks. Der ist bis oben hin angefüllt mit lockerem Instrumental-Rock und Kompositionen frei nach Joe Hisaishis Vorbild. Diesem Vergleich standzuhalten ist entsprechend schwierig, gelingt der Band aber mitunter souverän. Unter anderem liegt das an der gebotenen Abwechslung, die einem schon in den ersten Minuten eine verträumte Mischung aus hellen Streichern, Akustikgitarre und Flöten bietet, dann in tänzelnde Pianopassagen übergeht, in Café At Last jazzige Jam-Atmosphäre mit sonnigen Riffs paart und dazwischen in First View Of Tokyo ein Paradebeispiel für einen Track anbietet, der mit einer solch romantischen Kombination aus Klavier, gestrichenen und gezupften Violinen eigentlich nur von Hisaishi selbst kommen dürfte.

Auch hier gehen sich großartige und berührende Minuten aus, die sich vor allem im puristischeren Setting ergeben. Das reine Streicherstück Goshintai wird zum dramatischen Höhepunkt des Soundtracks und paart sich mit der darauffolgenden ruhigeren Pianokomposition Date auch emotional zu einem eindringlichen Schauspiel. Letztere bietet zu Beginn ein Klaviermotiv, das erst spät mit Theme Of Mitsuha seine Vollendung findet und dort die zerbrechlichen Akkorde in Richtung eines erdigen, mit Cellos angereicherten Finales treibt. Diese praktische Anwendung des Mottos "In der Ruhe liegt die Kraft" wird unter den instrumentalen Stücken selten widerlegt. Einzig das erratische, von Breakbeat-Drums und galoppierendem Klavier angetriebene Council Of War markiert einen rundum gelungenen, untypischen Ausreißer.

 

Jetzt kann kein Album mit 26 Tracks makellos sein und auch dieses schafft es nicht. Das liegt hauptsächlich daran, dass sich nach dem ersten Drittel, ziemlich genau mit dem mäßigen Klavierstück Autumn Festival eine deutliche Phase der Mäßigkeit und Langeweile einstellt. Es ist dies die Zeit der wiederholten, aber kaum frisch gehaltenen Motive, des übermäßigen Fokus auf Atmosphäre und auch die des Yusuke Takeda. Erstmals in der RADWIMPS-Geschichte komponiert nicht nur Frontmann Noda, sondern auch andere. Während das Gitarrist Akira Kuwahara dank nötigem Fokus auf das eigene Instrument durchaus gut gelingt, kann Takeda mit der Ehre wenig anfangen. Der Bassist versucht sich mit Library vergeblich an wirkungsvoll emotionalem Pianoeinsatz und darf drumherum Disappeared Town und The Night Inn zwei so leere Tracks irgendwo zwischen Ambient und einem Hauch von Nichts anbieten. Nichts davon kann wirklich was und das noch später von ihm beigesteuerte Persuading Mayor tut trotz kurz auflebender Streicher auch nichts, um einen von Takedas Fähigkeiten als Komponist zu überzeugen.

 

Vielleicht ist es also schade, dass wirklich alles, was an irgendeiner Stelle im Film verwendet wurde, auch auf dem Soundtrack zu "Kimi No Na Wa." gelandet ist. Denn nicht alles eignet sich dafür, ohne Bild angehört zu werden, manches ist überhaupt nahe dran als Absenz von Musik durchzugehen. Doch der überwiegende Teil dessen, was RADWIMPS zu Makoto Shinkais Film beisteuern, ist großartige Arbeit, die allen voran eine kaum erwartbare stilistische Bandbreite aufweist und kaum besser die emotionalen Facetten des Films einfangen könnte. Dass es der Band im gleichen Atemzug gelungen ist, nicht nur die ideale Hintergrunbeschallung für das animierte Spektakel zu kreieren, sondern auch noch ein Album, das für sich allein genommen mehr als nur beachtlich erscheint, ist dann quasi die Krönung der japanischen Rocker. Und wäre man unter der Stundenmarke geblieben, hätte man sich wohl endgültig dort wiedergefunden, wo der Film bereits ist. Nämlich auf Augenhöhe mit dem Besten, was Studio Ghibli zu bieten hat.