Clint Mansell - Black Swan

 

Black Swan

 

Clint Mansell

Veröffentlichungsdatum: 30.11.2010

 

Rating: 8 / 10

von Kristoffer Leitgeb, 20.08.2016


Tschaikowskis Erbe und die Frage, wo die Schönheit aufhört und der Psycho-Terror beginnt.

 

Die Perfektion. Ein Ding in weiter, weiter Ferne für alle von uns, ähnlich dem Gipfel des Mount Everest für einen ohne Sauerstoffgerät losziehenden Michi Häupl. Aber eben doch ein Ziel für die, die es mit den Fehlern nicht so haben. Aus Angst vor dem Versagen oder ein bisserl Selbsthass und Masochismus oder Selbstüberschätzung oder wegen unbändigen Optimismus'. Also, auf alle Fälle finden sich da genug Gründe, warum jemand die Perfektion und nichts als diese erreichen will. Niemand versteht es, das so gut in einen Film zu verpacken wie Darren Aronofsky, bei dem ohnehin immer irgendwer dem Unerreichbaren und damit gleichzeitig dem eigenen Untergang entgegenstrebt. Ist es eben diesmal in "Black Swan" die perfekte Ballett-Vorstellung. Nun braucht es dabei Eleganz, es braucht Schönheit und Grazie; und trotzdem fordert die stattfindende Selbstzerstörung einen ordentlichen Hauch Düsternis. Schwerstarbeit also für Clint Mansell, die ihm aber mit einer russischen Legende im Rücken bravourös gelingt.

 

Denn - wie könnte es auch anders sein, wenn sich im Film alles um "Schwanensee" dreht? - niemand geringer als Pjotr Iljitsch Tschaikowsky spendiert das Fundament für den Parforceritt hin zum perfekten Tanz. Es ist die Musik seines Balletts, die auch bei diesem Soundtrack die Hauptrolle spielt. Nun wäre es für einen Kenner des Milieus oder auch einfach nur des Stücks ein Leichtes, hier alt von neu zu trennen und mit Prozenten zu jonglieren, um den Anteil von Tschaikowsky und Mansell gerecht zu verteilen. Mir ist das weniger gegeben, ist aber auch egal für den wichtigsten Aspekt dieser 16 Tracks. Es ist an Mansell, die Arbeit des großen Komponisten auf seine Art zu interpretieren und das, was im 19. Jahrhundert grandios, romantisch, zärtlich und angriffig getönt hat, mit einer dunklen Aura zu versehen, die dem Leinwand-Psychogramm gerecht wird.

Das bedeutet eine Gratwanderung zwischen den sprunghaften Streicher-Klängen des hoffnungsvollen A New Swan Queen, dem zurückhaltenden Walzer zu Beginn von Nina's Dream oder aber den hektischen, beklemmenden Bläsereinsätzen in A Swan Is Born. Doch die Herangehensweise des Briten ist subtil genug, um Verwerfungen großteils zu umschiffen. Schon die Eröffnung, Nina's Dream, beschreibt von den zarten Flöten zu Beginn bis hin zum orchestralen Kraftakt eine fast lineare Dramaturgie, ein langsames, stetes Versinken in einer nur ansatzweise spürbaren, ausweglosen Dunkelheit. Nur kurz deutet eine kleine elektronische Manipulation, ein "Zerbrechen" der lieblichen Töne an, zu was sich Nina - und damit der Film als Ganzes - entwickeln werden.

 

Doch genau so, wie "Black Swan" kein wirklicher Thriller ist, sondern viel mehr eine Charakterstudie des Destruktiven, so ist auch der Soundtrack dazu kein blindwütiges Haschen nach Beklemmung, kein Erzwingen von Emotion. Im Gegenteil, Mansells Arbeit ist emotionale Ambivalenz in Reinkultur. In den Klavier-Akkorden von Cruel Mistress liegt eine grazile Schönheit, die einen vereinnahmt, allerdings auch verwundbare Schwere, die er kurz mit dramatischen Streichern noch mehr heraushebt. Ähnlich Jonny Greenwoods Arbeit für "There Will Be Blood" sind die schwelenden Streicher in Opposites Attract anmutig und beklemmend zugleich, mutieren noch dazu zur drückend schweren Energieentladung im knappen Finale. Und dann darf es mit Stumbled Beginnings... doch wieder eine dramatische Erinnerung an Joe Hisaishi sein, noch dazu begleitet von der flötenlastigen Version des legendären, leichtfüßigen "Danse Des Petits Cygnes", der nach kurzer programmierter Überleitung in den "Swan Theme" mündet.

 

Ein Hin und Her eigentlich, aber ein unfassbar flüssiges. Selbst in den Momenten, in denen Mansell auf abgehackte Brüche setzt, um Tschaikowskys Kompositionen aufzubrechen, wirkt das Schauspiel wie ein organisches Ganzes. Vielleicht liegt dort die größte Leistung Mansells. Sein Soundtrack entfernt sich zusehends vom Ton des Balletts, nimmt selbst im konventionellen klanglichen Gewand - Streicher und Klavier, effektvoll unterbrochen durch hallendes Klopfen - von The Double verstörende und leicht entstellte Züge an. Und doch geht die Harmonie nie verloren. Die Stücke sind passgenau zugeschnitten auf den Film und doch eine Einheit. Was nicht darüber hinwegtäuschen kann oder soll, dass der fortschreitende Abstieg Ninas sich auch in der Musik widerspiegelt. Erst zur Hälfte findet der Soundtrack aus grundsoliden, aber etwas zu zurückhaltenden Minuten gänzlich heraus, ergeht sich stattdessen in spektakulären Arrangements mit gespenstischer Aura. Night Of Terror ist es vorbehalten, die späte Blüte einzuleiten und gleichzeitig die ganze Vielseitigkeit des Scores zu verdeutlichen. Im Minutentakt wechseln sich Stimmungen und Instrumente ab, auf gedämpfte Klavier-Akkorde folgen blindwütige Streicher-Exzesse oder treibende Bläser. Ein emotionales Wechselbad.

 

Und von da an wird es zunehmend ungemütlicher. Mansell verwandelt Tschaikowskys Vorlagen in aggressive und Endzeitstimmung versprühende Tracks. Sogar dann, wenn mit A Swan Is Born eigentlich eine nahezu euphorische Streicher- und Bläserarmada ihren Auftritt hat, kommt man nicht umhin, Anspannung und das drohende Unheil herauszuhören. Beides kulminiert dann in Perfection und damit im finalen, frenetisch bejubelten Auftritt der "Swan Queen" Nina. Dort gelingt noch einmal und wohl am wirkungsvollsten die Vermählung der durchaus zahlreichen Facetten eines Soundtracks, der sich darin übt, die dunkle Seite von "Schwanensee" zu finden oder, wenn sie vielleicht doch gar nicht da war, ihr zumindest sehr wirkungsvoll eine solche zu verleihen.

 

Clint Mansell rutscht dabei nicht wirklich aus, wenn er sich auch insbesondere in der ersten Hälfte manchmal gar zahm gibt und die Ruhe vor dem Sturm zu wörtlich nimmt. Das Harmoniegedudel von Mother Me lässt einen deswegen ziemlich kalt. Sonst ist das allerdings weniger eine Ansammlung einzelner Tracks, sondern ein konstantes Gesamtkunstwerk mit dramaturgischen Höhen und Tiefen, mit einem Duell von Leichtigkeit und Schwere. Der Brite arbeitet gekonnt mit der Romantik des russischen Maestros, baut ohne jegliche Kollateralschäden seine Ideen ein, um das Spielerische aus den Originalkompositionen zu vertreiben. Das Ergebnis kann einen faszinieren, wenn man genau hinhört und sich von der Musik ummanteln lässt. Von der Perfektion ist das alles trotzdem weit entfernt. Aber wie die endet, wissen wir ja eh alle...