Soundgarden - Ultramega OK

 

Ultramega OK

 

Soundgarden

Veröffentlichungsdatum: 31.10.1988

 

Rating: 6.5 / 10

von Kristoffer Leitgeb, 17.11.2017


Guns N' Sabbath, gefangen zwischen der infernalischen Härte der 70er und der Softie-Produktion der 80er.

 

Warum funktioniert die Schöpfungslehre auch heute noch? Weil sie sexy ist! Gilt für Religionen und ihre monströsen, schon ewig ins Lächerliche abgedrifteten Mythenhaufen ganz allgemein, aber exemplarisch sei dafür eben die Geschichte von Adam und Eva herangezogen. Die ersten Menschen, sie aus seinen Rippen erschaffen, irgendwo nackert im Paradies, verführt vom Urahn von Dschungelbuch-Schlange Kaa, zum ewigen Leiden verdammt. Das rockt! Auf der anderen Seite die Theorie eines Knalls, Milliarden von Jahren zwar hitziger, aber doch lethargischer Klimawandlungen und irgendwann dann eine Urkloake, in der ein paar Moleküle fröhliche Einständ' feiern? Das hinkt, es liegt röchelnd am Boden. So richtig kann es gar nicht sein, ist das unsexy wie sonst nur Angela Merkel.

Die Entstehungsgeschichte von Soundgarden erlaubt ähnliche Gegenüberstellungen. Hier der große Beitrag zu Werden und Aufstieg des Grunge, unerbittliche Härte und triefende Leidenschaft. Ein Fest für Angus Young und Rock-Aficionados. Dort aber ein virtuoses und doch irgendwie inkonsequentes, der Struktur entrücktes Stück 80er-Metal. Gott, kann das wenig.

 

Allerdings eigentlich nur, wenn es in dieser Form im Raum steht und stehen gelassen wird. Nachdem das reichlich unfair wäre, sei zur Ehrenrettung von Chris Cornell und seinen Mitstreitern schon angemerkt, dass man ihnen die Hingabe zu einer effektvollen Reproduktion Black Sabbath'schen Metals schon anhört, genauso wie auch dieser Drang danach, die dreckige, verrohte Art von AC/DC, die die Australier mit den 80ern selbst abgestoßen haben, wieder zum Leben zu erwecken. Und weil Cornell singt wie das uneheliche Kind von Ozzy Osbourne und Axl Rose - damals eher noch zu letzterem tendierend - mit einem Robert Plant als einflussreichem Onkel, ist das Mitreißende und die energiegeladene Präsentation eine Säule dieses Debüts. "Ultramega OK" reißt an, selbst wenn es sich in den Windungen des Psychedelic Rock verrennt und so der eigenen Härte die Intensität nimmt, stattdessen brütende Düsternis oder sarkastische Parodien zum Ziel hat. Es ist auch, so belegen es die hymnischen, stadionbereiten Riffs von All Your Lies, die schwelenden, verzerrten Rifforgien von Beyond The Wheel oder die überbordende und sich selbst überlebende Blues-Ekstase von Smokestack Lightning, einigermaßen virtuos. Das wiederum ist Verdienst von Kim Thayil, der zusammen mit dem wenig später ausgeschiedenen Hiro Yamamoto ein hohes Maß an Präzision und wandelbarer Finesse beweist, kombiniert mit einem perfekt abgestimmten Zusammenspiel aller Einzelteile.

 

Das sorgt für geniale Ansätze, wo man hinblickt. Selbst das tendenziell träge Eröffnungsstück Flower weiß unglaublich gut mit den Wechseln von psychedelischen, vom kühl-schwebenden Feedback geprägten Passagen hinein in die Power-Stakkatos umzugehen, lässt einen höchstens ein wenig an der Stimmkraft von Cornell zweifeln, weil dessen Stimme ungut ertränkt wirkt inmitten der lauten Soundumgebung. Das gibt sich rasch, schon sein erratisches Gekreisch im Bandklassiker All Your Lies kennt kaum noch Grenzen und illustriert, wie gut ihm damals noch das hohe Tempo getan hat. Circle Of Power, Nazi Driver, Head Injury, allesamt mit Nähe entweder zum Punk oder dem muskelbepackten Hard Rock von AC/DC und damit auch entsprechend schnell unterwegs, ohne dabei Härte und atmosphärische Schwere wirklich einzubüßen.

Letzteres wahrscheinlich doch ein bisschen, wobei gegen das psychedelisch angehauchte, schleppende Blues-Monstrum Incessant Maze oder eben Beyond The Wheel auf der Ebene auch nur schwer anzukommen ist. Die sind Paradefälle des Sabbath-Einflusses, scheuen zwar satanische Botschaften oder große Statements zu Krieg & Frieden, schlagen aber dafür eine erfolgreiche Brücke zwischen den nicht ganz zu leugnenden, leichten Glam-Tendenzen der ersten Bandjahre und dem viel prominenteren Einfluss von Ozzy und gar schon den düsteren Sphären des Black Metal.

 

Knackpunkte dabei sind nun an zweierlei Fronten zu suchen. Einerseits ist Cornells Textkunst unbestreitbar ausbaufähig, was zusammen mit seiner leidenschaftlichen, aber wirklich nur ganz dezent undeutlichen gesanglichen Präsentation ein bisschen an der Substanz nagt. Worum es ihm geht? Sollte man das wirklich so ganz wissen? Nun gut, es war auch in späteren Jahren nicht immer größtmögliche Präzision in der Wortwahl nötig, um die Botschaft an Mann und Frau zu bringen, allerdings wäre die musikalische Genauigkeit dann umso wichtiger. Jetzt besteht die, wie eh schon arschkriecherisch erörtert, auf rein technischer Ebene durchaus, allein mit der Übertragung von Atmosphäre und Emotion will es nur mäßig gelingen. Grund dafür ist unter anderem, dass zu viel hier in einer beinahe defensiven, auf alle Fälle aber zu glatten und an Guns N' Roses angepassten Art produziert wurde. Das spießt sich mit dem Charakter der Musik, dem Charakter des Gesangs, letztlich auch mit der depressiven Aura des Albums. Deswegen zu glauben, man würde geschliffene Riffs vielleicht gar nach Machart von The Edge hören, wäre grundfalsch. Aber ohne das nötige Tempo, dafür mit der Suche nach dem unterschwelligen Nachdruck in den drückenderen Minuten verhält es sich weniger leicht, weil dort zu wenig für den richtigen Sound des Spektakels getan wird. Schade für Beyond The Wheel und Incessant Maze, tödlich für die ohnehin nicht ganz ernst gemeinten Interludes 665 und 667 - wie auch das finale Rauschen von One Minute Of Silence eher mit humorvollem Subtext. Wirklich hart trifft es aber rein gar nichts, selbst wenn He Didn't ein chaotisches Etwas auf allen Ebenen ist und ein Bluescover wie Smokestack Lightning niemandem in der Band, auch Thayil an seiner Gitarre, wirklich gut zu Gesicht steht.

 

Insofern hat man ein Album mit sehr hohem theoretischem Wirkungspotenzial, das aber in realita bei der Umsetzung deutlich gelitten haben dürfte. Wohl auch deswegen beklagt die Band selbst, dass damals Vieles, aber sicher nicht passend produziert wurde. Abseits davon ist es eine LP, die viele der besten Seiten, die man von Soundgarden in späteren Jahren noch sehen sollte, vorweg nimmt, dazu aber einige Einflüsse spürbar macht, die man mit der Zeit eingemottet hat. Anders geschrieben, klingt "Ultramega OK" selbst als relativ roher Release noch zu sehr nach dem Mainstream der 80er, um seine volle Kraft und die Qualitäten der einzelnen Mitglieder wirklich ausspielen zu können. Der Grundstein ist aber ein verdammt solider und auf dem ist ja heiliges Liedgut des Rock aufgebaut worden. Wirklich sexy ist so ein Grundstein trotz solcher Vorarbeit zwar nicht unbedingt, aber immerhin ist von Lächerlichkeit nirgendwo etwas zu hören.