Rage Against The Machine - Rage Against The Machine

 

Rage Against The Machine

 

Rage Against The Machine

Veröffentlichungsdatum: 03.11.1992

 

Rating: 8 / 10

von Kristoffer Leitgeb, 04.03.2017


Nichts Heiligeres gibt's als zügellose Wut, Funk-Metal, Rap und gesalzene Gesellschaftskritik.

 

Vor 25 Jahren war in Washington nicht die GOP und an deren nomineller Spitze ein gewisser Donald Trump am Schalten und Walten, sondern es gab einen Machtwechsel im Weißen Haus. Bill Clinton war zum Präsidenten gewählt worden - Ross Perot sei Dank - und damit die über ein Jahrzehnt andauernde Herrschaft der Republikaner gebrochen. Ein Richtungwechsel lag in der Luft, ein kleines bisschen wenigstens, auch wenn sich Clinton als New Democrat und damit als politischer Mischlingsrüde zwischen den Parteien verstand. Die liberalen Geister des Landes konnten wenigstens wieder ein bisschen hoffen, anders als in den Tagen, da Immobilienmagnaten mit Vokabular- und Argumentationsbegrenzung plötzlich etwas zu sagen haben. Verdammt wütend musste man auf alle Fälle nicht mehr so unbedingt sein, wenn man sich die Oberflächenverhältnisse von damals ansieht. Ein Viergespann in Kalifornien konnte es trotz allem nicht sein lassen und musste unsäglichen Lärm und aufwiegelnde Botschaften verbreiten. Es nannte sich Rage Against The Machine und wie wir ihm nicht dankbar sein sollten für Lärm und Botschaft.

 

Vielleicht im großen Ganzen nicht ganz so sehr für die damit einhergehende Initialzündung dessen, was später Nu-Metal heißen sollte, aber das sind Kollateralschäden, die ohnehin unter Wert geschlagen werden. Primär soll das unkreativ betitelte Debüt der Band im Mittelpunkt stehen, das bietet sowieso genug Diskussionsstoff. Zack de la Rocha hatte zu viel zu sagen und Tom Morello zu viel zu riffen, als dass das anders sein könnte. Wer von beiden wirklich die Hauptrolle spielt, ist bei dem Gesamtkunstwerk, das das gleichermaßen abweisende wie einladende Album darstellt, etwas schwer zu sagen. Zumindest harmonieren beide miteinander und mit ihrer nicht zu unterschätzenden Rhythm Section gut genug, dass die Grenzen verschwimmen und man geeint in eine Richtung marschiert, die unweigerlich von der linksliberalen politischen Haltung de la Rochas und seinen eindrucksvoll leidenschaftlichen Raps vorgegeben wird. Bombtrack, Killing In The Name, Know Your Enemy, Township Rebellion; der Mann hat auf alle Fälle keine Angst vor offener und aggressiver Konfrontation mit denen, die er am Holzweg verortet. Was höchst positiv ist, immerhin käme man sonst nicht in den Genuss seiner aufopferungsvollen Performances, mit denen er alles, was er im Angebot hat, in die Waagschale zu werfen scheint.

 

De la Rocha würde also womöglich trotz stockendem Flow einen ganz guten Rapper abgeben, wäre allerdings arm dran, weil er dann auf das einschüchternd starke musikalische Backing seiner Kollegen verzichten müsste. Dass dem nominell Tom Morello vorsteht, liegt an seiner Gründungsinitiative der Band, könnte aber irgendwo schon auch etwas damit zu tun haben, dass er als Leadgitarrist zu den feineren seiner Prägung gehört. Und als solcher also dem Gesamtpaket mit seiner unwiderstehlichen Mischung aus funkigen Hooks, metallischer Härte und schrillen, dem Hip-Hop und Industrial nahe Soundausritten mehr gibt, als man realistischerweise fordern dürfte. Das ist schön, weil damit die eindringliche Schärfe von Tracks wie Bullet In The Head genauso gesichert ist wie die unwiderstehliche Melodie von Know Your Enemy, die einen beinahe, aber dann doch nur beinahe, die Message aus den Augen verlieren lassen. Unfair wäre es, würde man über die Killerriffs von Morello die unverzichtbare Arbeit von Tim Commerford vergessen, dessen Picking und Slapping das rhythmische Fundament für die wuchtigen Exzesse des Frontduos ist. Überhaupt bliebe ohne die passende Rhythm Section wenig, bedenkt man, dass die beiden Strömungen, die man dem eigenen Metal einflößen will, ausgerechnet Funk und Hip-Hop sind.

 

Jetzt ist all das da und ergo spricht aus der LP mehr als nur linkes Gedankengut oder angriffige Härte, es begegnet einem auch eine kaum nachzuahmende Dynamik. Die durchzieht ganz grundsätzlich jede Sekunde, gezügelt wie im abgehackten Fistful Of Steel oder aber angetrieben von grenzenlos wirkender Energie wie in Know Your Enemy. Gleichzeitig beeindruckt aber vor allem, wie zehn Songs, deren einende Merkmale so deutlich herauszuhören sind, doch gleichzeitig so viele Tempo- und Stilbrüche und unverkennbare Eigenarten ansammeln können. Erst spät glaubt man, dessen in Maßen überdrüssig zu werden, wenn mit Wake Up und Freedom zu sehr in Richtung sphärischer, fast schon psychedelischer Auskleidung gewandert wird. Zumindest fühlt man sich dort am ehesten unwohl in dem wutentbrannten musikalischen Orkan, der sonst über einen hinwegfegt.

 

Der entstünde erst gar nicht ohne seine Texte - mich deucht, ähnliches wurde bereits erwähnt -, deren Inhalt eine erfrischende, vielleicht eher einschüchternde, Direktheit sein Eigen nennt:

 

"So called facts are fraud
They want us to allege and pledge
And bow down to their God
Lost the culture, the culture lost
Spun our minds and through time
Ignorance has taken over"

 

Zugegeben, in Zeiten Trump'schen Fact Bendings schwingt gerade bei der Passage auch etwas Bitteres mit, aber es zählt ja die Intention, nicht? Also nicht natürlich, aber wir, die wir den ultimativen Durchblick haben, wissen, wie de la Rocha das gemeint hat und warum er damit Recht hatte. Und immer noch hat. Vielleicht ist das noch ein Extrabonus, dass eines der wohl politischsten Alben der 90er mit inhaltlicher Zeitlosigkeit gesegnet ist. Das widerspricht zwar jeder Träumerei von gesellschaftlicher Weiterentwicklung, wenn die angeprangerten Probleme von damals heute noch genauso oder in noch schlimmerer Form existieren. Andererseits hört sich so "Rage Against The Machine" heute nicht weniger stark an als in seinen ersten Tagen. Und jetzt, wo nicht mehr Billy "The Dem Kid" Clinton in office ist, sondern Donald "The Donald" Trump, braucht man sowas in der Art ohnehin mehr denn je.