Peter Gabriel - Us

 

Us

 

Peter Gabriel

Veröffentlichungsdatum: 28.09.1992

 

Rating: 6.5 / 10

von Mathias Haden, 30.12.2014


Noch kolossaler, noch durchdachter; nur nicht ganz so stark.

 

Ein guter Tag, dieser 28. September im herrlichen Jahr 1992. In einem Wiener Spital erblickt ein kleiner Junge etwas verspätet das Tageslicht, die frohe Kunde geht sogleich um die Welt. Das Einzige, das in diesen Stunden ein vergleichbares Maß an Medienrummel zur Folge hat, ist die Meldung vom releasten, sechsten Studioalbum von Peter Gabriel. Drei Jahre hat sich der Perfektionist Zeit gelassen, um an seinem Werk zu feilen; doch etwas länger als der Säugling mit seiner Geburt. Während Erstgenannter sich von der späteren Erfolgsgeschichte mit MusicManiac freilich noch etwas entfernt befand, schien sich jene des Letztgenannten gerade jetzt erst so richtig zu entfalten, markierte das 1986 veröffentlichte So doch den ersten wirklichen (kommerziellen) Erfolg in Gabriels langer Karriere.

So verwundert es auch kaum, dass die Erfolgsformel des Vorgängers, Pop und Rock mit Worldmusic-Elementen zu fusionieren, hier weiter forciert wird. Ein Blick auf die schier endlose Liste an Gastmusikern gibt weitere Auskunft.

 

Denn ganz egal, ob man nun den gelungenen Auftritt der indischen Sackpfeife und der armenischen Duduk im Opener hernimmt oder das Arsenal an afrikanischen Percussion-Instrumenten, von einer kargen Instrumentierung kann auf dem nicht minder kurz betitelten Nachfolger Us keine Rede sein. Besagter Einstieg mit Come Talk To Me ist übrigens großartig, das sollte auch der letztjährige (zum Erscheinungstermin dieses Reviews vorletztjährige) Konzertbesuch in der Wiener Statdhalle eindrucksvoll untermalen. Von den Percussions getragen, verdichtet sich diese Komposition in einer eindrucksvollen Atmosphäre zu einem klanglichen Koloss. Überproduziert? Vielleicht. Hätte man das schier ewige Fade-Out komprimieren können? Sicherlich. Dennoch, ein wirklich starker Auftakt des breiten Ensembles und ein hübscher, wenn auch sehr dezenter Gastauftritt von Sinéad O'Connor. Auch ihr zweites Gastspiel auf dem vergleichsweise spärlich arrangierten, aber nicht weniger langen Blood Of Eden gelingt. Unfassbar eigentlich, wie diese vom tränenden Pathos vollgesogene Ballade eigentlich funktionieren kann. Tut sie aber, dafür sorgt ein sehr gewissenhafter Gabriel, dem man die jahrelange Hingabe für ein perfekt produziertes Album längst anmerkt. Im Gegensatz zu vielen anderen Weltschmerzkollegen wirken er und O'Connor hier gefühlvoller und irgendwie glaubwürdiger, daran ändern auch etwas überambitionierte Zeilen mittendrin nicht viel:

 

"I can hear the distant thunder

Of a million unheard souls

Of a million unheard souls

Watch each one reach for creature comfort

For the filling of their holes"

 

Auch abseits von rührender, schmerzbehafteter Zurückhaltung offenbart die sechste Solo-LP noch ein zweites Gesicht. Dann nämlich, wenn Gabriel ins Kriegshorn bläst, den Mitmusikern die Erlaubnis zum Rocken erteilt. Steam gerät zumindest songwritingtechnisch zum legitimen Nachfolger von Sledgehammer, freilich ohne seinem ohnehin nicht gerade perfekten Vorgänger in Sachen Nahbarkeit und Drive Paroli bieten zu können. Dafür sorgt er gerade mit seiner wuchtigen Rock-Sensibilität und den funkigen Bläsern für die erhoffte Abwechslung zur dominanten, gemächlicheren Gangart des Albums. Besser macht es aber Lead-Single Digging In The Dirt, das den schmalen Grat zwischen kraftvollem und gefühlvollem Gesang hält, dazu noch Spannung bieten und auch textlich überzeugen kann ("Something in me, dark and sticky / All the time it's getting strong / No way of dealing with this feeling / Can't go on like this too long").

 

Ich habe es ja indirekt schon einigermaßen vorweggenommen, jene zwei 'Über'-Begriffe, die über die Dauer der LP immer offensichtlicher werden und auf Us Hand in Hand marschieren: 'Überproduktion' und 'Überlänge'. Dass man dem einen oder anderen persönlichen Favoriten für seine überdurchschnittliche Laufzeit bis zu sieben Minuten nicht sonderlich böse sein kann oder will, versteht sich ja von selbst. Wenn man aber immer wieder zwischendrin Langweiler drin hat, die zudem nicht enden wollen, trübt es das Gesamturteil nicht unwesentlich. Hier liegt auch der Hund begraben, der beim überlegenen Vorgänger noch in wilder Ekstase herumgetollt ist. Gerade der über zehnminütige Ballast, der die beiden Alben laufzeittechnisch trennt, in Verbindung mit qualitativen Abnutzungserscheinungen und dem naturgemäß abflachenden Aha-Effekt bringen die LP vom rechten Pfad ab. So persönlich - wie Gabriel selbst das Album bezeichnet - können Tracks wie das unspektakuläre Love To Be Loved mit seinem tiefen Basssound oder das komplett farblose Only Us gar nicht sein, dass man nicht wünschte, sie wären nie geschrieben worden.

Der Rest ist einigermaßen okay, an irgendeinem Aspekt stört sich aber jede Komposition. Meistens ist es die Länge, die die Tracks nach kurzer Zeit in ihrer Spannungsarmut verenden lässt, zudem wirken einige Arrangements doch etwas berechenbar und unflexibel; einfach bis ins letzte Detail durchdacht, mit wenige Luft zum Atmen. Die positiven Ausrutscher heißen da Washing Of The Water und letztlich der würdige Schlusspunkt Secret World, der mit seinen sieben Minuten gemeinsam mit den anderen gelobten Tracks aber erneut schon nach vier, fünf Minuten alles gesagt hat.

 

Sechs Jahre sind vergangen, seit Peter Gabriel mit So seine größte Erfolgsstunde hatte, mit Sledgehammer die Charts und die Musikvideokanäle tyrannisierte. Eine Zeit, in der der Exzentriker nichts dem Zufall überließ, akribisch an seinen Visionen arbeitete. Gebracht hat es ein Album, das so durchdacht wirkt, als dass es sich in einer jahrelangen Studie möglicherweise komplett entfalten könnte, bis dahin möchte man aber nicht warten müssen. Die unnötig in die Länge gezogenen Spieldauern markieren wie so oft den großen Spielverderber, neben einigen sehr starken Tracks lauern aber auch immer wieder enttäuschende Nieten. Us bleibt zwar ein sehr ordentliches Album, den bitteren Beigeschmack einer verpassten Chance auf mehr wird man allerdings nicht so leicht los.