Pearl Jam - Ten

 

Ten

 

Pearl Jam

Veröffentlichungsdatum: 27.08.1991

 

Rating: 8.5 / 10

von Kristoffer Leitgeb, 22.05.2021


Vedder sei Dank, haben die Spätberufenen schon mit dem Debüt ihren Fixplatz unter den Big  4 des Grunge.

 

Wie so viele die Musikwelt und auch den übrigen Globus bestimmende und aufrüttelnde Massenphänomene hatte auch der Grunge eine intensive, eindringliche und nachhallende, aber ultimativ kurze Hochphase. Letztlich waren es nur etwa drei Jahre, in denen zwischen "Nevermind" und "Vitalogy" alles insbesondere auf ein paar Jungs aus Seattle schaute, die sich aus zwei und mehr Jahrzehnten rockmusikalischer Geschichte bedienten, klassischen Rock 'n' Roll, Hard Rock, Punk und College Rock und alles dazwischen Aufgekommene aufsammelten, vermengten und zu einer Revolution machten. Womöglich machte die Intensität und die vereinzelt etwas gar nihilistische Ausprägung des Genres es auch unmöglich, dass es länger in seiner Hochform erhalten bleiben würde. Jedenfalls war zur Mitte des Jahrzehnts, nachdem Kurt Cobain am Ruhm und ihm selbst zerbrochen war, nachdem Alice In Chains sich mehr und mehr Sorgen um ihren Frontmann Layne Staley machen mussten und sich neben so mancher Gegenbewegung gegen die depressionsschwangere Aura des Grunge auch eine gleichzeitige Verwässerung dessen durch immer neue Trittbrettfahrer drohte, so ziemlich vorbei damit. In diesem Sinne waren Pearl Jam, die sich nach ihrem Durchbruch in aller Schnelle von Ruhm und Kommerz zu distanzieren wussten und damit ihren Beitrag zur schwindenden Dominanz des Grunge beitrugen, eigentlich schon fast spät dran, als sie erst 1991 überhaupt auftauchten. Doch die Band rund um Eddie Vedder machte das, was man in so einer Situation dann eben macht: Gleich mit ihrer ersten LP auf dem Höhepunkt einsteigen und die Welt im Sturm erobern.

 

Eventuell, wirklich nur eventuell, würde es sich zur Relativierung dessen doch auch lohnen anzumerken, dass Gitarrist Stone Gossard und Bassist Jeff Ament bereits davor Teil der Band Mother Love Bone waren, die 1990 ein erst nachträglich gefeiertes Album ablieferte und wohl selbst an die Vorfront des Grunge gekommen wäre, wäre deren Frontmann nicht bereits zu früh an einer Überdosis gestorben. Allerdings war da noch keine Rede vom erst verspätet durch die Rekrutierungsversuche der beiden nach Seattle gekommenen Eddie Vedder. Und ohne Vedder hätte das mit dem Aufbau der Legende Pearl Jam ein gutes Stück schwieriger werden können. Denn Pearl Jam ist ohne Zweifel ein vereinnahmender Sound zu Eigen, der mit schwergewichtigen Balladen oder einer Hymne wie Leadsingle Alive genauso den Größen des harten 70er-Rock alle Ehre machen konnte, wie sie mit aller gebotenen Härte und Dynamik am Punk andockten und vor allem auf zukünftigen Alben psychedelische und so manch andere Seiten zeigten. Aber was wäre all das wert, würde nicht inmitten dessen eine der eindrucksvollsten, ausdrucksstärksten Stimmen und gleichzeitig einer der direktesten, offensten und emotionalsten Songwriter des modernen Rock stehen. Insofern geht hier ohne Eddie Vedder rein instrumentell alles, in seiner Gesamtwirkung wäre es aber deutlich weniger.

Der in höchstem Maße unorthodoxen Albumeröffnung mit dem Intro des eigentlichen Hidden Tracks Master/Slave folgt also nach wenigen Sekunden mit Once ein Opener, dessen klangliche Eindringlichkeit, dessen mächtiger Riff und idealer Shift zwischen den treibenden Strophen und dem lauten Ausbruch im Refrain vor allem auch Vedders denkwürdiger Bariton seinen Stempel aufdrückt. Da durchdringt einen in einer Manier, wie man es von einem idealen Einstieg in eine LP und gleich in die ganze Bandkarriere erwartet, selbstverständlich dieser herrliche, gestählte Rock in seiner kompromisslosen Art, zumindest genauso sehr aber auch der leidenschaftlich ins Mikro gebellte Kontrollverlust Vedders:

 

"Once upon a time

I could control mysel

Ooh, once upon a time

I could lose myself, yeah"

 

Der Abstieg in die eine oder andere seelische Untiefe ist damit eingeleitet, wird vor allem in der ersten Hälfte der LP ohne gezeigte Schwäche fortgesetzt. Gleichzeitig erlebt man die Band schon früh dabei, wie sie die möglichen stilistischen Varianten abgrast. Vom wuchtigen quasi-Metal von Easy Flow führt der Weg zu den langgezogenen, hymnischen Refrains von Alive und vor allem dessen herrlichem, an den 60ern andockenden Solo, dann zum merkwürdig funkigen Punk von Why Go und der unerwartet dezenten, emotionalen Ballade Black. Letztere macht auch und vor allem wegen der plötzlich eingebauten Hammond Orgel definitiv den schwierigsten Eindruck in dieser mächtigen Albumhälfte, besticht aber selbst dann vor allem durch Vedders gefühlvollen Auftritt. Jedenfalls kann und will man hier nicht so wirklich durchatmen, weil sich von Mike McCreadys herrlich drückenden Riffs über Aments im Hintergrund geschmeidig dahinrollenden Bass bis zu Dave Krusens wuchtige, hier und da komplett in den Vordergrund drängende Drums und deren vielfältigen Sound zu viel tut, das man verpassen könnte. Und das gilt es zu vermeiden. Wäre das Album nicht an sich so stark gestaltet, könnte man beinahe ein bisschen überfordert werden, wenn man doch gleichzeitig noch Vedders mitreißenden Gesang und insbesondere seine lyrischen Stimmungstiefs mitbekommen möchte. Doch die Band ist meisterlich darin, allem den gebotenen Raum zu lassen, McCreadys Soli in Why Go oder Porch ideal einzubauen, darin auch die Drums prägnant einzusetzen und dann doch wieder im richtigen Moment Vedder alles unterzuordnen.

Man kann dementsprechend anfangs auch nicht danebengreifen, will man sich seine Favoriten herauspicken. Die manische Mordlust von Once - meine bescheidene Wahl - lässt sich da genauso argumentieren wie der wuchtige Blick auf die Obdachlosigkeit, Even Flow, der wütende Blick auf den Psychiatrieaufenthalt in Why Go und insbesondere auch die düster schwelende Erzählung vom realen Selbstmord Jeremy Delles in Jeremy.

 

Erst spät ist es dann ein wenig vorbei mit der Herrlichkeit, wenn das merkwürdige, psychedelisch angehauchte Oceans heranrauscht und mit Vedders langgezogenen "Uuuuhs" ein wenig versandet. Der atmosphärische Bruch kommt abrupt, unerwartet und auch etwas unwillkommen, genauso wie der klangliche Wechsel von der drückenden, atmosphärischen Schwere des übrigen Albums zur sphärisch-schwebenden Szenerie rund um die wuchtigen Timpani-Drums mitsamt Pfefferstreuer als Percussion-Unterstützung. Während direkt darauf das eindringlich punkige Porch wieder in willkommeneres Terrain führt, ist das ein letzter Höhepunkt, der vor dem ruhigeren, gesetzteren Finale folgt. Da trifft man zwar insbesondere mit dem mächtigen Finale von Garden und dessen herausragendem Gitarrenpart noch einmal ins Schwarze, überzeugt aber insgesamt nicht mehr in dem Ausmaß, wie es zu Anfang gelungen ist.

 

Macht aber nichts, denn Überzeugungsarbeit ist zu diesem Zeitpunkt eigentlich gar nicht mehr nötig. Pearl Jam ist gleich mit ihrem Debüt der Schritt an die Vorfront des Grunge gelungen, irgendwo gleich neben Soundgarden und dem personifizierten Gravitationspunkt des gesamten Genres, Kurt Cobain. "Ten" duelliert sich dabei mit "Superunknown" um den Titel als am besten klingende LP dieser Kurzzeitrevolution. Die LP wurde dank möglichst wenig Einflussnahme von außen zu einem derart harmonischen, um nicht zu sagen demokratischen, Sound gebracht, der jedem der Mitglieder Höhepunkte lässt, ohne dass dadurch die Wirkung von Vedders Texten verloren ginge, besser geht es kaum. Dass der kurzerhand zum Frontmann gewordene Eddie Vedder gleichzeitig mit seiner leidenschaftlichen Stimmgewalt ein unglaublicher Trumpf ist, versteht sich von selbst. Zur Perfektion, die dem Ethos des Grunge aber wohl ohnehin kaum gerecht geworden wäre, beziehungsweise einem makellosen Eindruck mangelt es ein klein wenig an der Fähigkeit, den starken Anfang bis zum Schluss durchzuziehen und vielleicht dann doch auch am Song für die Ewigkeit, der einem selbst mit Once nicht so ganz begegnet. Wie man es aber dreht und wendet, ein Klassiker unter den Debütalben ist Pearl Jam auf jeden Fall gelungen.

 

Anspiel-Tipps:

- Once

- Why Go

- Jeremy

- Porch