Paul McCartney - McCartney II

 

McCartney II

 

Paul McCartney

Veröffentlichungsdatum: 16.05.1980

 

Rating: 6 / 10

von Mathias Haden, 11.04.2014


McCartneys verspäteter Beitrag zur Elektrobewegung der späten 70er mündet in ein liebevolles Chaos.

 

Was passiert, wenn sich einer der erfolg- und einflussreichsten Künstler seiner Zeit mit ein paar Synthesizern ins Hinterzimmer verzieht und einfach mal auf die Pauke haut? Fragen wir doch Krake Paul. Wie? Ich meine natürlich Paulchen McC., damals wie heute Songwriter und Wunschschwiegersohn von Weltformat, der scheint sich hierbei auszukennen. Ende des Jahres 1979, nach seinem letzten Album mit den Wings, war es wieder einmal Zeit für den ewig jugendlichen Sänger, dem Zeitgeist zu frönen. Nun also Synth-Pop und New Wave. Auf McCartney II, das zehn Jahre nach seinem ersten Studioalbum erschien, spielt der Altmeister tatsächlich nur alleine. Keine Gastmusiker, keine Ex-Beatles- oder Ex-Wings-Mitglieder, nicht mal Gattin Linda. Das dabei entstandene Resultat teilt noch heute den Macca-Clan.

Dabei ist die zweite Soloplatte eine willkommene Abwechslung zum bisherigen Kanon. Und wer kann Paul, einem Mann, der in der Popmusik schon so vieles gesehen hat, vorwerfen, dass er mal was Neues ausprobiert?

 

Nicht unbedingt überraschend vielleicht, dass da einiges schief läuft. So verkommt besonders die erste Seite zu einer experimentellen Geduldsprobe, auf der der furchtbare Prä-Techno-Ära-Techno-Banger Temporary Secretary den unbestreitbaren Tiefpunkt bildet. Der aufreibende und ungut monotone Beat bringt einen schon im ersten Durchlauf auf die Palme, Sir Pauls Stimme nervt wie nie zuvor (und nie wieder danach) und mit einer Laufzeit von 3:16 wird dem Track die unrühmliche Ehre zuteil, auch ohne Überzeit viel zu lang rüberzukommen.

Dazu reihen sich noch das mühsame, zum Mitstampfen animierende, Nobody Knows, mit dem Ex-Walross (mit ein paar Beatles-Vorkenntnissen ist man auf MusicManiac nie schlecht beraten) Pauly die Begriffe 'Retro' und 'Rock' irgendwie einbringen möchte und ein bisschen überflüssiger Schwachsinn in Form von Bogey Music, zu dem ich mich an dieser Stelle nicht unbedingt äußern möchte (Kommentare sind wie immer erwünscht, an einer Diskussion würde ich mich ohne zu zögern beteiligen. Nein wirklich, auf gehts!)

 

Aber auch unter den zahlreichen Elektronikprodukten finden sich einige starke Momente. Opener und Lead-Single Coming Up kombiniert gekonnt einen hypnotischen Rhythmus mit dem starken Zusammenspiel von Keyboards und Gitarre, die beiden Instrumentals Front Parlour und Frozen Jap tun ihr Übriges und zeigen Synthpop in seiner sympathischsten Form, hören sich zudem immer noch überraschend zeitlos und unverbraucht an.

Die restlichen Experimente sind nicht weiter erwähnenswert, schwanken von banalen Spielereien bis hin zu hübschen Skizzen (Summer Day's Song sei hier noch positiv vermerkt).

 

Seine besten Momente hat das Album aber wie erwartet dann, wenn sich Sir McCartney hinters Mikro schwingt, die Elektronikabteilung auf ein erträgliches Ausmaß runterschraubt und seine einzigartige Stimme ohne Stimmverzerrer oder drückende Synthie-Arrangements mit dem Publikum teilt. Auf der ersten Seite ist es das melancholische Waterfalls, auf dem Macca gemeinsam mit seinem E-Piano zur Höchstform aufläuft und die ansprechendsten Zeilen abliefert:

 

"And I need love

Yeah, I need love

Like a second needs an hour

Like a raindrop needs a shower

 

Yeah, I need love

Every minute of the day

And it wouldn't be the same

If you ever should decide to go away"

 

Ja, ich weiß, ein bisschen viel Text. Und von poetischer Virtuosität auch weit entfernt? Stimmt auch, mehr gibt die LP in textlicher Hinsicht aber nicht her, darauf ist sie nun mal in keiner Sekunde bedacht. Ach ja, den Höhepunkt der zweiten Seite stellt ebenfalls eine Ballade dar. One Of These Days heißt sie und spielt erneut die großen Stärken des Protagonisten aus: Eine hübsche Melodie und viel, viel Gefühl. So kennen und lieben wir unsere Koryphäe schon seit mittlerweile 50 Jahren.

 

McCartney II ist auf keinen Fall ein Pionierwerk. War David Bowie den aufstrebenden Trends immer so dicht an den Fersen, dass er selbst als Visionär galt, so ist Macca den Synthhelden von Kraftwerk oder Suicide mit seinem zweiten Solostück meilenweit hinterher. McCartney II ist auch kein Album, das aus der Paul'schen Albumsammlung qualitätsmäßig heraussticht. Zu wenig packend einige der Melodien, zu wenige Songs, die für sich genommen einen positiven Eindruck vermitteln und ein Konzept, in dem die einzelnen Tracks wie zufällig durcheinander gewürfelt aufeinandertreffen und alles andere als ein homogenes Gesamtbild vermitteln. Aber genau das ist es letztendlich, was den Reiz auf diesem Album ausmacht: dieses liebevolle Chaos mit seiner 'Nehmt mich nicht Ernst'-Attitüde (man munkelt ja, er wurde zu der Veröffentlichung der LP von Freunden überredet).

 

Allzu negativ fällt das Gesamturteil dann ja gar nicht aus, böse sein kann man dem guten alten Paul für seine Eskapaden ja ohnehin nicht. Übrig bleibt somit ein Album, das man als McCartney-Fan natürlich unbedingt braucht, als Musikliebhaber und Pop-affine Seele zumindest gehört haben sollte und als gelangweilter Leser genauso gut ignorieren kann wie meine zahlreichen Spitznamen für Great Britain's beliebtesten Poeten. Amen!

 

Anspiel-Tipps:

- Waterfalls

- Frozen Jap

- One Of These Days