Nina Hagen Band - Unbehagen

 

Unbehagen

 

Nina Hagen Band

Veröffentlichungsdatum: ??.??.1979

 

Rating: 6 / 10

von Kristoffer Leitgeb, 13.05.2021


Immer noch schrill, abenteuerlustig und voller Ideen, nur mit deutlichen Fokus- und Harmonieeinbußen.

 

Andere Menschen sind schwierig. Nun würden diese anderen Menschen wohl selbiges über mich behaupten, nur bin ich da fein raus, weil ich ja zuerst gesagt habe, dass die schwierig sind und deswegen ist deren Urteil mit Vorsicht zu genießen. So funktioniert die Logik. Oder der Debattierclub. Oder die Politik. Würden wir aber für einen Moment von der klarerweise absurden Annahme ausgehen, ich wäre schwierig, hätte ich immerhin etwas gemeinsam mit Nina Hagen. Je nach Blickwinkel ist das jetzt etwas Gutes oder Bedenkliches, bemerkenswert ist es aber jedenfalls. Wobei sich niemand und also auch ich nicht damit rühmen sollte, annähernd so schwierig zu sein wie die Godmother of Punk Deutschlands, deren Leben eines voller Provokationen, gekränkter Egos und kognitiver Irrungen und Wirrungen zu sein scheint. An die kommt dahingehend kaum einer heran. Nina Hagen ist es nun gelungen, ihre Verschrobenheit, ihren Hang zu Exzentrik, Ausgefallenheit und dann doch manchmal Irrsinn über die Jahrzehnte zu einer fast schon geschützten Marke werden zu lassen. So ganz reibungslos ist das allerdings nie abgegangen. Auch nicht zum Abschluss der 70er, als sie mit tatkräftiger Hilfe ihrer Nina Hagen Band auf dem künstlerischen Höhepunkt angelangt war und doch höchstselbst zum Bombardement dessen ansetzte.

 

Nun ist die Entstehungsgeschichte von "Unbehagen", der durchaus erfolgreichen und aufmerksam rezipierten, aber eben auch letzten LP der Band, auch eine voller Irrungen und Wirrungen. Irgendwo zwischen sehr unterschiedlichen Haltungen zum gemeinsamen Touren, amourösen Geschehnissen in der Band, Drogen, Eifersüchteleien rund um Hagens mediale Überpräsenz und dem gespannten Verhältnis zum Label CBS zerbrach das, was mit einem self-titled Album deutsche Musikgeschichte geschrieben hatte. Nur der bestehende Vertrag und daraus resultierende Verpflichtungen führte dazu, dass nicht alle ihrer Wege gingen, sondern doch noch einmal die bereits während der vorangegangenen Tournee erprobten Songs gemeinsam einspielten. Gemeinsam ist dabei auch so eine Sache, denn musikalisch ist "Unbehangen" so ziemlich zur Gänze das Werk jener Männer, die hinter Hagen agierten und später als Spliff von sich reden machten. Textlich und gesanglich wiederum herrschte Hagen unumschränkt. Aufnahmen fanden dadurch zwar entgegen ursprünglicher Pläne schon im gleichen Studio, aber in keiner als gemeinsam zu bezeichnenden Art statt.


Na, jedenfalls war man immer noch kreativ, brachte einen Haufen Ideen und musikalischer Einflüsse vom Jazz über den Punk und Rockabilly bis zu Reggae mit. Das Ergebnis ist in puncto Vielfalt dem imposanten Debüt mindestens ebenbürtig, ist wohl in seinen stilistischen Ausflügen sogar noch kompromissloser. Anders ließe sich ein Opener wie African Reggae, der ganz unverblümt vom ersten Ton an mit tiefem Bass und kratzig-hellen Riffs nur Reggae und Dub im Blick hat, gar nicht erklären. Das klangliche Gemisch, das da von Herwig Mitteregger an den Drums und Manfred Praeker am Bass genregerecht angetrieben, gemächlich dahintrabt, verträgt sich überraschend gut mit Hagens Gesang zwischen punkiger Angriffigkeit, abgehacktem beinahe-Rap und operettenhaften, schrillen Ausritten. Und es lässt Platz für sehr ausgedehnte Instrumentalpassagen, in denen Hagen gar keinen Platz mehr hat, stattdessen das Keyboard ein bisschen davonspaziert, sphärisch verhallende Riffs die Szenerie dominieren oder zum Schluss plötzlich Bläser Einzug halten. Das macht Eindruck. Und es unterhält.

 

Es zeugt aber auch von einer irgendwie spürbaren Imbalance auf diesem Album. Nun ist es nicht so, dass Hagen zwangsläufig isoliert wirken würde, doch die Überfülle an musikalischen Eindrücken macht ein harmonisches Miteinander, in dem sowohl für die kreativen Köpfe hinter ihr als auch für ihre eigene Exzentrik ausreichend Platz wäre, fast unmöglich. Lediglich ein verhältnismäßig straighter Schwenk in Richtung des theatralischen Hard Rock mit Alptraum klingt so, als wäre hier fokussiert einer spezifischen Idee nicht nur für den Song, sondern die Band als Ganzes entgegengearbeitet worden. Entsprechend wenig ausgefallen mutet der Track an, macht aber auch mit den rundesten, fertigsten Eindruck und ist trotz seiner relativen Geradlinigkeit genauso ein Beweis für die Fähigkeiten der mitproduzierenden Band, ihre Instrumente bestmöglich in Szene zu setzen.

Abseits davon fühlt sich das Album nicht wie der Vorgänger wunderbar eklektisch und variantenreich an, sondern eher zerrissen. Der Unterschied ist zwar kein gewaltiger, aber ein wichtiger. Denn dass man sich in kurzen Abständen der Liveversion des Schlager-Covers Wenn Ich Ein Junge Wär..., dann der von Stilsprüngen geprägten Tour de Force Hermann Hiess Er und wenig später dem plumpen, sinnlos wirkenden Punk von Wau Wau hingibt, ergibt eher kein großes Ganzes.

 

Exakt zu destillieren, woran es liegt, dass das, was ein Jahr davor als beeindruckende Vielseitigkeit angekommen ist, hier eher Schwierigkeiten macht, ist schwierig bis unmöglich. Doch es mangelt eindeutig an Tracks, die ähnliche Spuren hinterlassen wie Auf'm Bahnhof Zoo oder Der Spinner. Nach dem gewöhnungsbedürftigen, nach mehreren Durchläufen verlangenden Start mit African Reggae, der irgendwann doch zum Albumfavorit mutiert, und dem die Erwartungen erfüllenden Alptraum verendet man dann eher in stark inszenierter, stark produzierter, aber leider nahezu wirkungsloser Mäßigkeit. Hermann Hiess Er beispielsweise mag mit seinen erratischen Wechseln zwischen Hard Rock, sphärisch schwebendem Synth Rock und gar einer theatralisch Spoken-Word-Passage Hagens ein gut gewähltes Sinnbild für den besungenen Drogenkonsum sein. Eine Laufzeit von sechseinhalb Minuten rechtfertigen dabei jedoch weder die sich wiederholenden Stilsprünge noch Hagens gewohnt effektvoller, aber dann doch zu spärlicher Text, sodass man einen guten, aber keinen herausragenden Song erlebt.

 

Womöglich ist jedoch noch wichtiger, dass bei einer recht mageren Tracklist von nur neun Kompositionen zu viel wirkt, als könnte man auch ganz gut darauf verzichten. Gerade so etwas wie Wenn Ich Ein Junge Wär... oder der musikalisch ähnlich gelagerte, an die 50er und 60er andockende Rock 'n' Roll von Fall In Love Mit Mir oder auch das abschließende Instrumental No Way sind prädestiniert dazu, einem als ausgefallene, exzentrische Happen aufzufallen, die mit Sicherheit die vielen Varianten der Band aufzeigen, aber für sich genommen kein großer Genuss oder sonderlich gehaltvoll sind. Deswegen bleibt es an Auf'm Rummel, als schriller Klavier-Rocker, der Hagen eine hier seltene, wirklich gelungene Hauptrolle zugesteht, den positivsten Eindruck dieses nach den ersten zwei Songs gekommenen Rests zu hinterlassen.

 

Zugegebenermaßen, die sieben Kompositionen einfach so als Rest abzutun, ist in zweierlei Hinsicht etwas ungerecht. Einerseits sind die eröffnenden Tracks nicht so überragend, dass sie sich gewaltig abheben würden, andererseits das Darauffolgende nicht schlecht. "Unbehagen" wirkt aber trotz eines Überflusses an Ideen und verarbeiteten Einflüssen, der an sich locker mit dem Debüt der Band mithalten kann, doch unweigerlich weniger harmonisch, inhaltlich weniger schlüssig und konsequent. Ohne wirklich mit dem Finger darauf zeigen zu können, ist da etwas - oder ist da irgendetwas eben nicht mehr -, das diese LP im Vergleich blasser und unspannender wirken lässt. Einziger überdeutlicher Makel sind die Texte, die markant an Gehalt verloren haben und nirgendwo an die Höhepunkte des Vorjahres heranreichen. Alles andere ist in der Theorie mit ähnlichen Vorzügen ausgestattet und dennoch nicht annähernd so effektiv.

 

Anspiel-Tipps:

- African Reggae

- Alptraum

- Auf'm Rummel