Neko Case - Middle Cyclone

 

Middle Cyclone

 

Neko Case

Veröffentlichungsdatum: 03.03.2009

 

Rating: 7 / 10

von Mathias Haden, 09.09.2014


Auf Mission für Mutter Erde - Neko Case zelebriert in gewohnt souveräner Manier den neuen Terminus 'Nature-Pop'.

 

Jeden Abend, bevor ich ins Bett steige, richte ich mich noch einmal an Gott (oder wer auch immer sich dafür interessiert) und bete dafür, dass es doch bitte noch andere Frauen wie Neko Case gibt. Legt man die tückische Brille der Bewunderung beiseite, ist Case zwar nur eine überdurchschnittliche Songwriter- und Sängerin aus dem hübschen Kanada, noch nüchterner betrachtet kann man aber gar nicht so vermessen sein, ihr den Status als eine der größten Sängerinnen ihrer Generation zu verwehren. Denn hinter dem sympathischen Rotschopf befindet sich ein Riesentalent, das als Mitglied von u.a. den New Pornographers und auch 'Solo' tolle Alben aus dem Hut zaubern konnte. Der letzte große Geniestreich gelang 2006 und heißt Fox Confessor Brings The Flood.

Drei Jahre sind ins Land gezogen, mit Middle Cyclone steht der logische Nachfolger in den Regalen. Ein bisschen weiter in Richtung Popmusik, mit Country per se hatte Case ohnehin nie allzu viel zu schaffen, auch wenn der nutzlose Begriff 'Alternative Country' da stets gerne Pate stehen darf, wenn einem der nicht unwesentlich akkuratere 'Americana'-Begriff zu schwammig definiert erscheint. Aber lassen wir das obligatorische Genregeschwafel, das fünfte Album von Fräulein Case ist also ein wenig zugänglicher als zuvor. Die größten Waffen: ein paar großartige Melodien und ihr beeindruckendes Organ, die nimmermüde Backingband möchte man hier auch nicht unerwähnt lassen.

 

So kommt man auch nicht herum, bei beschwingten Nummern wie This Tornado Loves Me oder Single People Gotta Lotta Nerve mit seinen jangligen Gitarren und ihrem wohl pop-lastigsten Refrain ("I'm a man-man-man, man-man-man eater / But still you're surprised-prised-prised when I eat ya") mitzuwippen, wenn die vielseitige Truppe mit hoher Drehzahl voran marschiert. Gegen die Pop-These spricht, zwar in abgeschwächter Form, aber wie schon am grandiosen Vorgänger, dass sich die eigenwillige, stets bestimmte Protagonistin nach wie vor mit Händen und Füßen gegen die gängigen Songstrukturen zu wehren versucht. Trotz der einladend eingängigen Melodien sucht man in seiner gewohnten Naivität teilweise vergeblich nach wiederkehrenden Songpassagen, nur um den Tracks in den überraschend früh einsetzenden Fade-Outs ratlos nachzurätseln.

Das ändert allerdings nichts an der vorhandenen Qualität der insgesamt 15 Stücke. Souverän agiert die Chanteuse, trägt auch jede noch so lauwarm geschriebene Komposition mit natürlicher Grazie und die befreundeten Musiker tun ihr übriges. Aus acht Pianos, die sie vor der Müllhalde bewahren konnte, formt die kreative Case ein Pianoorchester, das u.a. dem sanften Cover Don’t Forget Me eine angenehme Stimmung verleiht. Große Momente finden sich zuhauf, ob auf den wunderschönen Magpie To The Morning oder Fever, auf denen Case das Glas auf die große Kunst des Songwritings hebt oder bei dem packenden, spannend aufgebauten Red Tide, auch das bizarre The Pharaohs und der sehnsüchtige Titeltrack ("It was so clear to me / That it was almost invisible / I lie across the path waiting / Just for a chance to be / A spider web trapped in your lashes") liefern tolle Minuten. Überdies verleiht sie auch der alten Sparks-Nummer Never Turn Your Back On Mother Earth frische Energie, macht ihn sich zu Eigen und fügt ihn in das dankbar omnipräsente Naturkonzept ein.

 

Dazu schummeln sich aber doch einige weniger ansprechende Stücke. Besonders bitter ist sowas immer, wenn gerade die größten, in diesem Falle längsten, Früchte die fauligsten sind. Prison Girls ist keineswegs schlecht oder nur nahe dran, siecht aber als einziger Track (mit Musikbezug) über der Vierminutengrenze in seiner Düsterheit reichlich unspektakulär dahin. Was es mit dem halbstündigen Closer und Naturstudie Marais la Minuit, das Case neben der Farm, in der sie die Aufnahmen zum Album machte, auf sich hat, dazu später mehr. Leider kann Case die textliche Konstanz des Vorgängers nicht auf ihr fünftes Soloalbum retten. Neben den Perlen, die man der LP nicht absprechen kann, finden sich auch immer wieder kleine, harmlose Schwachstellen. Dazu fallen mir noch das unspektakuläre The Next Time You Say Forever, das den erwünschten Effekt des Berührens nicht ganz erzielen kann und bei seinen Ambitionen verharrt, oder I'm An Animal, auf dem Case das ganze Naturkonzept etwas überspannt. Zudem gerät das Album auf volle Spielzeit insgesamt etwas moralinsauer. Zu oft zieht Case den besagten Vergleich zwischen Mensch und Tier, zu oft gibt sie sich als heroischer Ökofritze auf Missionarstour, das merkt man schon am genialen Cover mit dem Schwert in der Hand. Gut gemeint freilich, ein bisschen dezenter könnte das aber schon sein.

 

Mit Middle Cyclone geht Neko Case den Weg des Vorgängers weiter und liefert sowohl ihr popfreudigstes, als auch naturbezogenstes Werk ab, erfindet quasi einen neuen Terminus 'Nature-Pop'. Der Albumtitel macht sich alle Ehre, so ziehen die Tracks wie kurze Hurricanes an einem vorbei, offenbaren ihre Schönheit nicht sofort. Ihr ökologisches Bewusstsein intoniert sie in ihrer unverwechselbaren, stets unter die Haut gehenden Stimme, auch als Textschreiberin kann man Großteils mit ihr zufrieden sein. Somit zeigt der Daumen trotz leichter Unstimmigkeiten und einem, dank Bono lästig anmutenden, Thema nach oben. Luft nach oben hat die Braut allemal, das wissen wir nicht erst seit dem Fox Confessor.