Kaiser Chiefs - Off With Their Heads

 

On The Corner

 

Miles Davis

Veröffentlichungsdatum: 11.10.1972

 

Rating: 7 / 10

von Daniel Krislaty, 07.06.2014


Das Licht der Revolution wirft nun mal den Schatten der Kontroverse.

 

Als einer der größten Verkaufsflops in Davis’ riesigem Albumkatalog wird On the Corner heute in der Retrospektive einiger Nicht-Jazz-Kreise als eine seltene und vor allem einflussreiche Perle der unüberschaubaren Weiten der 70er betrachtet. Doch wie so oft bei visionären Werken wurde dies zur Zeit der Veröffentlichung konsequent übersehen und erst später, als der Hip-Hop und elektronische Musik Jahre und Jahrzehnte später auf dem Vormarsch waren, zum fundierten Musikwissen umgemünzt. Plötzlich galt es dem innovativen Mix aus akustischen und elektrischen Klängen sowie dem stark aufdringlichen Offbeat bejahend zu applaudieren.

 

'Deckel drauf, und am besten nie wieder einen Gedanken daran verschwenden', war hingegen mein erster Impuls, denn ich fühlte mich betrogen. Wer nach einer adäquaten Jazzplatte für Zwischendurch sucht und dabei bedenkenlos zum wohl bekanntesten Genrevertreter schielt, dem muss man hiervon dringlichst abraten. Vielmehr gleicht On the Corner nämlich - so viel sei verraten - einem gleichzeitig verstörenden wie faszinierenden instrumentalen Overkill, als einem Jazzalbum im traditionellen oder sonstigen Sinne. Es sollte daher einen präventiven Aufkleber geben, der rechtzeitig vor Kauf darauf hinweist: 'Vorsicht, kein leichter Tobak.'

 

Auf On the Corner, Titeltrack und Opener zugleich, kaschiert Davis mit einer Handvoll diskreter Trompeteneinlagen noch das Fehlen anderer konventioneller Jazzelemente wie einen gewissen Bezug zur Blues-Melodik und macht bereits früh klar, dass die hypnotische Drum and Base-Sektion uneingeschränkt treibende Kraft im Gesamtkomplex darstellt. Unter der Oberfläche der sehr beherrschenden Rhythmik schichten sich Bongos, Tablas und die auf der gesamten Platte omnipräsenten Synthesizer. Diesem Stil bleibt das übergangslose New York Girl treu, wird jedoch von John McLaughlins dominierender elektrischer Gitarre an Stelle von Davis' Trompete dirigiert.

 

Weiter aus ein und demselben Guss folgen Thinking One Thing and Doing Another sowie Vote For Miles, in denen auch mit den kompromisslosen Experimenten diverser Percussions - von Xylophon bis Glockenspiel - die Grenzen des zu bemitleidenden Tonstudios und des noch Ertragbaren gleichsam auf eine harte Probe gestellt wurden. Zusätzlich schummelt sich bei Letzterem der angenehme Lichtblick eines fantastischen Saxophon-Solos von Dave Liebman auf die Aufnahme und setzt als Klimax der bisherigen vier Titel, welche vernetzt aus einem Auftritt stammen, einen ersten Schnitt.

 

Zeit zum Luftschnappen bleibt aber kaum. Sofort führen Trommeln, Pfiffe und klatschende Hände in ein psychedelisches Umfeld ein, welches von der bisher bloß im Schatten anderer Instrumente stehenden indischen Sitar entscheidend geprägt wird und auf den Namen Black Satin hört. Davis' Trompete dringt nun wieder klarer durch das zuvor bereits sehr stark verdichtete Dickicht wilder Klangfarben, bevor der funkige Track mit dem rein akustischen Zusammenspiel aus Bongo und Sitar ein unerwartetes wie interessantes Ende findet. Einnehmende basslastige Rhythmen kennzeichnen One And One, dem abermals ein freies Saxophon - hier gespielt von Carlos Garnett - als 'Sänger' zur Seite gestellt wird. Auch Herbie Hancock am Klavier setzt einige kleine aber feine Ausrufezeichen, während die beständigen afrikanischen Trommeln, der beharrlich taktignorierende Schelleneinsatz und schließlich die ewig selben Cymbal-Abfolgen am Schlagzeug das Gerüst bilden.

 

Nicht gleich aber zumindest nah verwandt mit Vorherigem fährt Helen Butte ein wüstes Durcheinander auf, bei dem die Orgel sowie Trompete im Verlauf der Improvisation, welche bis zum Mittelteil das Tempo ordentlich anzieht, die Dominanz des Pianos sowie Saxophons brechen. Schlussendlich verabschiedet sich Stück für Stück ein ums andere Instrument bis erneut bloß Bongos, Tamburin sowie Tablas übrig bleiben und ungeschnitten in die neuen Dimensionen von Mr. Freedom X einführen. Hier baut der sehr hölzerne Klang einiger Trommeln mithilfe des nun isolierten Cellos Spannung auf, bevor scheinbar jedes tonangebende Blas-, Zupf- bzw. Schlaginstrument der Produktion noch ein letztes imposantes Mal seine Runden dreht und Schluss ist.

 

Schlaflose Nächte und lästige Kopfschmerzen plagen mich heute wie damals, wenn ich dem Album zu viel Laufzeit schenke und doch komme ich nicht um diese gewisse Grundfaszination, die On the Corner zweifelsfrei ausstrahlt. Ein Album, dem allenfalls ein Lied - nämlich Black Satin - als irgendwie mögliche Single ausrutscht und so keck auf jegliche Konventionen wie den Hauch einer inneren Ordnung pfeift. Der abenteuerliche Versuch eine passende Genrebezeichnung zu finden, gleicht hier bestenfalls einem schlechten Witz.

 

Miles Davis' erklärtes Ziel war es, die afro-amerikanische Jugend wieder für sich zu gewinnen und eine Art 'schwarzes Bewusstsein' zu initiieren. Denn obwohl nur kurze Zeit davor erschienene und ebenfalls subversive Platten wie Bitches Brew oder In a Silent Way in der heutigen Musikwelt über jeden Zweifel erhaben sind, litt der alternde Trompeter und die Disziplin im Allgemeinen unter der Sinnkrise stetig abnehmender Popularität und Bedeutung selbst innerhalb der eigentlich jazzaffinen schwarzen Schicht. Sowohl Funk-Pioniere wie Sly and the Family Stone als auch allen voran Rockbands wie die Rolling Stones, Led Zeppelin oder davor die Beatles waren US-weit tonangebend, und Jazz-Charakteristika bestenfalls als Randerscheinung derer Lieder in den Radios zu hören. Eine Tatsache, an der auch hiermit nichts zu ändern war.

 

Demnach entsprach das radikale On the Corner zwar keinesfalls den großgesteckten Ambitionen, den Karren eines gesamten, so weitläufigen Genres unmittelbar aus dem Dreck zu ziehen, doch offenbarte dafür ein neues Level an Vielschichtigkeit bzw. Wahnsinn und strapazierte die Dehnbarkeit des Jazz-Begriffs noch weiter als Miles Davis' angesprochene Vorreiter zuvor. Folglich bin ich allerdings davon überzeugt, dass eine bewusste Entscheidung für dieses avantgardistische Album und seine Andersartigkeit eine entscheidende Rolle in der letztendlichen Ansicht darüber einnimmt, weshalb an dieser Stelle nochmals vorausgeschickt werden sollte: Vorsicht, kein leichter Tobak!

 

Anspiel-Tipps:

- On The Corner

- Vote For Miles

- Black Satin