Maroon 5 - Hands All Over

 

Hands All Over

 

Maroon 5

Veröffentlichungsdatum: 21.09.2010

 

Rating: 7.5 / 10

von Kristoffer Leitgeb, 31.05.2014


Ein erfrischend langlebiger Mix aus Pop, Rock, Funk und R'n'B. Maroon 5 sind besser in Form denn je.

 

Kaum zu glauben. Das mir das noch passiert. Gerade mir. Ja, ich komm schon auf den Punkt. Tatsache ist: Ich darf den Begriff 'zuckriger Pop' tatsächlich mal als positives Label verwenden. Nun hab' ich es für gewöhnlich nicht so sehr mit saccharingetränktem Mainstream-Gedudel, aber manchmal, da flutscht es eben doch wie bestens geölt. So geschehen 2010 bei den Kaliforniern rund um Adam Levine, die mir ohnehin nie so unsympathisch waren wie wohl vielen anderen, die hier vorbeischauen. Dass gerade ihre beste LP auch gleichsam ihre erfolgloseste war, es liegt nicht an mir. Denn dieser gelungene Mix aus banalem Synth-Pop, lockerem Rock und einer ordentlichen Portion R'n'B offenbart weit weniger Schwächen, als der geneigte Pop-Feind zu sehen glaubt.

 

Viel läuft also richtig. Und das, obwohl Levine erstmals keinem großen Idol, weder Stevie Wonder noch Prince, nachjagt. Und noch nicht einmal eine zerbrochene Beziehung gibt's als Inspirationsquelle. Pop der Marke 'ganz belanglos' ist es aber dann doch nicht. Denn das, was die Band auf dem Debüt zu trocken und auf dem Nachfolger zu aufgeblasen und gespielt cool bieten wollte, ist hier beinahe durchgehend im Einklang. All die Einflüsse, die Maroon 5 ausmachen, finden sich hier und sie scheinen gut ausbalanciert, von Produzent 'Mutt' Lange bestens in Szene gesetzt und schlicht ansprechend vorgetragen. Das beginnt mit dem rundum starken Dance-Pop vom Trennungsopener Misery, dessen Funk-Riff und einfacher Beat rasant ins Ohr finden. Ein Beweis für die ewige Hitschleuder, die das Quintett ist und wohl auch bleiben wird, zudem aber auch ein Beleg für den unaufdringlichen Charme der LP.

 

Apropos Charme. Gut, jetzt könnte ich ein halbes Dutzend Tracks hernehmen, um gekonnt fortzusetzen. Denn es klappt die Soul-Ballade Never Gonna Leave This Bed, der synthiebeladene Funk-Rock von Give A Little More oder der unglaublich eingängige Pop von Stutter. All das markant glatt produziert, auf Adam Levines omnipräsentes und bereits bestens bekanntes Falsetto als Markenzeichen getrimmt und mit einer eindeutigen Dominanz für Jesse Carmichael, der mit seinem Keyboard und den Synthesizern zwar nirgendwo daran denkt, einen Track zu erdrücken, bestimmen will er sie aber trotzdem. Aber, wenn's klappt, soll mir das Recht sein. Begünstigt wird das dadurch, dass Matt Flynn nur so prädestiniert für diese simplen Drumperformances wirkt und damit den Rest der Band vor sich hertreibt und Gitarrist Valentine zwar nur dezent, aber in Songs wie Give A Little More, Misery oder Get Back In My Life doch glasklar dem Funk zu huldigen weiß, wenn er im Hintergrund an seinen sechs Saiten zupft.

 

Genug Zucker in den Hintern geblasen - vorerst. Zumindest zwei Mal kommt den Kaliforniern nämlich doch ein Tiefschlag aus. Es sind die eigenwilligsten Nummern hier, die gerade nicht aufgehen. Zum einen hätten wir den Titeltrack Hands All Over, der als merkwürdige Funk/Hard Rock-Mischung zu punkten versucht, dabei aber ähnlich gekünstelt sexy wirken will wie Wake Up Call, Single vom Vorgänger. In seiner Trägheit ist er stattdessen sehr zäh, wirkt für die LP zu laut, zu unterkühlt und ist auch für Levine nicht die beste Bühne. Noch mieser gerät der Albumabschluss. Mit dem Gastauftritt der Country-Popper von Lady Antebellum gerät Out Of Goodbyes zu einer Vorstellung, der die Begriffe Kitsch und Langeweile nicht vollends gerecht werden. Nun finden ebendiese Eigenschaften ohnehin im Universum von Maroon 5 hier und da ihren Platz - der Kitsch ist für Viele wohl sowieso überall in ihren Songs versteckt -, da braucht's also nicht noch schlechte Unterstützung aus dem ganz schmalzigen Sektor.

 

Dass hier Balladen auch in gut vertreten sind, bestätigen aber nicht nur Never Gonna Leave This Bed, sondern auch How und Just A Feeling. Beide sind schwere Brocken für alle, die sich nicht als unverbesserliche Romantiker bezeichnen. Der Rest der Welt kann darin aber wahrscheinlich zwei ordentliche Keyboard-Popsongs sehen, denen zwar vor allem Levine mit seiner dramatischen Performance keinen Dienst erweist, die aber nichtsdestotrotz in ihrer Vorhersehbarkeit ein gerüttelt Maß an Emotion mitbekommen haben. Den Volltreffer sparen sie sich aber lange auf: Runaway heißt er und kombiniert all das, was davor in zehn Songs geboten wurde. Als atmosphärische Mid-Tempo-Nummer wird da erfolgreich die Brücke zwischen anziehendem Beat, Ohrwurm-Refrain und dem nötigen Gefühl geboten. Während hier von Seiten der Gitarren endgültig der Weg in Richtung Minimalbeitrag angetreten wird, übernehmen ein starker Keyboard-Part, die gute Bassline und insbesondere ein großartig auftretender Adam Levine die Aufgabe, für einen Glanzmoment zu sorgen.

 

Ich warte da nicht auf breite Zustimmung. Überhaupt ist bei Maroon 5 wenig gülden, wenn man denn den Musikkenner fragt - ich hab eine Ausrede: Ich bin keiner. Zumindest silberne Momente gibt's aber hier doch zuhauf zu hören. Mit einer Ruhe und Routine spielen die Jungs ihre Stärken gekonnt aus. Die liegen auf "Hands All Over" mehr denn je bei Sänger Levine, aber auch in einer beinahe universalen Treffsicherheit, was das Gleichgewicht unter den Bandmitgliedern angeht. Keiner dominiert, keiner geht unter, das Gesamtpaket kann sich dementsprechend sehen lassen. Kleine Baustellen gibt es oft, egal, ob es jetzt die übertrieben schmalzige Musik ist oder manch gar banale Zeile, aber mit ihren eingängigen Melodien und der detailverliebten Produktion (alles was man hören will, hört man hier) fährt die Band durchwegs gut.

 

Nicht überragend. Zumindest nicht immer. Selbst wenn aber nur drei, vier Songs wirklich großartig wirken, ist es das hohe Durschnittslevel dieser LP, das sie zum Erfolg werden lässt. Sieht man von fehlgeleiteten Trip in Richtung Hard Rock und Country ab, scheint wenig zu meckern an der bandeigenen Fusion von Pop, Funk und R'n'B. Kleiner Tipp zum Schluss: Wer klug ist, umschifft den Megahit Moves Like Jagger und holt sich die Originalversion von "Hands All Over". Dann steht dem Hörvergnügen nichts mehr im Weg.