Mando Diao - Infruset

 

Infruset

 

Mando Diao

Veröffentlichungsdatum: 31.10.2012

 

Rating: 6 / 10

von Mathias Haden, 31.08.2017


Vertonte Gedichte im zeitlichen Vakuum zwischen Europaruhm und Synth-Madness.

 

Es gehört schon einiges dazu, am Zenit seiner Karriere den kommerziellen Suizid in Erwägung zu ziehen und ihn dann letzten Endes auch zu begehen. In der Pop-Musik freilich ein Kavaliersdelikt, wie einige zu modernen Mythen gewordene Fälle nur allzu gerne belegen. Sofort denkt man hier z.B. an Lou Reed, dessen Platten sich anfangs der 70er immer besser verkauften, der sich daraufhin allerdings frustriert zu einem seiner legendäreren Zitate hinreißen ließ "It seems like the less I'm involved with a record, the bigger a hit it becomes. If I weren't on the record at all next time around, it might go to Number One." Interessiert daran, endlich die Spitze der Charts zu erreichen, war der ewige Querulant dann aber doch nicht, stattdessen präsentierte Reed mit Metal Machine Music sein berüchtigtes Avant-Garde-Werk - ein Album, das wir uns hier hoffentlich in naher Zukunft vom geschätzten Kollegen erhoffen dürfen. Aber genug von Reed, es dürfte mittlerweile nämlich klar sein, worauf ich hinaus will. Auch die Schweden von Mando Diao hatten ihren vorläufigen Höhepunkt erreicht, als Hit-Single Dance With Somebody Europas Clubs eroberte und auch die dazugehörige LP Give Me Fire! zum Bestseller avancierte, während Unplugged- und Greatest Hits-Scheiben diesen Status weiter untermauern sollten.

 

Als die Band dann ins Studio zurückkehrte, war man entgegen aller Erwartungen - besonders, wenn man sich Mando Diaos Entwicklungen und Anbiederungen der letzten Jahre ansieht - offensichtlich der festen Überzeugung, nicht den Millionen versprechenden Erfolgspfad weiterzumarschieren, sondern - jetzt wird's dick - Gedichte des schwedischen Poeten Gustaf Fröding, dessen Todestag sich gerade zum 100. Mal jährte, zu vertonen und diese musikalisch passend einzubetten. Natürlich auf Schwedisch. Und obwohl sich das nach einem von Frödings Gedichten Infruset getaufte sechste Studioalbum in der Heimat als richtiges Brett in der Hitparade herausstellen sollte, geht fett Kohle im großen Rahmen scheffeln natürlich anders.

 

Immerhin hören wir hier noch einmal eine intakte Band um das einst kongeniale Duo Björn Dixgård und den mittlerweile auf eigenen Pfaden wandernden Gustaf Norén, bevor mit Nachfolger Aelita und dem anstehenden Bruch zwischen den beiden Party-Synthpop und dem Exzess gefrönt wurde. Auf dem bis dato einzigen Album in Muttersprache dominieren nämlich die ruhigen Töne, die überwiegend balladesken Stücke wurden in erdigen Arrangements mit dominantem Klavier, akustischen Gitarren, unaufdringlichen Drums und der Atmosphäre gelegentlich eine melancholische Note aufdrückenden Streichern aufgenommen. Sehr schön ist etwa I Ungdomen, das von der filigransten Klaviermelodie der LP getragen wird und in einen betörenden Refrain mündet, den Dixgårds Schwester Linnéa mit ihrem Zutun noch weiter aufwertet. Auf Titania gehört ihr das Mikro schließlich einen halben Song allein, was die Schwedin zu ihren Gunsten ausnutzen kann. Hauchzart und gefühlvoll vorgetragen, ist das auch die einzige Nummer, die mit seinen begleitenden Geräuschen den ursprünglichen Bezug der lyrischen Ergüsse zur Natur herstellt. Leider verschwindet die Dame ab der Hälfte und überlässt es den Männern, die behutsam aufgebaute Atmosphäre per lautem Gegröle zu zerstören. Mit Strövtåg i Hembygden, dem in Schweden wohl bekanntesten Track der LP, wird das Trio (eigentlich zweieinhalb) der essenziellen Stücke auf dem Album abgerundet. Besonders einnehmend verschmelzen hier die Sounds der Gitarren mit einem lässigen Drumbeat und einer kleinen Melange aus erhabenen Streichern und Percussions zusammen.

 

Auch wenn man nicht versteht, worum es geht, klingen der tiefer singende Dixgård und der höher und sinnlicher trällernde Norén doch sehr poetisch. Gerade der Kontrast der beiden Stimmfarben, die sich immer wieder hervorragend ergänzen, kommt auf Infruset gut. Die fehlende Abwechslung und das überwiegend gemäßigte Tempo machen sich letztlich aber doch reichlich bemerkbar. Nervig ist schließlich Men, dem in seinem spartanischen Arrangement mit Spieluhrklängen und einsamen Gitarrenzupfern nichts übrig bleibt, als von Dixgård (und im weiteren Verlauf einer weiteren, nicht identifizierten Stimme) getragen zu werden, der auf sich allein gestellt hier doch überfordert ist - obwohl das Ende mit der immer weiter beschleunigten Spieluhr schon recht cool anmutet. Aber auch der abschließende Gråbergssång und das teilweise fast schon in Richtung Blues-Rock abdriftende En Sångarsaga können jene Schwächen nicht komplett kaschieren, die in Track-Form eingegossene Lyrik ganz einfach offenbart, besonders, wenn dieser Prozess in relativ kurzer Zeit von relativ talentierten Pop-Rockern ist, die ihre besten Minuten einst relativ nahe des Rock 'n' Roll aus dem Ärmel geschüttelt haben.

 

Alles in allem ist Infruset ein Album, das in seiner Intention und vor allem im zeitlichen Vakuum zwischen Weltruhm, eher Europaruhm, und Synth-Madness ein erfrischendes Zeichen darstellt und erfreulich entspannte Klänge bereithält. Ein paar feine Melodien gibt es, auch wenn es dieser gerne ein paar mehr hätten sein dürfen und auch die Performanz der Band ist insgesamt zufriedenstellend. Mit Verlauf der LP wird dann aber immer klarer, warum das ganze Unterfangen ein äußerst schwieriges war. Mit der gut gemeinten Idee, Frödings Poems eine einigermaßen einheitliche musikalische Fassade zur Seite zu stellen, geht nämlich der unerwünschte Nebeneffekt zunehmender Fadesse einher, was letztlich doch sehr schade ist. Indes werden es wohl die letzten starken Minuten von Mando Diao bleiben.