Madonna - Hard Candy

 

Hard Candy

 

Madonna

Veröffentlichungsdatum: 19.04.2008

 

Rating: 5 / 10

von Kristoffer Leitgeb, 20.05.2017


Die moderne R&B-Produzenten-Riege ist nicht der Jungbrunnen, den sie sucht.

 

Der Kalender gehört in den Augen der Allgemeinheit wohl doch zu den nützlicheren und wichtigeren Dingen der Menschheit. Immerhin ist es eines der schwierigsten Unterfangen, der ewig in Bewegung befindlichen Zeit Herr zu werden und sie zu bändigen. Gleichzeitig ist der Kalender latent unnötig für alle Vorhaben- und Terminlosen unter uns, die ihre Tage bestenfalls vom Maß ihrer eigenen Disziplin, schlimmstenfalls von ihrem Arbeitgeber bestimmen lassen. Einziger Nutzen unserer Zeitrechnung ist dann der, dass die Geschichtsschreibung ohne sie elendiglich aufgeschmissen wäre. Auch in der Musik, wo ja fast alles immer in Dekaden gemessen wird. Auch Madonna muss damit leben, vor allem im Hinblick darauf, dass das jetzige Jahrzehnt bereits ihr viertes im Business ist. Ein schwerer Schlag, wo sie doch schon im letzten nur ja nicht älter werden wollte.

 

Zumindest hat ihre Musik danach geklungen. In den 80ern producerbestimmte Pop-Queen mit dem Händchen für Hooks und den Puls der Zeit. In den 90ern die Meisterin experimenteller Selbstfindung. In den 00ern die wandelnde Mid-Life-Crisis, die um jeden Preis dem Ruf einer gealterten Majestät entgehen wollte. Deswegen hat schon "Confessions On A Dance Floor" geklungen wie die Suche nach der eigenen Jugend. "Hard Candy" will nicht weniger, sucht aber vor allem die Jugend anderer, insbesondere der R&B-Platzhirsche dieser Jahre, Justin Timberlake, Timbaland und das Produzentenduo The Neptunes mit happy Pharrell. Die Schnittmengen auf den ersten Blick nicht vorhanden, der Sound auf den ersten Blick schwer vorstellbar, das Ergebnis auch nach mehreren Durchgängen ausbaufähig. Vor allem das Aufeinandertreffen von Madonna mit den Neptunes bringt einen eher zum Verzweifeln, als dass von Genüssen eine Spur wäre. Dabei klingen die Stilmittel, derer sich die Musiker bedienen, mitnichten alt. Im Gegenteil, aktueller denn je klingen Songs wie Candy Shop oder She's Not Me mit ihrer Kombination aus funkigen Disco-Anleihen, knochigen Hip-Hop-Beats und aufpolierter Elektronik. Blöderweise klingt das alles auch träge und ausrechenbar, weil der Ideenreichtum gerade auf Melodieebene endenwollend ist, die Sängerin in der Rolle der eifersüchtigen Freundin oder der Sexbombe noch dazu latent deplatziert wirkt.


Überhaupt ist es eine Enttäuschung, was zehn Jahre textlich angerichtet und an Subtilität gekostet haben. Wo "Ray Of Light" ein klangliches Abenteuer, sinnlich, intelligent und hookmächtig war, ist "Hard Candy" Dance-Pop mit der Dampframme. Und das selten stimmig, weil sich Madonna schon selbst nicht in den Soundgebilden der Neptunes wiederfindet, dementsprechend auch dem Höhrer wenig bleibt. Das mit Timberlake gesungene Dance 2Night oder Beat Goes On drängen sie dabei in ein Terrain, das nie so ganz das ihre war. Disco, das ist schon Anfang der 80er für sie eher kommerziell als klanglich ein großer Erfolg gewesen. In seiner zwangsmodernisierten Version ist das Genre umso schwieriger mit der gereiften Art der US-Amerikanerin zu vereinbaren. Nur relativ selten, im Verbund mit der mächtigen Rhythm Section von Give It 2 Me - leider mitsamt pseudo-afrikanischer Bridge zum Schämen - und in der von Timbalands Produktion dominierten Leadsingle 4 Minutes. Die nennt die Hook des Albums ihr Eigen, stellt zwar Timberlake eher in den Mittelpunkt als Madonna selbst, generiert aber auch einen anziehenden, kantigen Flow. Den verdankt der Track der für einmal verdammt guten Symbiose aus klinischer musikalischer Ausstattung und der wärmenden Stimmen des Gesangsduos.

 

Die klinische Kälte, die den Sound der LP bestimmt, ist allerdings in manch anderem Fall schwerer zu verarbeiten. Heartbeat zum Beispiel geht in seinen monotonen Trance-Sounds und der altbekannten Neptunes-Percussion unter, ohne wirklich einen beschreibbaren Eindruck zu hinterlassen. Das einzige Exemplar des Dutzends, in dem diese charakteristische Percussion in all ihrer Vielfältigkeit wirklich hilft, ist das musikalische Leichtgewicht Miles Away, das als relativ gitarrenlastiger Sehnsuchtssong thematisch erfrischend wirkt inmitten mancher lyrischer Anmaßung.

Der Gipfel genau dessen ist aber immerhin schon gleich zu Beginn erreicht, wenn Madonna in Candy Shop tatsächlich dem gleichnamigen 50-Cent-Track negative Konkurrenz macht:

 

"See which flavor you like and I'll have it for you

Come on in to my store, I've got candy galore

Don't pretend you're not hungry, I've seen it before

I've got turkish delight baby and so much more"

 

Die miesesten sexgetriebenen Anspielungen seit, naja, siehe gleichnamiger Rap-Hit. Überhaupt lässt sich über die Dame am Mikro und ihr Album sagen, dass da irgendwer latent oversexed zu Werke geht. Also entweder das oder sie ist unglaubwürdig süßlich. Oder beides. Anderes hört man nur ziemlich selten, was dann der Gesamtperformance nicht hilft. Devil Wouldn't Recognize You und insbesondere Voices versuchen dann als stimmungvolle Elektronikübungen noch möglichst viel auszubügeln, was davor möglichst uninteressant gemacht wurde. Beide erinnern an bessere Tage, als die Sängerin in der Nähe zu Trip-Hop und Trance noch mysteriöse Atmosphäre und brodelnde Emotionen gefunden hat. Dass beide an ihre Großtaten nicht heranreichen, ist da dann schon egal, als Rettungsring nimmt man auch die Treffer zweiter Klasse.

 

Selbst die sind auf "Hard Candy" relativ selten für die Verhältnisse einer, die sich zu Recht als Pop-Queen bezeichnen darf oder besser durfte. Als erste platinfreie LP Madonnas seit langer, langer Zeit, markiert sie vielleicht wirklich das Ende einer Ära. Zuallermindest ist es ein Dutzend Songs, die so modern wirken wollen, dass sie sich viel zu oft ihrer interessanten Eigenschaften entledigen und schlicht zu banalen Dance-Übungen mutieren. Der Rest wäre einer lobenswerten EP gerecht geworden, rettet aber kein Album, das hauptsächlich nach einer Künstlerin riecht, die unentwegt auf der Suche nach dem Jungbrunnen ist. Finden wird sie ihn so zwar garantiert nicht, wenigstens tut sie einem aber auch nicht übermäßig weh dabei.