Lena - My Cassette Player

 

My Cassette Player

 

Lena

Veröffentlichungsdatum: 07.05.2010

 

Rating: 3.5 / 10

von Kristoffer Leitgeb, 11.08.2016


Unbritisches British English ist kein Ersatz für Charakter und Austauschbarkeit keiner für Harmonie.

 

Während mir bei ach so vielen Dingen deren Anziehungskraft ein Rätsel ist, gehört der Eurovision Song Contest zu den Ereignissen, bei denen ich sogar Probleme damit habe, deren eigentlichen Sinn zu erkennen. Die Musik kann es auf alle Fälle nicht sein, das geht sich nicht aus. Und trotzdem wird dort ohne Unterlass musiziert. Ein Paradoxon, ähnlich wie das des Musikantenstadls. Möglicherweise ist das etwas zu viel des Schlechten über ein Event, das immerhin die Trackshittaz von jeglichem Erfolg befreit hat. Außerdem springen ja trotzdem jedes Jahr wieder ein paar wenige Treffer heraus, die nicht nur in der Suppe der seichtestmöglichen Unterhaltung und klanglicher Verbrechen untergehen. Die Sieger sind aber mysteriöserweise eigentlich nie die Besten, zumindest nicht mehr seit vielen, vielen, vielen Jahren. Auch Lena Meyer-Landrut war es nicht, wie schlecht sie auf Albumlänge sein würde, konnte man durch ihren Sieg allerdings nicht erahnen.

 

Vorhersagen in diese Richtung hätten sich aber dann treffen lassen, wenn man um die Hauptingredienzien ihrer Musik weiß. Hinter ihr steht Stefan Raab und wo der steht, ist der Quoten-Pop nicht wirklich weit. Deswegen ist "My Cassette Player" eines der abgeschliffensten Chart-Produkte, das einem jemals begegnen wird. Der Sound ist so glatt, Christina Stürmer klingt dagegen teilweise wirklich charakterstark. Was im banalen Geräuschmantel fehlt, will die Deutsche höchstselbst besorgen. Ohne nennenswertes Gesangstalent bedingt es einer stimmlichen Exzentrik, die reichlich schwierig sein kann und in Form ihres mitunter quälenden britischen Akzents auch ist. Dahingehend muss man einfach feststellen, dass Charisma nicht bedeutet, die Sprache anderer Länder zu imitieren. Und so ist dann eben Satellite, dieser vorprogrammierte Hit, ein für so manchen schwieriges Unterfangen, das sich vor inhaltlicher Leere kaum halten kann. Dann aber doch wieder, weil der von Julie Frost ansprechend komponiert und ohne Raabs Zutun ähnlich gelungen produziert ist. Nicht unbedingt zurückhaltend, aber wie man bald nach diesem ordentlichen Opener merken wird, zumindest weit weniger penetrant als der große Rest. Mögen die Gitarren-Akkorde auch erdrückt werden, möge die Percussion auch noch so klinisch und übereinandergestapelt sein, das haut halbwegs hin.

 

Jetzt ist Raab hauptverantwortlich für die Vertonung des Rests und, tja, sein Gefühl für die Musik einer 19-Jährigen hält sich in Grenzen. Schon der kindische Titeltrack tönt mit seiner Keyboard-Hook ungut süßlich und klischeehaft, ermangelt noch dazu den nötigen Drive um zu mehr als einer aufgemotzten Fahrstuhlbeschallung zu werden. Und Lena? Die singt Schwachsinn über ihren Kassettenrekorder - im Jahre 2010 wohlgemerkt - und klingt dabei ungefähr so interessiert am Text wie, naja, ich. So ziemlich alles, was der Showmaster und die von ihm entdeckte Sängerin so komponieren, wird hier zum Reinfall. Und das, obwohl sie sich doch sehr anstrengen, möglichst wegzukommen von der im Pop so gefährlichen Eintönigkeit. I Like To Bang My Head sucht im Retro-Disco-Charme und in pfundigem Bass sein Heil, entbehrt aber sowohl der nötigen Hook als auch der passenden musikalischen Auskleidung, um einigermaßen vom Gesungenen abzulenken. Den Versuch startet man mit dem unpackbar kitschigen Caterpillar In The Rain erst gar nicht. Eine Klavierballade mit Kinderstimmchen, grässlicher Überakzentuierung des Englischen und einem solchen Titel, das ist ein Reinfall mit Ansage. Dass es niemandem aufgefallen ist, scheint einigermaßen bedenklich.

 

Nur selten kommt das Duo überhaupt an einen Punkt, wo man das Gezimmerte als stimmig bezeichnen könnte. Love Me zeigt zumindest die Musiker von ihrer guten Seite, riskiert dabei zwar nichts, nimmt aber dank der Percussion und der knackigen Riffs genug Fahrt auf, um Anflüge von Schwierigkeiten bei Lena selbst abzufedern. Es stellt sich ein bisschen die Frage, ob sie nicht kann oder doch gar nicht will, denn in ihren Performances lässt sich weder große Energie, noch Finesse irgendeiner Art entdecken. Selbst das dankbare, soulige und dank Fokus auf die Akustische recht lockere Touch A New Day wird in ihren Händen zu einer eher trockenen Angelegenheit ohne den nötigen Esprit, um das Potenzial des Sounds auszuschöpfen.

Irgendwie überrascht es dann nicht, dass die besten Songs der LP von außen kommen. Lena coverte damals noch gerne und sie tat es auf durchaus ansprechende Art. Während Adeles My Same noch das überambitioniert laute Musik-Spektakel und der Akzent der Sängerin zum Verhängnis wird, blüht sie an anderer Stelle fast auf. Ellie Gouldings Not Following bekommt musikalisch dank seiner prägnanten Gitarren-Kombi und der gelungensten Percussion-Mischung das nötige Tempo mit und auch das, was man sonnige Lockerheit nennt. Ein Dance-Pop-Track, der hier genau diesem Charakter beraubt und dafür in ein luftigeres Allerlei gepackt wird. Und da passt Lenas hohe, dünne und unverfeinerte Stimme plötzlich sehr gut ins Bild, tobt sich in gesunden Dosen aus, die nie stören, dafür aber das nötige Leben mitbringen. Einigermaßen überraschend wird dann ihre Version von Jason Mraz' Mr. Curiosity zum Besten, was das Debüt aufzubieten hat. Dass es ausgerechnet eine emotionale Piano-Ballade sein soll, passt nicht im geringsten ins Bild, erklärt sich aber mitunter dadurch, dass tunlichst darauf verzichtet wird, den Song durch ungebetene Instrumente zu verhunzen. Genauso zurückhaltend agiert auch die junge Sängerin, die sich für einmal durchaus talentiert anhört und, ganz wichtig, auf ambitionierte Ausritte verzichtet. Stattdessen herrscht Ruhe und Understatement, ein wenig Gefühl liegt sogar in der Luft und gerade das ist hier einzigartig.

 

Dieser Singularität einer solchen Performance ist es geschuldet, dass man das Album eigentlich nicht anhören will. Das Debüt von Lena Meyer-Landrut gehört in die Kategorie Alben, die auf offensive Art uninteressant sind. Austauschbar, platt und emotionslos, aber sie lassen einen trotzdem nie in Ruhe. Zumindest geht es die meiste Zeit so, was "My Cassette Player" zwar selten in die Nähe einer wirklichen Frechheit geraten lässt, aber eben doch die Geduld strapaziert. Die wird nur sehr vereinzelt belohnt und auch dann gewinnt man den Eindruck, es würde eher zufällig passieren. Es könnte nicht besser ins Bild passen, dass es keine Originale sind, die für Ausflüge ins Positive sorgen. Vielleicht ist das so mit den Siegern des Song Contests. Die sind ja fast nie die Besten dort und wenn das schon bei dem Festl so ist...

 

Anspiel-Tipps:

- Not Following

- Mr. Curiosity