Led Zeppelin - Prescence

 

Led Zeppelin

 

Led Zeppelin

Veröffentlichungsdatum: 31.05.1976

 

Rating: 5.5 / 10

von Kristoffer Leitgeb, 28.10.2016


Geradlinig, aber doch nicht ganz. Hart, aber nur ein bisschen. Mäßig, aber sicher doch.

 

Elf Freunde sollt ihr sein, hieß es anno dazumal im Fußball. Heut ist man zwar professionell genug, dass man dem Mitspieler trotzdem den Ball zuspielt, auch wenn man nicht mal seinen Namen aussprechen kann, aber früher einmal, da wurde Zusammenhalt sehr groß geschrieben. Das war wichtig, weil nämlich einer allein gegen elf Gegenspieler nur suboptimale Siegchancen hätte. Und es war nicht nur dort von Bedeutung, auch Regierungsmitglieder sollten einander in die Augen sehen können, um zumindest Stillstand zu verwalten, Handwerker sollten ein Miteinander pflegen, auf dass der Schraubenschlüssel brav weitergereicht wird und nicht am nächsten Schädel landet. In der Musikbranche ist das durchwachsener, da macht schon einmal Brendon Urie Alben unter einem Bandnamen, obwohl niemand mehr mit ihm spielen will. Led Zeppelin waren dagegen paradoxer unterwegs. Kaum als allerbeste Freunde bekannt, immer ein bissl egozentrisch und doch jahrelang die Einheit aller Einheiten am harten Rock-Firmament. Auch solche Zeiten enden.

 

Was damit zu tun haben könnte, dass glorreiche Gebilde dieser Art, aufgebaut auf Inspiration, blindem musikalischem Verständnis und virtuoser Leidenschaft, beginnen auseinanderzufallen, wenn diese Eigenschaften schwächeln oder zumindest je nach Bandmitglied in unterschiedliche Richtungen steuern. Mit "Presence" war die Luftschiff-Ära reif genau dafür. Plant gesundheitlich am Boden, beladen mit unrunder Skepsis gegenüber des Lebenswandels manches Kollegen, Bonham zunehmender Drogenfreund, Jones auch auf dem Höhepunkt leicht unterrepräsentiert und natürlich Page. Der dürfte happy gewesen sein, immerhin blieb er unfallfrei, hatte die Drogen halbwegs unter Kontrolle und war ständig im Rampenlicht. So auch zu Zeiten dieses von Spontanität, schwelendem Unmut und relativer Planlosigkeit geprägten Comebacks. Selbst mit einem Robert Plant im Rollstuhl konnte das Quartett noch großartige Musik machen, das war eigentlich die wichtigste Botschaft des Openers Achilles' Last Stand. Virtuos ist das zehnminütige Geschrammel im eigentlichen Sinne weniger, selbst mit einer begnadet erbarmungslosen Rhythm Section. Pages ambitioniertes Gitarrenorchester, seine schwer auseinanderzudividierenden Overdubs verleihen dem Track alles, nur keine Vielseitigkeit. Die Antriebskraft, Plants offensichtlich an seine Reserven gehende Gesangsperformance und das selbst in dieser rohen Unausgegorenheit perfekt harmonierende musikalische Werk tun allerdings viel, um auch monoton anmutenden zehn Minuten möglichst viel Leben einzuhauchen. Und während Page womöglich nie wieder so gefordert war wie bei diesen Aufnahmen und in kürzester Zeit beeindruckende Nuancen in sein so vielfältiges Gitarrenspektakel eingebaut hat, fehlt trotzdem das Stück großer Kunst, das die besten Momente der Band verkörpern.

 

Es ward auch nicht mehr gefunden, denn nach Achilles' Last Stand kommt...nicht viel. Eine Erkenntnis vielleicht, nämlich jene, dass diese Band Mitte der 70er nicht mehr dafür geschaffen war, eine LP in weniger als drei Wochen einzuspielen. Sieben Jahre sind seit dem Debüt vergangen und dazwischen liegen große Alben, große Songs, Meisterwerke wie Stairway To Heaven oder Kashmir. Doch die präzise Virtuosität, die aufgebaut und zur Blüte gebracht wurde, sie ist den folgenden sechs Tracks fast komplett fremd. "Presence" ist, den Umständen entsprechend, aus der Hüfte geschossen, mit wenig Blick auf Kleinigkeiten, stattdessen geformt zu einer unnachgiebigen Übung in hartem, oft bluesigem Rock. Mit dem Stehrocker For Your Life oder Royal Orleans erinnert man allerdings weniger an "Led Zeppelin II", sondern eher an eine australische Band, die bald noch an Größe gewinnen sollte. Nach AC/DC zu klingen, hilft allerdings vor allem dem offensichtlich beeinträchtigten Robert Plant wenig. Dessen Performances sind blass und wenig ausdrucksstark, können sich nur schwer gegen die rollenden Riffs und Bonhams mitunter allzu geradliniges Getrommel behaupten.

 

Deswegen klingt das Quartett nur mehr einmal wirklich stark, nämlich mit dem brodelnden Nobody's Fault But Mine, dessen düstere Botschaft den wiederum repetitiven Sound eher berechtigt erscheinen lässt. Überhaupt scheinen da wieder Räder ineinander zu greifen, Plant wieder eher mit seinen Kollegen zu interagieren. Und auch die Rhythm Section weiß wieder eher zu gefallen, vor allem, weil Bonham und Jones mit ihren gesetzten Performances viel zur Stimmung beitragen. Im krassen Gegensatz zur eigentlich unwürdigen Single Candy Store Rock, deren hyperaktiver 50er-Rock-Sound wirklich absolut niemandem in dieser Band gut zu Gesicht steht. Was sonst bleibt sind ein durchaus ordentlicher Rocker in der Form von Hots On For Nowhere und ein überlanger Closer Tea For One, der einem in seiner zwischenzeitlichen Lethargie den Blues keinen Deut sympathischer machen kann.

 

In nichts davon spiegelt sich viel mehr wieder als die Schwierigkeiten, durch die die Band in diesen Tagen manövrieren musste. Während Jimmy Page mit einem unfassbaren Arbeitsaufwand und zwischenzeitlichem Schlafentzug die LP erst möglich gemacht und im gleichen Atemzug noch so manch interessante Performance aus dem Ärmel geschüttelt hat, verbleibt "Presence" als die spontanste Vorstellung der Band; mehr eine Ausdünstung aufgestauter Emotion und Energie als sonst etwas. Und obwohl Page an seiner Gitarre unermüdlich und gleichermaßen abgeklärt wie inspiriert werkelt, lässt sich der essenzielle Teil des Albums auf zwei Songs reduzieren. Der Rest ist, naja, der Rest. Meist durchschnittliche Arbeit ohne relevante Feinheiten, überraschende und überragende Genresymbiosen oder filigran-hypnotische Passagen. Das beraubt eine Band Led Zeppelin vieler ihrer Reize. Was bleibt, sind virtuose Musiker, die weder Zeit noch Material und teilweise nicht einmal die nötige Konstitution haben, um ihre Fähigkeiten voll auszuspielen. Was bleibt, ist das Fazit, Led Zeppelin gibt's auch in mittelmäßig.

 


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