Kesha - Warrior

 

Warrior

 

Kesha

Veröffentlichungsdatum: 30.11.2012

 

Rating: 5 / 10

von Kristoffer Leitgeb, 03.10.2018


Dr. Kesha & Ms. Hyde im Kampf um die musikalische Entwicklung und damit die Erträglichkeit.

 

Ein Hoch auf die Zwanziger! Also weniger die im letzten Jahrhundert, weil man zwischen Nachkriegsrache, wirtschaftlichem Elend und einem sorglosen Weg in Richtung Diktatur und Schwarzen Freitag unterwegs war. Zugegebenermaßen auch nicht die aus dem Jahrhundert davor, weil das die Hochphase der Restauration und damit der Metternich'schen Antiliberalität war. Aber zumindest doch ein Hoch auf die Zwanziger in jedermanns Leben. Eine wunderbare Zeit, in der man endlich alles darf und natürlich auch alles kann, abgesehen von all dem, was man nicht kann, weil kein Geld, keine Zeit oder keine Lust. Abgesehen davon ist es allerdings durchaus genießbar oder zumindest erträglicher als viele andere Dekaden, die man so zu überleben hat. Ok, es ist anstrengend, ein ständiger Kampf um Geld und berufliche Chancen und noch dazu die Zeit, in der man die Selbstfindung dann irgendwann einmal abgeschlossen haben sollte, um nicht komplett dämlich dazustehen. Wie schwer allein das sein kann, belegt die Karriere von Kesha, die es aber immerhin rausgeschafft hat aus dem Sumpf, in den sie sich höchstselbst gekämpft hat. "Warrior" war da ein verdammt wichtiger, wenn auch kein sonderlich überzeugender Schritt.

 

Je nach Ausmaß des guten Willens, den man Kesha entgegenbringt, kann man die Veränderungen im Vergleich zum grausamen Debüt gleich heraushören oder auch gar nicht. Warrior ist als Opener zumindest nicht dazu geeignet, einen von einer stilistischen Revolution oder songwriterischen Quantensprüngen zu überzeugen. Aber das, was man da zu hören bekommt, wirkt zumindest in Ansätzen weniger überladen und penetrant. Der drückende und dröhnende Elektronik-Pop des ersten Albums ist es zwar immer noch, aber zum einen mit einem mehr an organischer Instrumentierung, insbesondere der Gitarre, und zum anderen strukturierter. Insofern ist nicht mehr alles Autotune und hemmungslose Synthwände, genauso wie sich Kesha selbst ein bisschen besser unter Kontrolle hat. Das reicht immerhin für eine passable Eröffnung, bedingt auch durch die Tatsache, dass zwar der Refrain über jedes vertretbare Maß synthetisch und kitschig daherkommt, die Strophen aber dank phasenweise starkem Basseinsatz durchaus zünden.

 

Es ist also ein gemischter Satz, der einem aufgetischt wird. Mit Dr. Luke und Benny Blanco als erneuten Hauptverantwortlichen an der Produktionsfront ist auch kein Abrücken von am Techno und Eurodance angelehnten Elektro-Pop zu erwarten. Insofern bekommt man genau das, allerdings in einer etwas luftigeren Variante. Wie das klingen kann, zeigen die Singles relativ deutlich auf. Über allem thront da Die Young, das sich mit lockerem Akustikstrumming und Claps vorstellt, gleich darauf den klassischen, simpel dahinstampfenden Beat findet und sich mit den zunehmenden Synth-Bausteinen überraschend organisch annimmt. Vor allem, dass man den Refrain eben nicht zu einer dröhnenden Unerträglichkeit werden lässt, sondern stattdessen dort wieder zurückfährt und fast gänzlich auf Akustikgitarre und den Beat setzt, hilft in diesem Fall. Insgesamt bedeutet das den gelungensten Aufritt Keshas in ihrer damaligen musikalischen Heimat, der die schweren Schnitzer des Debüts schon fast vergessen macht. Ähnlich gezimmert, allerdings weniger effektiv, klingt Crazy Kids, dem die komplett elektronischen Strophen mit Dub-Einschlag weniger helfen. Gleichzeitig zeigt wiederum der Refrain, wie es trotz zu vordergründig platzierter Claps klingen kann, wenn man der Sängerin ihren Freiraum lässt. Nicht weltbewegend, aber ziemlich harmonisch und mit ein wenig mehr Fokus auf ihre durchaus ordentlichen Hooks.

 

Auf der anderen Seite reißen einen viele der Tracks nicht einmal irgendwie vom Hocker, was vielfach daran liegt, dass für die vermeintlich sentimentalere Seite kaum einmal der richtige Sound gefunden wird. Meistens ist es ohnehin eine eher ungelenke Verbindung des altbekannten, zum Speiben hohlen Party-Hedonismus mit einer zugegebenermaßen spürbaren, aber trotzdem seichten emotionalen Komponente. Zwar bekommt man so in der Theorie weniger aufdringliche Minuten geboten, in der Form von Wherever You Are oder All That Matters (The Beautiful Life) werden die aber auf der elektronischen Ebene so dermaßen zugemüllt, dass es sich schlicht anstrengend anfühlt, die ganze Songlänge über zuzuhören. Während das bei ersterem sowieso egal ist, weil so oder so süßlich und leblos synthetisch, wäre im Fall von All That Matters im Hinblick auf eine atmosphärische Performance mehr möglich gewesen, hätte man es geschafft, den klobigen Dancefloor-Touch mitsamt hämmerndem Beat nicht immer noch ein wenig mehr mit schrillen Synthesizern zu "akzentuieren", bis alles daran überfüllt wirkt.

Das ist mühsam, aber immer noch passabel im Vergleich zur kompletten Absenz jeglicher positiv wirkender Komponenten im Closer Love Into The Light. Der erdreistet sich zu Anfang, den hypnotisierenden Drum-Computer-Einsatz von In The Air Tonight zu kopieren, ihn aber eher stolpernd klingen zu lassen und unnötig mit langgezogenen Keyboard-Akkorden zu verstärken. Noch dazu paart man das mit einem Refrain, der miserabel eingeleitet und von komplett sinnlos wirkenden Reverb-Drums zerstört wird, zusätzlich die Tonlosigkeit in Keshas Stimme unvorteilhaft in den Mittelpunkt stellt und mit sterilen Synths umrahmt. Das ist miserabel und wird auch so überhaupt nicht dadurch ausgeglichen, dass Kesha in Wonderland plötzlich nach Country klingt, mit der Hammond-Orgel und Bluesriffs eine duchaus ordentliche Ballade zusammenstellt. Dass das Arrangement chaotisch wirkt, schadet zwar nachhaltig und sorgt dafür, dass man auf der Gefühlsebene unterkühlt zuhört, der musikalische Schritt, der damit gesetzt wird, passt aber.

 

Das ist auch noch an anderer Stelle der Fall, was einigermaßen davon ablenkt, wie groß die Lücken zwischen guten Minuten dann wirklich sind. Solcherlei kann man nur mehr auf der einen Seite mit dem starken Elektronik-Rocker Dirty Love und also einem ordentlichen Gastauftritt von Iggy Pop finden. Der ist trotz diverser externer Songwriter auch das einzige Überbleibsel von überraschenden, im Vorhinein angekündigten Kollaborationen, nachdem Studioarbeiten mit den Flaming Lips letztlich nur den Bonustrack Past Lives für die Deluxe Edition abgeworfen haben. Im damals bevorzugten musikalischen Terrain ergibt sich dann allerdings nur mehr eine lohnende Performance und die heißt Supernatural. Süßlicher Botschaft zum Trotz entgeht der Song dem Kitsch und findet mit dem steten synthetischen Surren im Hintergrund, lebhaftem Beat und Dubstep-Breakdown einen Weg, den theatralischen Keyboard-Refrain auszugleichen.

 

Im Kontext der LP sind das allerdings irreführende Minuten aus gleich zwei Gründen. Nicht nur, dass man des "traditionellen", so ziemlich komplett auf Elektronik setzenden Sound der US-Amerikanerin überdrüssig wird, auch wenn er sich weniger miserabel präsentiert. Die spürbaren Akzente, die gesetzt werden, um eine andere Kesha und einen Weg raus aus dem Dance-Pop-Abgrund zu zeigen, gehen auch in eine komplett andere Richtung. Das ist insofern alles andere als schlecht, weil ein Mehr an synthetischen Elementen auch komplett tödlich für die LP gewesen wäre. Stattdessen hört man stellenweise, mit welcher Lockerheit und Freude sich Kesha in Richtung Rock bewegt und sich dort sowohl im Partymodus austobt, als auch an gefühlsbetonten Minuten versucht. Es gelingt nur ersteres, aber beides offenbart das Potenzial, das mit dem Comeback und "Rainbow" ausgenützt werden sollte. Letztlich ist es "Warrior" ein Übergangsalbum, auf dem stilistisch noch eher gesucht als gefunden wird, und sonst nicht viel. Allerdings war Kesha damals auch noch mitten in ihren Zwanzigern und durfte dementsprechend noch fröhlich an der Selbstfindung basteln. Ein vernachlässigbares bis unerträgliches Jahrzehnt war es von ihr trotzdem, aber immerhin beginnen in 454 Tagen wieder neue Zwanziger, auf die man vielleicht endlich vorbehaltlos anstoßen kann.

 

Anspiel-Tipps:

- Die Young

- Dirty Love

- Supernatural