Jack Johnson - To The Sea

 

To The Sea

 

Jack Johnson

Veröffentlichungsdatum: 01.06.2010

 

Rating: 5.5 / 10

von Kristoffer Leitgeb, 04.09.2014


Ein musikalisches Täuschungsmanöver, das Ideenlosigkeit nur teilweise kaschiert.

 

It's that time of the year again: Groundhog Day. Oder, wie es der gelernte Deutschsprachige vielleicht eher kennt: Und täglich grüßt das Murmeltier. Es ist wieder mal Zeit für ein bisschen Jack Johnson und - warum zur Hölle schreib ich's überhaupt - die Revolution bleibt aus. Der Sunnyboy ist immer noch Sunnyboy und sein Folk-Pop verharrt in Wahrheit in einer ähnlich gearteten Identitätsstarre. Ich, der aber doch aus dem kritischen Eck kommt, sollte jedoch den Hinweis nicht vertuschen, dass sich Letzteres doch auch aus anderen Perspektiven betrachten ließe. Denn genauso wie eine ängstliche Achtjährige eben doch irgendwann mal einen Schritt ins kalte Wasser versucht - solange sie nicht vorher jemand gegen ihren Willen mit einem Rempler dort hinein befördert -, so hat sich auch Johnson zaghaft bewegt.

 

Vor einem tut sich schon fast eine instrumentale Wundertüte auf. Wo sind da die Zeiten, als ein Song gefühlten zehn anderen wie ein Ei dem anderen glich? Plötzlich gibt's musikalische Unterschiede, es gibt Tempovarianten und eine erkennbare Backing Band. Also stehen die Vorzeichen doch wieder besser für ein paar Songs, die ihre Zeit auch wert sind. You And Your Heart zum Beispiel, die Leadsingle. Ein unbekannter Beginn mit starkem E-Gitarrenriff und eine Atmosphäre, die im Johnson'schen Universum schon ungekannte Aggressivität darstellt. So entsteht ein Sing-Along-Track, wie ihn der Hawaiianer seit Staple It Together nicht mehr erlebt hat, eine nette Mischung aus relaxter Stimmung und aufgewecktem Sound, angetrieben vom aktiven Gitarrenpart und der ordentlichen Percussion. Und obwohl weder Schweinen das Fliegen beigebracht werden konnte, noch Schnee plötzlich von unten nach oben fällt, bleibt diese Vorstellung keine Eintagsfliege. Songs wie To The Sea, At Or With Me und Red Wine, Mistakes, Mythology zeigen eine musikalische Ausgelassenheit, wie sie zwar die Stimmung der Alben von Anbeginn ausgezeichnet, sonst aber eben nichts charakterisiert hat. Was auf dem Vorgänger eingeschlafen ist, es ist hier wieder aufgewacht.

 

Großer Jubel also! ... Wer's glaubt. Zwar verträgt sich der neu gefundene Variantenreichtum ganz gut mit den Erwartungen des gemeinen Albumrezipienten, fadenscheiniger kann er allerdings nicht präsentiert werden. Angesichts des obigen Lobes könnte nämlich der Eindruck entstanden sein, es wäre so etwas wie Energie im Spiel. Die zeigt sich hier aber seltenst. Muss sie an und für sich sowieso nicht, zu den Merkmalen seiner Musik hat sie eh nie gehört. Trotzdem ist die teils lähmende Schläfrigkeit einer Jack Johnson-LP nur schwer zu leugnen. Selbst der genannte Titeltrack schafft es nur schwer aus einer lethargischen Mischung aus dem Altbekannten und eher halbherzig praktiziertem Neuen heraus, findet nicht so leicht den Weg ins Ohr. Und obwohl mittlerweile die Erfindung des Wurlitzers oder des Mellotrons auch bis zu Johnson durchgedrungen zu sein scheint, ist es auf kurz oder lang wieder die selbe alte Leier. Überall kommen einem 'good vibrations' entgegen, selbst in jedem noch so versucht melancholischen, krampfig emotionalen Titel sprüht dieser Mann vor einer an Penetranz kaum zu überbietenden Lebensfreude.

 

Gut, soll sein. Problematisch wird das dann eben nur, wenn sich das mit einer wiederum an Passivität kaum zu überbietenden musikalischen Untermalung paart. Dieses Syndrom kennt man aus früheren Tagen und wie mäßig gestaltete Akustik-Tracks á la Turn Your Love, Anything But The Truth oder Only The Ocean beweisen, ist ihm dieser Charakterzug mitnichten verloren gegangen. Irgendwo auf dem steinigen Weg, an dessen Ende der eindeutige Beweis für Surfer Boys Talent als Songwriter stehen könnte, verlieren sich die Titel in ihrer Trägheit, ihrer Austauschbarkeit, in dieser mittlerweile unverwechselbaren Art, Gelassenheit in seine unscheinbarste Form zu bringen. Die wenigen Ausnahmen sind die, die dem Amerikaner auf "Sleep Through The Static" noch das Genick gebrochen haben: Die emotionalen Momente. Denn tatsächlich drängen sich eben doch diese Augenblicke eines offensichtlichen 'Mellow Johnny' hinein, der sein Glück, wenn auch nur kurz, nicht mehr in greifbarer Nähe hat. Wohl am besten umgesetzt im ruhigen No Good With Faces, dem dank Mundharmonika und einer dezent anders gearteten Performance des Sängers mehr Seele innewohnt als dem Rest des vorhandenen Materials. Die ist schwer zu lokalisieren, kaum zu benennen, sie bringt aber auch eine seiner bedächtigen Nummern einmal in die Pole Position. Knapp daran vorbei schrammt My Little Girl, das auch dank seiner Kürze und dem in Wahrheit stupiden, aber gleichsam äußerst sympathischen Liebesgeschwafel zur schönen Albummitte taugt.

 

Nun werden ebendiese Momente, genauso wie die wenigen wirklich lebendigen Minuten, aber leider im Stich gelassen. Denn wie fast üblich gerät "To The Sea" zum Konglomerat - etwas zynischer: Einheitsbrei - aus Mid-Tempo-Tracks, mal akustisch, mal doch geringfügig lauter, gefüllt mit den allzu unspektakulären Melodien von Johnson, seiner unterwältigenden Stimme und den zwischen Abgedroschenheit und Undefinierbarkeit schwimmenden Texten, die Lebensweisheiten eben doch im Glückskeks-Stil aufarbeiten. Da mangelt's dann im richtigen und wichtigen Moment auch an Romantik oder Trauer oder Melancholie oder...irgendwas.

 

Nachdem meine Sympathie für Unzulänglichkeiten solcher Art und den, so scheint's, auf Umweltschutz und Surfen fokussierten Jack Johnson doch endenwollend ist, fällt mir ein Lob schwer. Zwei wichtige Dinge sprechen seit jeher für ihn und werden es auch in Zukunft noch tun: Zum einen ist die Anzahl der Personen, die sich von seiner Musik tatsächlich gestört fühlen, eher im Promill-Bereich und unter den die-hard Metal-Fans anzusiedeln. Andererseits muss selbst der zynischste und kritischste Betrachter zugeben, dass es mit wirklich miserablen Johnson-Songs eben auch nicht weit her ist. Ob einem das als Künstler wirklich reichen kann, wer weiß? Und nach dem Motto 'same procedure as every year' heißt auch diesmal das Urteil: Auf der einsamen Insel braucht's keiner, während dem morgendlichen Stau auf der Tangente kommt's aber sicher besser als Ö3.