Hugh Laurie - Let Them Talk

 

Let Them Talk

 

Hugh Laurie

Veröffentlichungsdatum: 09.05.2011

 

Rating: 6 / 10

von Kristoffer Leitgeb, 12.01.2016


Laurie nähert sich dem Blues mit Respekt und Akribie, eigene Stärken lässt er aber zu oft außen vor.

 

Hugh Laurie ist nicht David Hasselhoff. Das bedeutet für den geschätzten Briten zwar, dass er im Gegensatz zu 'The Hoff' weder für die erfolgreichste Fernsehserie aller Zeiten verantwortlich ist, noch in Österreich einen #1-Hit zu Buche stehen hat, diese Versäumnisse lassen sich für ihn aber wohl nicht nur wegen eines vollen Bankkontos leicht verschmerzen. Wichtiger ist da schon, dass er als Dr. Gregory House eine der interessantesten und besten TV-Figuren des neuen Jahrtausends verkörpert hat und ein talentierter Musiker ist. Letzteres hat er zwar abseits von Gag-Songs für 'A Bit Of Fry & Laurie' und stimmungsvollen Klavier-Einlagen als House seltener gezeigt, aber man konnte doch immer sicher sein, da schlummert etwas in ihm, das auf CD gebannt werden könnte. Als es 2011 soweit war, gewann man relativ rasch zwei Erkenntnisse: Erstens wird er immer House bleiben, egal, was er noch so anstellt; zweitens kann der Mann wirklich verdammt gut Klavier spielen.

 

Weitere Facetten offenbaren sich bald, vor allem was die generelle Natur von "Let Them Talk" anbelangt. Ohne eigene Songwriting-Beiträge ist Lauries Debüt nämlich hauptsächlich eines, ein Tribut an den Blues und New Orleans. Als Pianist und Sänger vergreift er sich an Klassikern des Genres, schnappt sich Standards, wo er sie nur finden kann, und macht sich an die schwere Aufgabe, sich diese zu Eigen zu machen. Daran zu scheitern, wäre ein Leichtes, immerhin haben auch schon große Namen After You've Gone oder Battle Of Jericho aufgenommen. Mit fähiger Unterstützung, unter anderem durch Arrangeur Allen Toussaint, gelingt Laurie aber vor allem das Kunststück, seine Stärken oft genug in den Vordergrund zu rücken. Man würde es sich ganz sicher öfter so wünschen, wie es St. James Infirmary zu Anfang erwarten lässt. Denn die dortige Arbeit an schwarzen und weißen Tasten manifestiert sich in einem der Genialität verfallenen Intro, das auch als reines Instrumental eine ganze Stimmungspalette abruft und für atmosphärische Anflüge sorgt. Auch mit vermehrter Unterstützung der Band, markanter Bass-Line und ersten Gesangsproben verliert der Track wenig von seiner dezenten Strahlkraft. Laurie kommt also ein ziemliches Glanzstück aus.

 

Das schürt Erwartungen, die man so nie gehabt hat, die aber auch nicht wirklich bestätigt werden. Denn die auf Überlänge ausgedehnte LP zeichnet in der Folge das Bild eines äußerst präzise und diszipliniert dahinspielenden Ensembles, das sich allerdings zu zaghaft und bei Zeiten mit falschem Fokus an das Material heranwagt. Die wirksamen Momente werden dadurch bald weniger, die erste Hälfte hält aber noch relativ gut durch. You Don't Know My Mind haut mit prägnanten Akkordeon- und Banjo-Einsätzen und Footstomper-Mentalität in Richtung Folk ab, zeigt dabei vor allem Lauries Ami-Akzent in gutem Licht, verstärkt auch durch starken Background-Gesang. Minstrel-Song Swanee River wird dagegen mit reichlich buntem und vollem Arrangement, insbesondere den sprunghaften Klavier-Passagen, effektvoll zum Swingen gebracht. Und Battle Of Jericho gewinnt als gesangliches Gesellenstück Lauries, atmosphärisch und mit charakterstarker Umsetzung, dazu mit idealer musikalischer Assistenz. Inmitten unheilvollen Gezupfes hat die Fiddle einen großartigen Auftritt, spielt sich gekonnt in den Vordergrund.

 

Doch die Tracklist ist lang und verläuft sich vor allem nach der Halbzeit zu oft in bemühten, aber unwirksamen Versuchen, wirklich traditionellem Blues Leben einzuhauchen. Schwierigkeiten dabei zeigen sich schon früh mit Buddy Bolden's Blues, der so nicht und nicht vom Fleck kommt, stattdessen fachgerecht, aber steril runtergespielt wirkt. Auch das Duett mit Irma Thomas, John Henry, tut sich trotz ihrer guter Vorstellung schwer, eröffnet eine Phase, die mit Police Dog Blues und Winin' Boy Blues, zum Ende dann noch mit dem Titeltrack äußerst reduzierte Aufnahmen versammelt. Im Falle von Winin' Boy Blues durch Lauries pointierten Gesang aufgewertet, insgesamt aber auch wegen zunehmendem Abhandenkommen der so überzeugenden Piano-Parts unterwältigend. Auch mit dem großen Tom Jones als Gast strebt man da auf Baby, Please Make A Change nicht mehr nach den Sternen, sondern verlässt sich auf ordentliches, technisch starkes Handwerk ohne Fehler. Doch die eingestreute Klarinette sorgt genausowenig für das Upgrade zum wirklich lohnenden Ausreißer wie das scharf angezogene Tempo zum Ende.

 

"Let Them Talk" stolpert dabei über zwei Dinge: Zum einen mangelt es der Tracklist, bestimmt von braven Neuinterpretationen, an Nachdruck und Emotion. Stattdessen regiert bei Zeiten eine gewisse Lethargie, nicht direkt schlecht, aber für an die Eröffnung heranreichende Momente zu notentreu und glatt. Zum anderen wartet man die ganze Zeit, eine Antwort auf die Frage zu bekommen, warum denn Hugh Laurie nicht mehr und öfter im Rampenlicht steht. Zwar zeigt Battle Of Jericho, wie stark ein musikalisches Großaufgebot klingen kann, auch weil Laurie perfekt ins Geschehen eingebettet ist. Ein bisschen mehr Selbstvertrauen hätte ihm aber ganz gut getan, um auf namhafte Gäste und reine Gitarrentracks zu verzichten, stattdessen wie in Tipitana eher sich selbst in Szene zu setzen.

 

Denn seine Qualitäten sind unbestritten, als Schauspieler sowieso, als Musiker kann man ihn hier aber auch bestätigt sehen. Für den großen Wurf gibt sich der Brite mit seiner Backing Band zu oft der Mittelmäßigkeit hin, die das vor zu vielen eigenen Ideen zurückschreckende Pflichtbewusstsein zu Tage fördert. Umso eher stechen die wenigen Momente heraus, die diesem Credo widersprechen, sondern dafür sorgen, dass man dem Schauspieler trotz allem für den Erstauftritt auf die Schulter klopfen kann. Zuallermindest lässt der nämlich weit mehr erwarten, wenn das Zögern und Anhalten an der Stiltreue Geschichte sind und Laurie erkennt, dass er als Mr. Blues nicht wirklich schlechter sein muss als als Dr. House.