Hard-Fi - Once Upon A Time In The West

 

Once Upon A Time In The West

 

Hard-Fi

Veröffentlichungsdatum: 30.08.2007

 

Rating: 7 / 10

von Kristoffer Leitgeb, 15.11.2014


Auch wenn es zuerst nicht so scheint, die Briten liefern mehr als magere Indie-Pop-Kost.

 

All you can eat-Buffets. Der Traum eines jeden.....Club-Urlaubers. Das trifft's wahrscheinlich am ehesten, der Gourmant brüstet sich ja damit Qualität über Quantität zu stellen und deshalb pro Mahlzeit nur ungefähr 100 Gramm - aber was für welche - zu sich zu nehmen. Jene von uns, die sich die edlen Verköstigungstempel nicht leisten können, also eh jeder, kennt aber die gediegene Kunst des hemmungslosen Überfressens aus eigener Erfahrung. Wenn's schon da ist, dann runter damit. Das fatale Ergebnis: Vollkommene Übersättigung bis zum verdächtigen Magengrummeln.

Ähnliche Situation, andere Kunstform heißt es für den Indie Rock. Und da liegt es vielleicht nur an meiner Aufnahmefähigkeit, aber eigentlich heißt es ebenso, das Boot ist voll! Das war es bereits 2007 so, als man im Örtchen Staines verzweifelt versuchte, noch einmal etwas Ordentliches aufzutischen. Aber auch das kennen wir alle: Für ein gut gemachtes Dessert ist immer noch Platz.

 

Den Briten gelingt ihres tatsächlich, wenn auch der kritische Beobachter gut und gerne die Nase rümpfen wird. Eine frappante Charakterlosigkeit spricht aus dieser LP mit ihren Garage Rock- und Britpop-Bruchstücken, den kleinen Stories aus der englischen Vorstadt und dem Ruf nach möglichst Promill-tauglichen Refrains. Daran kann man sich stoßen, man muss und sollte es aber wohl nicht. Ansonsten wird es mit dem Genießen nämlich schwierig, fängt man sich mit der eröffnenden Leadsingle Suburban Knights doch gleich den ersten auf Festivaltauglichkeit getrimmten geradlinigen Rocker ein. Wie es sich für solch einen gehört, ist auch mit dem Appell für den Ausbruch aus der tristen vorstädtischen Tristesse und großspurigen Background-Harmonien im Refrain für keinerlei Täuschungsmanöver gesorgt. Sie wollen uns nicht viel sagen, aber sie sind wenigstens ehrlich dabei. Und wohlklingend, ist doch der geschliffene Riff und die aufpolierte Stimme von Richard Archer ein wohltuender Schritt nach vorne vom rohen Debüt. Das darunter die Aggressivität leidet, wenn kümmert's bei dem Ohrwurm.

 

Wenig später merkt man aber, dass der schnelle, harte Indie Rock keiner mehr ist. Balladen in all ihrer Form paaren sich mit dem ein oder anderen lockeren Up-Beat-Popsong und sorgen so für kurzweilige Minuten. Noch eher im angestammten Eck landet dank des funkangehauchten Riffs I Shall Overcome. Eine nette Mischung aus elektrischem und akustischem Gitarrenmodell, verfeinert mit ordentlich eingepasstem Keyboard und den wie so oft hier starken Drums. Später versucht die Band ihre schnelleren Tracks aber doch auch anders. Television stützt sich in den Strophen vermehrt auf das Klavier, gibt damit ein nettes Bild vom oft klassisch unterstützten Album. Gepaart mit lockerer Gitarre und animierendem Refrain gesellt sich der Song zu We Need Love und dem kitschig-fröhlichen Little Angel, die allesamt eine gefällige Kombination aus Kritik oder Emotion einerseits, lockerstem Pop mit schrägem Humor andererseits zu bieten haben.

 

Im stimmungsvolleren Bereich zeigt die Band aber trotzdem noch eher auf. Tonight gibt sich trotz bei Zeiten mühsamer stimmlicher Performance im Refrain sympathisch. Die Brücke aus verstärkten klassischen Elementen und der Vorliebe für Elektronik - damals noch musikalisch fast gänzlich ausgespart - macht sich gut mit dem starken Zusammenspiel von Klavier und Streichern, gleichzeitig aber auch einem unaufdringlichen synthetischen Beat. Zu wirklich komplettem Neuland wird für Archer und seine Kollegen aber erst Watch Me Fall Apart. Beinahe zur Gänze auf den stimmungsvollen Streichern wurde der Track aufgebaut und abseits von den spärlich Rhythmus spendenden Percussions bleibt auch sonst wenig. Trotz entbehrlichem Backgroundgeheule in den Strophen macht sich der Track spätestens im Refrain wirklich großartig, wird dank der alles andere als überdramatisierten Performance von Archer auch nie zum unerträglichen Bombast. Den buchstäblich krönenden Abschluss bietet dann The King, der viel des vorher Gebotenen vereint und so eine durchaus gefühlvolles Finale rund um die fremd gewordene Heimatstadt abgibt.

 

Davon gibt es andernorts weniger. Nun sei gesagt, sie wollen es auch nicht anders, der schnelle Rock verträgt sich eben doch besser mit dem bandeigenen Humor. Leider nicht ganz so sehr mit dem, was der Hörer so verlangen würde. Da wäre zum einen das zwischen Riffs direkt aus der Garage und mühsamer Brachial-Hymne pendelnde I Close My Eyes, in dem Archer vergeblichst einen auf Rockstar macht, dabei eher nach gescheitertem Alkoholiker klingt. Can't Get Along (Without You) mutiert dagegen zu auf Airplay schielendem Banalitätsgedudel, das soundtechnisch wieder eher im Indie Rock des Debüts wildert. Das ist ohnehin schon nicht ganz im Einklang mit dem Publikumswunsch, so soft und defensiv dann aber wirklich nicht mehr als der quintessentielle Filler.

 

Addiert man dann noch die altbekannte Schwäche der Band dazu, nämlich das Fehlen dessen, was man gemeinhin als 'fuckin' amazing' bezeichnet, wird trotz aller geglückten Bemühungen doch kein Meisterwerk daraus. Noch nicht einmal ein Hitgarant ist es geworden. Und trotzdem obsiegen die Briten, zumindest wenn es nur darum geht unterhaltsame Indie-Kost zu bieten. Mehr als ein starker Popsong hat seinen Weg auf die LP gefunden und mit all den klassischen Hilfsmittelchen, die die Band für sich entdeckt hat, ist von Langeweile und noch nicht einmal von Austauschbarkeit die Rede. "Once Upon A Time In The West" bietet ein Quartett mit Charakter, viel wichtiger aber ein Füllhorn an starkem Songmaterial. Also: Das Dessert ist serviert, meine Damen und Herren!