Gene Clark - With The Gosdin Brothers

 

With The Gosdin Brothers

 

Gene Clark

Veröffentlichungsdatum: ??.02.1967

 

Rating: 8 / 10

von Mathias Haden, 11.02.2017


Exzellente Melodien und ein Haufen verlässlicher Freunde machen das Solo-Debüt unentbehrlich.

 

Lebensgeschichten von erfolgreichen Musikern, was gibt es langweiligeres? Was soll denn bitte auch spannend daran sein, das ganze Jahr durchs Land zu touren, von den Fans bejubelt, von den Groupies umgarnt zu werden und nebenbei Leute in der Distanz zu wissen, die tatsächlich an den eigenen Gedanken interessiert sein könnten. Hm, vielleicht doch nicht so übel. Zumindest die naive Vorstellung vom unbeschwert freien Künstler aus vergangenen Tagen, zwischen Drogen, Frauen und ordentlich Kohle. Doch selbst unter denen, die diesen verwegenen Traum kurzzeitig durchaus mitträumen durften, finden sich Leute, die einfach nicht für diesen Lebensstil gemacht sind. Schon sind wir wieder bei Gene Clark, anno 1966/67, dank seiner lyrischen Beiträge für die ersten zweieinhalb Byrds-Alben am kommerziellen Höhepunkt seiner Karriere und bereit, in neue Sphären abzuheben. Gelingen sollte dies mithilfe einer Solo-LP. Gar nicht so weit hergeholt, war Clark doch der primäre Songwriter und neben Jim McGuinn präsenteste Sänger der ursprünglichen Formation seiner Ex-Band, in der sonst aber praktisch nur am Tamburin Platz für ihn war. Und weil Solo vor allem in dieser ja so unkomplizierten Ära niemals Solo bedeutet, schlossen sich dem Singer-Songwriter gleich einige namhafte Musiker an, um das Debüt aufzuwerten - die Gosdin-Brüder Vern und Rex bekamen dafür sogar einen besonderen Credit.

 

Und so erschien Gene Clark And The Gosdin Brothers im Februar 1967 und wurde - die Überraschung ist überwältigend - nicht zum erhofften Hit. Heute munkelt man, dass es von Columbia wohl nicht der klügste Zug war, das Album praktisch zur selben Zeit wie jenes seiner Ex-Band, ohnehin selbst nur marginale Chartsstürmer, zu veröffentlichen. Wie auch immer, das Album ist selbstverständlich trotzdem große Klasse.
Das hat natürlich mehrere Gründe und einer davon ist der wohl für jeden Clark-Review auf dieser Webseite bemühte, dass er einfach ein grandioser Songschreiber war. Das fängt mit dem überraschend opulent produzierten Opener Echoes an, der, im trüben Licht der kryptischen Ausweglosigkeit wabernd, einmal mehr zum Beweis für schier grenzenlose poetische Brillanz wird:

 

"On the streets you look again
At the places you have been
Or the moments that you thought, where am I going
Though the walls are like the dead
They reflect the things you've said
And the echoes in your head continue showing"

 

Würde die LP hier aufhören, man würde sich nicht um sein Geld betrogen fühlen. Und doch hat sie auf ihren insgesamt lediglich 27 Minuten noch so viel zu bieten. Etwa einen stampfenden Vormarsch in Richtung Country-Rock mit Think I'm Gonna Feel Better. Ein Terrain, mit dem Clark zeit seines Lebens gerne flirtete, indes niemals wieder so explizit bearbeitete wie hier auf dieser LP, mit starker Unterstützung der Gebrüder Gosdin als Backgroundstimmen. Oder eine weitere Ode an ebendieses Genre, mit dem resignierenden Tried So Hard, welches nicht umsonst auch u.a. von den Post-Parsons Flying Burrito Brothers gecovert wurde. Oder aber das nicht minder melancholische The Same One, welches als Ballade selbstredend an einer anderen Dimension der bittersüßen Ästhetik reüssiert.

 

In weiterer Folge schüttelt Mastermind Clark eine famose Komposition nach der anderen aus dem scheint's geräumigen Ärmel, daneben spielt eine Armada an fähigen Musikern ihr Programm runter. Eigentlich obsolet zu erwähnen, dass vieles hier im Dunstkreis der Byrds abläuft. Bassist Chris Hillman und Drummer Michael Clarke kannte der Protagonist ja nur zu gut von der ehemaligen Gruppe, zu der auch der hier groß aufspielende Gitarrist Clarence White keine zwei Jahre später dazu stoßen sollte. Mit Doug Dillard, hier mit einem knackigen Banjo-Auftritt am dynamischen Keep On Pushin', sollte Clark kurz darauf als Dillard & Clark eineinhalb zumindest in meinen Ohren epochale Werke veröffentlichen - daneben stehen zumindest renommierte Namen wie Van Dyke Parks, Leon Russell oder Glen Campbell, die am kommerziellen Scheitern der LP auch nichts ändern konnten.

 

Viel Spielraum zum Streiten lässt diese dafür in musikalischer Hinsicht nicht. Klar, die dominanten Streicher hätte So You Say You Lost Your Baby nicht unbedingt gebraucht, umgekehrt hätte dem Album mit der Ausnahme Echoes, die in Sachen Arrangement ganz offensichtlich nicht in derselben Session wie die anderen Nummern entstanden ist, ein wenig mehr Abwechslung gut getan. Eine Kritik, die bei diesem für 1967 noch hochinnovativen Potpourri aus Country, Folk und Pop womöglich etwas seltsam anmutet. Vor allem, weil mit Elevator Operator samt rumpelndem Bass auch noch ein Ausflug in Richtung Garage-Rock ansteht. Vielleicht ist es ja genau das Gegenteil oder besagtes Fünkchen Pop, das manchem Titel die Tiefe nimmt - irgendwas fehlt mir jedenfalls auf die besten Scheiben unter der Regie dieses einmaligen Songwriters, auch wenn ich nicht genau festmachen kann, woran es liegt.

Anspiel-Tipps:

- Echoes

- Think I'm Gonna Feel Better

- Tried So Hard

- The Same One