Emmylou Harris - Evangeline

 

Evangeline

 

Emmylou Harris

Veröffentlichungsdatum: ??.01.1981

 

Rating: 7 / 10

von Mathias Haden, 09.10.2014


Auf der zu Unrecht verkannten Zusammenstellung älterer Cuts überwiegen die starken Momente.

 

Ach, die gute alte Schallplatte. Was hat die nicht alles durchgemacht, seit ihren ersten Konzepten in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts. Bewährt hat sie sich aber bis heute, wo ihr wieder eine strahlende Zukunft gesichert scheint, nachdem sie sich viele Jahre im Schatten der CD und den übermächtig werdenden MP3s in Undank und großflächiger Vergessenheit suhlen musste. Aber warum erzähle ich euch das alles, das wisst Ihr doch bereits. Heute unter der Lupe liegt nämlich ein Werk, das zwar vor über dreißig Jahren erschienen ist, aber erst 2013 erstmals auf CD als Teil einer Kollektion veröffentlicht wurde. Es handelt sich um das 1981 erschienene Evangeline, der neunten Studio-LP von Emmylou Harris. Als eines von zwei Alben (das andere ist Thirteen) war es nun lange Zeit nur auf good old vinyl erhältlich, warum es die Digitalisierungswellen nicht mitgerissen hat, ist auf den ersten Blick nicht ersichtlich.

 

Schaut man dann genauer hin, lässt zumindest die Tatsache, dass Evangeline aus Outtakes früherer Alben zusammengebastelt ist, etwas Spekulationsraum offen. Nicht aber der Umstand, dass es sich hier um einige der essentiellsten Aufnahmen im Schaffen der passionierten Künstlerin handelt. Allen voran fällt hier besonders der Titeltrack auf, den man - von Robbie Robertson geschrieben - möglicherweise von der The Band-Live-LP The Last Waltz kennen könnte, auf dem sich die Sängerin keine Blöße gibt und den Song zusammen mit dem Hauptakt performt. Die Studioversion ist nicht minder schön, hält aber statt den Stimmen von Rick Danko und Levon Helm jene von ihren Freundinnen Linda Ronstadt und Dolly Parton parat, deren Harmoniegesang mit Harris' emotionalem Vortrag eine wundervolle Symbiose eingeht. Die beiden Ladies sind übrigens auch ein weiteres Mal als Gastspielerinnen vertreten, auf der wohl bekanntesten Nummer auf dem Longplayer, der countryfizierten Mr. Sandman-Adaption. Diese zwei besagten Tracks entstanden in den Sessions für ein gemeinsames Album (welches erst 1987 erschien), die aufgrund der Differenzen, die der Umstand, dass die drei bei verschiedenen Labels unter Vertrag standen, mit sich brachte, schließlich abgebrochen wurden. Aus diesem Grund musste Harris für die Single-Version von Mr. Sandman auch die ganzen Strophen selbst nochmal einsingen, ehe sie diese veröffentlichen konnte.

 

War es auf dem Vorgänger (vom Veröffentlichungstermin her) Roses In The Snow noch eine Mischung aus Country und Bluegrass, ist es hier wieder vermehrt ein hübscher kleiner Mix aus Country, Pop und anderem, den Harris zwischen 1978 und 80 aufgenommen hatte. Neben dem Jazzstandard How High The Moon von 1940, auf dem ihre Begleitband, die 'Hot Band' ihre beste Leistung auf der LP abliefert, steht etwa Bad Moon Rising, bis heute einer der beliebtesten (und besten) Hits von John Fogerty’s legendärer Creedence Clearwater Revival. Auch hier läuft alles glatt. Man sagt zwar immer, einem großen Song kann auch die schwächste Performance nichts anhaben, umgekehrt kann man, wie hier eindrucksvoll bewiesen wird, auch einen großen Song um die eine oder andere Facette erweitern. Der nächste Diebstahl im Pop-Store heißt Millworker, von James Taylor verfasst, auf dem die Sängerin auch nichts anbrennen lässt, dem Song noch eine zusätzliche Tiefe mitgibt, die der Originalversion nicht gegönnt ist.

Aus dem Country-Terrain ist aber nicht unerwartet das Gros der hier entnommenen Vorlagen. Auf der großartigen Ballade Spanish Johnny, auf der sich Waylon Jennings als Duettpartner einfindet, brilliert neben der fokussierten Harris, die in ihrer unverkennbaren Stimme eine große Show ablegt, noch Ricky Skaggs an der akustischen Gitarre und Mandoline. Auch für eine Gram Parsons-Nummer ist selbstverständlich immer Platz, hier zollt sie ihm auf Hot Burrito #2 von seinem ersten Album mit den Flying Burrito Brothers Tribut.

 

Natürlich gibt es aber auch Gründe, warum Evangeline nicht im selben Atemzug mit ihren besten Werken genannt, ja, von vielen sogar sträflich gescholten wird. Denn obwohl das Album aufgrund seiner überraschend homogenen Sequenzen den üblichen, roten Faden aufweisen kann, so bleibt es letztlich doch Stückwerk. Dazu kommt auch, dass nicht jede seiner zehn Nummern überzeugen kann. Bestes Beispiel: das rockige Oh Atlanta, das als unspektakulär rockende Routineübung nicht an das Little Feat-Original heranreicht. Und obwohl ich mit den Fan-Lieblingen, den beiden Rodney Crowell Songs I Don’t Have To Crawl und Ashes By Now, die das Album eröffnen und abschließen, einiges - mit zweiterem sogar ziemlich viel - anfangen kann, so wirklich will sich mir vor allem ersterer nicht ganz auf dem Niveau der besseren Aufnahmen hier erschließen.

 

Nichtdestotrotz bietet das neunte Studioalbum von Emmylou Harris genug Argumente, um bis zum letzten Jahr zumindest kurzfristig zum Vinylhörer umgestiegen zu sein, sofern man nicht ohnehin schon längst bzw. schon längst wieder auf Polyvinyl schwört. Die starken Tracks überwiegen hier klar die schwächeren, richtig viel falsch machen konnte Harris Ende der Siebziger ohnehin nicht. So bleibt Evangeline ein zu Unrecht verkanntes Werk im bemerkenswerten Kanon einer noch viel bemerkenswerteren Frau, das aber deutlich hinter den eigenen Glanztaten bleibt, überdies noch ein großartiger Song/Track.