Earth, Wind & Fire - I Am

 

I Am

 

Earth, Wind & Fire

Veröffentlichungsdatum: 09.06.1979

 

Rating: 7.5 / 10

von Kristoffer Leitgeb, 21.11.2020


Mit makellosem, nuanciertem Sound surft es sich ganz geschmeidig auf der Disco-Welle.

 

12. Juli 1979, Comiskey Park, Chicago, es wird Baseball gespielt. Weil die dort ansässigen White Sox in der damals laufenden Saison aber wirklich bescheiden unterwegs waren, interessiert das kaum jemanden. Der Tag sollte dementsprechend auch nicht des Sports wegen, sondern wegen einer irregeleiteten, waghalsigen Marketingidee in die Musikgeschichte eingehen als "the day disco died." Um doch ein paar Seelen mehr als sonst ins Stadion zu bringen, engagiert man einen lokalen Radio DJ, Steve Dahl, um ein bisschen was für die Publicity zu tun. Der lässt sich nicht lumpen und macht aus dem eigentlich sportlichen Abend die "Disco Demolition Night", will damit seinen eigenen wachsenden Frust und den so manch anderer US-Amerikaner mit der damals in den Charts alles dominierenden Disco-Ära ausschlachten. Statt der erwarteten 20.000 Leute kommen über 50.000, die alle Disco-LPs mitbringen, um sie in einem hirnverbrannten Pausenfüller zwischen zwei Spiel von Dahl in die Luft jagen zu lassen. Wenig überraschend endet das mit Ausschreitungen und dem Abbruch des folgenden Spiels. Die automatische Niederlage für die White Sox war aber eine Randnotiz, die Schlagzeilen gehörten der Disco-Sprengung, die sich alsbald auch in den Charts äußern sollte. Disco war zwar nicht tot, aber innerhalb weniger Monate an den vordersten Chartspitzen eher eine Rarität. Gerade ein Monat davor brachten Earth, Wind & Fire auf dem kommerziellen Höhepunkt "I Am" heraus und fuhren die gewohnten Erfolge ein. Gut so, alles andere hätte dem Album auch Unrecht getan.

 

Um vielleicht dennoch kurz zurückzurudern: Die "Disco Demolition Night" hat die Disco-Ära selbstverständlich nicht eigenhändig beendet. Die späten 70er waren spätestens nach "Saturday Night Fever" geprägt von einer Übersättigung an Disco-Material, die allzu schnell an den Nerven der allermeisten Hörer gezehrt hat. Und so war es mit dem Ausklingen des Jahrzehnts auch so ziemlich vorbei mit der Vorherrschaft der Disco-Heerschar auf dem Pop-Markt. Als eines der letzten großen Hurras boten Earth, Wind & Fire - die den Abschwung des Genres durch ihre Wandelbarkeit und Qualität ziemlich gut überstanden und doch nach 1979 nur mehr einen Top-10-Hit schaffen sollten - also ihre zehnte LP. Vorangegangen war dem eine Erfolgsserie, die die Band schon fast zu Platin-Abonnenten machte und eine schrittweise Annäherung ihrer vielfältigen musikalischen Facetten an ein stromlinienförmiges, von unfassbarer Präzision geprägtes Disco-Funk-Antlitz bedeutete. "I Am" war der Gipfel dessen, erstrahlte unter Anleitung von Bandleader Maurice White, der wie auf den Vorgängeralben die Produktion übernahm, in einem kristallinen Glanz, der gefühlt jedem einzelnen Ton von jedem einzelnen Instrument einen prominenten Platz bot. Das Ergebnis war von beeindruckender musikalischer Virtuosität auf vielen Ebenen, sei es der immer wieder geniale Bass von Verdine White, die geschmeidigen Stimmen von Maurice White und Philipp Bailey oder auch nur als generelle Feststellung eine unfassbare klangliche Balance von Anfang bis Ende.

 

Die brauchte es auch, denn allein ein Blick auf die beteiligten Musiker macht sehr deutlich, dass man es mit einem musikalischen Tsunami zu tun hat. Eine Armada an Mitwirkenden an den unterschiedlichsten Instrumenten durfte dem Sound ihren Stempel aufdrücken. Natürlich in prominentester Form die Phenix Horns, deren helle Fanfaren das Markenzeichen der Band wurden, eine Vielzahl an Cellisten, Violinisten und Percussionisten, die alles von Congas über die von White selbst zelebrierte Kalimba, Timpani und das handelsübliche Drum Kit abdeckten, diverse Gitarristen und mittendrin die Grammy-Gewinnerinnen von The Emotions, die zumindest einmal stimmlich die Hauptrolle übernehmen durften. Das geschah auf dem großen Hit des Albums, Boogie Wonderland, einem, wenn nicht dem Prunkstück des ganzen Schaffens von EWF, das so ziemlich alles in sich vereint, was diese Band in ihrer überzeugendsten und mitreißendsten Form ausmacht. Ein unwiderstehlich tänzelnder Bass, abgehackte Bläser-Stakkatos, geschmeidige Gesangsparts von Bailey und White, dazu subtil, aber unüberhörbar eingeflochtene Saxophon-Parts und dynamisches Arrangement von Congas, Drums, Klavier, vereinzelten Synth-Spritzern und unterschwelligen Streichern. All das vereint mit einer überwältigend präzisen Perfektion, die eine erstklassige musikalische Balance zur Folge hat. Der Sound ist dick wie eine Betonwand und hat mehr Lagen als jedes Klopapier, aber nichts kommt zu kurz, jeder kurze instrumentelle Ausreißer sitzt genauso perfekt an seinem Platz wie der nächste. Ohne die hohen Harmonien der Emotions wäre das zwar definitiv weniger großartig, aber ein Ohrenschmaus ist es so oder so.

 

Rundherum erlebt man funkige Disco-Tunes in ähnlicher Qualität. Can't Let Go oder Let Your Feelings Show scheren aus dem Up-Tempo-Schema nicht merklich aus, nutzen die gleichen Zutaten wie der große Hit und sind dementsprechend auch ohne weibliche Gaststimmen mit verführerischem Groove und bestechendem Sound ausgestattet. Ob dann hier ein bisschen eher dem Keyboard Raum gelassen wird oder dort die Gitarre die Überdosis Funk besorgt, während die Streicher schon fast Bond-Charme ausdünsten, ist für die Qualität an und für sich nebensächlich. Diese Kleinigkeiten und starken Nuancen sind es dann allerdings trotzdem, die der Band erlauben, ihren hier bereits bis zum Exzess perfektionierten und final ausgeformten Sound doch noch auf mehrere Vier- und Fünfminüter auszubreiten. Dass es dabei nicht an Langlebigkeit mangelt, verdeutlicht vielleicht auf eher verdrehte Art auch, dass ausgerechnet Opener In The Stone der blasseste Song dieser Art ist, den man hier finden kann. Einen offensichtlichen Makel wird man soundtechnisch auch hier nicht finden, der Spielspaß lässt aber etwas zu wünschen übrig, stellt man Vergleiche mit den Höhepunkten des Albums an. Dass es dabei hier weniger um große Worte und inhaltliche Substanz geht, beweist wiederum Rock That!, das einem spät als Instrumental vorgesetzt wird und das als solches erstklassig gerät, weil ohne White und Bailey die Bühne frei ist, um dem erstklassigen Sound der Band und dabei so ziemlich jeder Instrumentengruppe die nötige Aufmerksamkeit zu schenken.

 

Klar wird dabei, dass die US-Amerikaner in diesen Zeiten definitiv Meister der Form, aber nicht zwingend des Inhalts waren. Abgesehen davon, dass Songtitel wie Boogie Wonderland oder Let Your Feelings Show ohnehin schon hinreichend zusammenfassen, worum es in den derart benannten Minuten gehen könnte, legen beide auch nicht nahe, dass es sonderlich darum gehen würde, was denn nun wirklich gesungen wird. Diese relative Substanzlosigkeit, so schwierig sie sein kann, ist komplett irrelevant, wenn man ihr gleichzeitig mit der unnachahmlichen Musik von Earth, Wind & Fire in voller Fahrt begegnet. Sie wirft allerdings immer dann Fragen auf, wenn die Band nicht mehr auf vollen Zylindern operiert, sondern einen Gang zurückschaltet und ihren R&B- und Soulwurzeln größeren Raum gibt. After The Love Has Gone und Wait heißen die dafür vorgesehenen Balladen hier. Und erstere hat es sogar geschafft, in den Charts weiter vorne zu landen als Boogie Wonderland. Es lässt sich nur absolut nicht ergründen, warum das so gewesen ist. Beide sind nämlich behände und fähig geformt, sind im Gegensatz zu den sonstigen instrumentalen Feuerwerken eher auf das harmonische, stimmliche Zusammenspiel von White und Bailey und deren Soul fokussiert. Sonderlich emotional mitgenommen oder von der Tiefe der gewählten Worte erschlagen fühlt man sich dabei aber partout nicht, was dazu führt, dass beide Songs eher dazu geeignet sind, geschmeidig und störungsfrei, aber auch reichlich unspektakulär an einem vorbeizulaufen.

 

Das ist dann wohl auch der große Makel, mit dem man auf "I Am" zu leben hat. Earth, Wind & Fire präsentieren sich hier endgültig als Meister ihres ureigenen, nunmehr perfektionierten Sounds. Er ist aber, weil eben so bis ins allerletze Detail optimiert, auch verhältnismäßig einförmig und neigt dazu, jede Abweichung von dem, was die Band am besten kann, als unerwünschte Ablenkung erscheinen zu lassen. Anders formuliert, möchte man dem voluminösen Ensemble einfach in Endlosschleife dabei zuhören, wie es in nicht zu toppender Harmonie und musikalischen Balance dem Funk und Groove freien Lauf lässt und unwiderstehliche Vocal Hooks mit großartigen, dynamisch-lockeren Instrumentalperformances paart. Und das könnte hier durchaus noch öfter in Reinform zelebriert werden, um aus einer ohne jeden Zweifel starken LP eine zu machen, die einen wirklich vom Hocker reißt. So gelingt das der Band nur vereinzelt und wohl letztlich nur ein einziges Mal in nachhaltiger, legendärer Form. An den vielen, vielen Vorzügen von Earth, Wind & Fire zu den Zeiten, als Disco gerade noch In war, ändert das aber absolut gar nichts.