Die Ärzte - Planet Punk

 

Planet Punk

 

Die Ärzte

Veröffentlichungsdatum: 18.09.1995

 

Rating: 5.5 / 10

von Kristoffer Leitgeb & Mathias Haden, 04.04.2015


Sie sagen, es wäre ihr bestes Stück, wir sagen: Naja!

 

Damals war alles besser. Alle waren happy, alle waren glücklich, alle waren froh. Sangen zumindest die Ärzte '95, als sie laut Eigenaussage ihr Magnum Opus, quasi ihr "Sgt. Pepper" und "The Dark Side Of The Moon" combined, präsentieren durften. 20 Jahre ist's her und der Nachgeschmack ist spätestens mit diesem Wissen um die Präferenzen des Trios ein etwas schaler.

 

Das Positive dann trotzdem mal vorneweg: Wo "Planet Punk" draufsteht, ist ab und an auch wirklich Punk drinnen. Erfahrungsgemäß hilft das, wenn Farin, Bela und Rod Tempo und Kraft forcieren. So auch hier, wodurch man sich zu Anfang fast schon dazu hinreißen lässt, den Jungs ihr Eigenlob abzunehmen. Die eröffnende Selbstbeweihräucherung Super Drei reißt mit großartigem Riff und treibenden Drums schon mal ein paar Türen ein, der Text offenbart zumindest standardmäßiges Augenzwinkern. Mit dem legendären Schunder-Song und seinem Mix aus hartem Punk und den ersten Motown-Spritzern macht man in der Tonart weiter, erlaubt sich noch dazu ganz unerhört ein wenig unjugendfrei zu sein. Andernorts wird aus Rifforgien ohne Schnörkeln zwar weniger Kapital geschlagen, auch Der Misanthrop und vor allem die Frauenversteher-Ode Red Mit Mir können aber immer noch auf Farin bauen, der wohl sein bestes Album als Gitarrist abliefert.

 

Kommen wir zur ambivalenten Sparte. Denn die Band probiert zwischen dem bisschen Punk eigentlich nur mehr, ein Genre nach dem anderen genüsslich zu verarschen. Das hat was für sich, denn Farin weiß ganz offensichtlich auch, wie man mit Salsa- und Big Band-Sound umgeht. Meine Ex(plodierte Freundin) wird so als textlich absolut geniale Nonsens-Perle und musikalisch kurzweiliger Ritt zum gelungensten Experiment der LP. So groß allerdings die Ambitionen in puncto Wandlungsfähigkeit auch sind, der musikalische Wert hält sich andernorts in Grenzen. Die Surf-Rock- und Schumacher-Parodie Mein Freund Michael ist zwar beim ersten Mal ein Schenkelklopfer, zum Replay bewegt einen aber weniger. Ähnlich schaut's mit der Hardcore-Punk-Persiflage B.S.L. aus, die gut eingespielter Lärm, aber nicht mehr ist. Besser ergeht es dem eingangs zitierten Hurra, das auf alle Fälle den Ohrwurm auf seiner Seite hat.

 

Kommen wir zur schlechten Seite. Die gibt's, weil auch Bela und Rod wieder Stift und Mikro belagern. Deswegen hört man bedenklich uninteressante Romantik (Geh Mit Mir), eine nutzlos-eintönige Metal-Parodie (Vermissen, Baby) oder das fragwürdige Nazareth, dessen Baroque-Chic in Verbindung mit dem Text, naja, schwierig wird. Lediglich die zumindest der Idee nach geniale Love Train-Nachmache Rod ♥ You wirkt halbwegs witzig und durchdacht, Evergreen Die Banane kann auch mehr, nämlich tatsächlich für einen kurzen Lacher sorgen.

Apropos Lacher, ein bisschen Platz bleibt mir ja noch. Deswegen wird noch schnell und unbedingt nötig auf Trick 17 m.S. verwiesen. Der tut zwar anfangs auf üblicher Punk-Song, verbucht aber mit dem Banjo-Refrain eine Sternstunde des Farin'schen Humors und, ganz ehrlich, das heißt schon ein bisschen etwas. Mehr wird nicht verraten, der gehört selbst gehört.

 

Das ganze Album muss man sich dafür nicht unter allen Umständen geben. Klar, Humor hatten sie da noch und schlechtere Musiker waren sie auch nicht gerade. Aber der unbedingte Wille, einfach mal soundtechnisch alles zu parodieren, was sich finden lässt, führt zu einem äußerst unebenen Ritt durch die 17 Tracks. Immer wieder genial, immer wieder ok, immer wieder entbehrlich. So sind sie eben, BelaFarinRod. Gott gibt's übrigens gar keinen.

 

K-Rating: 6 / 10

 


Sie sagen Punk, wir sagen: Nicht ganz!

 

Meine Güte, da ist der werte Kollege wieder ordentlich über das Ziel hinausgeschossen, macht er aus einem simplen (aber verdammt gut geschriebenen) Review einfach eine Glaubensfrage. Wer seine Meinung zum Thema kundtun möchte, der besuche bitte unser Diskussionsforum, Unterpunkt: 'God: fact or fiction?' - während ich hier mal auf den Punkt komme.

Denn der Vorsprecher zeigte mal wieder seine großzügige Seite, ließ sich von ein paar starken Riffs und einigen recht humorvollen Zeilen um den Finger wickeln. Und doch, Farin Urlaub muss man wirklich ein Lob zollen, der ist hier mit seiner Gitarre meistens auf der Höhe. Trotzdem ist Planet Punk so weit davon entfernt, ihr bestes Album zu sein, wie Nazareth von Westerland.

 

Dabei beginnt das Trio wirklich ordentlich, der erste Doppelschlag mit Super Drei und dem Schunder-Song hat Dynamik, gesunde Härte und einen erfrischenden Schmäh. Danach ist allerdings Rosinenpicken angesagt. Auf der knappen Stunde wechseln sich Highlights mit Banalitäten ab, dazwischen gibt es noch einen Haufen an harmlosem Trash. Meine (Ex)plodierte Freundin ist ganz eindeutig ersterem zuzuordnen, mit seiner grandiosen Instrumentierung und seinem lockeren und dennoch mitreißendem Drive. Auch Die Banane gehört zu den besseren Stücken der LP, hat sie ihre definitive Version aber in der Unplugged-Version, die uns damals von MTV regelmäßig aufgedrückt wurde. Das vom Kollegen gelobte Rod ♥ You weiß mit seinem zurückgelehnten Disco-Sound und den skurrilen Flöteneinlagen zu gefallen, zudem kann ein Track mit dem Titel Der Misanthrop aus der Feder Farin Urlaubs gar nicht enttäuschen.

 

Hier endet aber das Vergnügen. Jedes Mitglied hat auf der LP seinen Aussetzer, manche öfter, manche weniger oft. Selbst den konstanten Urlaub erwischt es mit dem unglaublich entbehrlichen Langweilig. Während er sich mit diesem einen Stück Dreck und einigem Belanglosen abfinden muss, wühlen seine Kollegen noch viel tiefer im Matsch. Ganz egal ob das kitschig öde Duett Geh mit mir zwischen Bela und Jasmin Tabatabai, die plumpe Metal-Orgie Vermissen, Baby oder die wenig spannende Punker-Ode Die traurige Geschichte von Susi Spakowski - immerzu gilt das Motto: schlimmer geht's immer. Und doch muss die Frage nach dem wahren Verbrechen einfach mit Nazareth beantwortet werden, denn Zeilen wie "Zieh nur Luft rein und raus, Baby, das sieht lecker aus / Mein Nasenkotelett macht garantiert nicht fett" dürfen nicht einfach ungestraft davonkommen - tja, typisch Bela einfach.

 

Man sollte verrückten Exzentrikern wie Farin Urlaub niemals ein Wort glauben, wenn sie von ihrem eigenen Oeuvre sprechen. Auf Planet Punk gibt es einen Haufen an - mal mehr, mal weniger - lustigen Ideen und wenig Punk, zudem hört man eine Band, der man musikalisch nicht oft etwas vorwerfen kann. Und auch wenn die Parodie an sich ein amüsantes Stilmittel darstellt, auf den 17 Tracks, die allein schon durch ihre groteske Vielseitigkeit keinen richtigen Fluss aufbauen können, wäre weniger mal wieder mehr gewesen. So bleibt das Album im breiten Mittelmaß der Diskographie der Band anzusiedeln, auch wenn ich zum Schluss noch eine kleinen Lanze für Mein Freund Michael brechen muss; brumm brumm brumm.

 

M-Rating: 5 / 10