Die Ärzte - Jazz Ist Anders

 

Jazz Ist Anders

 

Die Ärzte

Veröffentlichungsdatum: 02.11.2007

 

Rating: 4.5 / 10

von Kristoffer Leitgeb, 23.11.2013


Was bleibt bei Spaß-Punkern ohne Spaß und Punk? Ein fades Miss and Hit im Mid-Tempo-Rock.

 

Haben erfolgreiche Bands ein Ablaufdatum? Gibt's eine Phase, in der man als Musiker dann doch leise Goodbye sagen sollte? Ist die musikalische Form-Kurve wirklich so berechenbar oder sind die oft müden Versuche gealterter Jugend-Helden nur eine unvorhersehbarer Zufall? Und werde ich je wieder aufhören rhetorische Fragen zu stellen? Letzteres muss ich mit ja beantworten, die Lösung auf das obige Dilemma werden wir aber im Comeback-Werk der Ärzte, "Jazz Ist Anders", suchen müssen. Die Antwort gleich vorweg: Nein, sie hätten nicht aufhören müssen und ja, das Album ist nicht viel mehr als schwach.

 

Der Grund dafür, dass diese LP dann trotzdem ihre Daseinsberechtigung hat, ist ein simpler. Das deutsche Trio, auch bekannt als die 'beste Band der Welt', hat es sich nach Jahren verdient so lange Musik zu machen, wie es ihnen denn beliebt. Deswegen durften sie eben 2007 auch ihr mittlerweile elftes Album herausbringen, auch wenn von den guten alten Tagen nicht viel übrig geblieben ist.

 

Ganz egal, wo man hinblickt, die guten Seiten sind in der Unterzahl. Der Punk der alten Tage, der sich schon in den späten 90ern langsam aber sicher aus den Songs der Ärzte verabschiedet hat, kommt hier bestenfalls zwei Mal zum Vorschein. Abseits davon dominieren ruhigere Töne, die der Band letztlich weniger liegen als kraftvolle Riffs und die bereits bekannten komplett auf den Wortwitz bauenden Mid-Tempo-Songs. Doch das mit dem Witz ist hier auch so eine Sache. Genau die Männer, die zum Ende des letzten Jahrtausends mit Nummern wie Schunder-Song, Ein Lied Für Dich oder dem Grotesksong humoristische Perlen aus dem Hut gezaubert haben, bieten hier eine Mischung aus pseudo-ernstem Rock und pseudo-witzigem, vielleicht insgesamt etwas härterem Rock.

 

Das führt dazu, dass sich unter den insgesamt 19 Tracks nur eine handvoll wirklich gute heraushören lässt. Opener Himmelblau zum Beispiel zählt mit den hellen Gitarren und seinem ziemlich penetranten Feel-Good-Vibe sicher zur besseren Sorte. Ähnlich wie der an bessere Tage erinnernde beinahe-Emo-Song Allein und allen voran Living Hell, dessen Story vom depressiven Leben als reicher Sack das einzige lyrische Glanzlicht auf "Jazz Ist Anders" bietet.

 

Gerade dort ist die Baustelle diesmal nämlich eindeutig am größten. Während sich die Band musikalisch ab und an durchaus erfolgreich an einem vielseitigeren Sound versucht und ruhige Akustik-Minuten mit hartem Rock, Reggae oder den letzten Atemzügen vom Pop-Punk-Sound abwechselt, sind die Texte meist zwischen langweilig und katastrophal einzuordnen. Entweder wird einem in Songs wie Breit unsubtilster, kindischer Humor in Form von Zeilen wie: "Ich sabbere ein bisschen und rieche streng / Weil ich seit Jahren hier auf der Couch abhäng / Soziale Kontakte brauch ich nicht / Ich bin sieben Tage die Woche dicht" präsentiert. Oder aber die Band versucht sich in unerwarteten und doch grottig schlechten Minuten an ernsteren Tönen, bei denen kaum einmal herauszuhören wäre, ob denn da nun Mr. Sarkasmus am Werk ist oder doch einfach nur kitschige Langeweile. So sind Farin Urlaubs Akustik-Nummer Nur Einen Kuss, als merkwürdige Western-Romanze so unpassend wie nur möglich, und Rods lächerlich humorlose Schnulzen-Parodie mit Niedliches Liebeslied textliche Offenbarungseide.

 

Besonders prekär ist das, weil die Musik sich gerade in diesen Fällen um nichts vom Gesungenen abhebt. Fad und träge müssen als Beschreibung reichen für das, was einem Bela, Farin und Rod da bieten. Dabei wären diese Songs viel leichter zu ertragen, würde man davon nicht komplett überrumpelt werden. Man erwartet einfach keine dermaßen witz- und energiefreien Nummern, egal ob die gut oder schlecht sind. Die Idee, dass die lustigen Minuten um Vieles besser wären, stimmt allerdings nur bedingt. Denn die mühsame Synthie-Pop-Nummer Lasse Redn kann bestenfalls mit ein, zwei Zeilen überzeugen, genauso der obligatorische Vampir-Track, Licht Am Ende Des Sarges, oder das etwas andere Date in Perfekt. Diese schwierigen Minuten gipfeln in der wirklich peinlichen Bela B.-Performance in Tu Das Nicht, die einem eine grässliche Kombination an Langeweile und Ohrenschmerzen bringt und jegliches Spaß-Potenzial aus dem Thema Raubkopie rausschmeißt.

 

Trotz allem schafft es das Trio irgendwie, den größten Teil der Songs ins erträgliche Mittelmaß zu retten. Breit, Perfekt, Heulerei, Deine Freundin (Wäre Mir Zu Anstrengend). Allesamt im belanglosen Mittelfeld und dazu gesellt sich noch ein halbes Dutzend andere Tracks. Leicht begründbar, wenn man die Songs betrachtet. Bis auf vier Ausnahmen kann kaum davon die Rede sein, dass bei einem Song Text und Musik auf ähnlich hohem Niveau sind. Die Ewige Maitresse bietet einen Beweis für Rods Talent als Songwriter, die düstere Musik wird aber von eher belanglosen Zeilen zu gutem Mittelmaß degradiert. Genau umgekehrt verhält es sich bei Wir Waren Die Besten, dessen Länge auch mit Reggae-Sound nur schwer zu schlucken ist.

 

Irgendetwas Hörbares muss bei 19 Tracks der Ärzte ja dabei sein und bei vier bis fünf Songs kann man noch immer von starken Momenten sprechen. Doch abseits von Living Hell bleiben große Minuten aus. Dafür stapelt sich viel in musikalischer Belanglosigkeit und textlicher Fadesse, dazu kommen der ein oder andere Totalausfall und Verwunderung darüber, dass von den Spaß-Punk-Ikonen so wenig übrig geblieben ist. Imponieren kann "Jazz Ist Anders" meist zumindest als ein Versuch, Neues zu bieten. Dass das nicht unbedingt positiv geendet hat, ist aber mehr als offensichtlich.

 

Anspiel-Tipps:

- Himmelblau

- Allein

- Living Hell